Macht.Sprache.Raum

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Die ersten vier Episoden aus dem «LIT – Gender-Podcastworkshop»

Von Studierenden der Universität Konstanz unter der Leitung von apl. Prof. Dr. Anne-Berenike Rothstein


Welchen Aussagewert können jahrzehnte- oder jahrhundertealte Texte für aktuelle Geschlechter-, Gesellschafts- und Intersektionalitätsdiskurse haben? Wie lässt sich Literatur im Rahmen heutiger Gesellschafts- und Geschlechterdebatten diskutieren?

Diese Fragen stellen sich die Studierenden in ihren Podcasts, die im Gender-Podcastworkshop LIT, der begleitend zum alljährlich stattfindenden Seminar Literaturwissenschaftliche Perspektiven auf Gender angelegt ist, entstanden sind: Im Seminar behandelte Romane, Kurzgeschichte und Essays dienen als Ausgangspunkt, um im Medium Podcast kreative Zugänge zu aktuellen gesellschaftlichen Debatten und wissenschaftlichen Diskursen zum Thema Gender, Queer und Intersektionalität zu entwickeln. Der Workshop hat im Sommersemester 2024 und 2025 zu jeweils unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten im Kontext von Literatur, Gender und Gesellschaft stattgefunden, um damit eine sich ständig aktualisierende und erweiternde Zusammenstellung von Perspektiven auf Gender-Themen zu bekommen und zugleich einen neuen Zugang zu literarischen Texten aufzuzeigen. Der international bekannte Kulturwissenschaftlicher und BBC-Podcaster Dr. Seán Williams (University of Sheffield) begleitete die Workshops mit seiner Expertise. 

Den thematischen Schwerpunkt im Sommersemester 2024 bildeten «Gendered Spaces», also sowohl literarische wie auch reale Räume, die Geschlechteridentitäten formen, verhandeln, soziale Hierarchien sichtbar machen und zugleich subversiv hinterfragen. Im Sommersemester 2025 lag der Fokus auf dem Werk von Virginia Woolf (1882–1941), die in ihren Romanen und Essays weiblich gelesene Existenz und Selbstpositionierung in patriarchalen Strukturen reflektiert und neue literarische und gesellschaftliche Räume (der Selbstbestimmung) eröffnet.

Viel Spass beim Anhören!

Liebe Zukunft – ein Austausch zwischen den Zeiten

Von Nestor Müller und Luisa Zeidler (2024)

Charlotte Perkins Gilmans Kurzgeschichte The Yellow Wallpaper (1892), in der insbesondere das Haus und ein ehemaliges Kinderzimmer die «Gendered Spaces» darstellen, ist der Ausgangspunkt dieser Episode. In der Kurzgeschichte werden die Räume der häuslichen Geborgenheit zum Gefängnis und zum Spiegelbild der allmählich degenerierenden Psyche der Protagonistin: In Form eines atmosphärischen Hörspiels wird ein über mehrere Monate dauernder, fiktiver Briefwechsel zwischen einer in der Gegenwart studierenden Person und Jennie, einer Nebenfigur in The Yellow Wallpaper, entwickelt. Hierbei informiert zwar die Person aus der Gegenwart Jennie über die heutigen Ansichten zu mentaler Gesundheit, über den Umgang mit psychischen Krankheiten und die Möglichkeiten für Frauen im akademischen und kreativen Raum, gleichzeitig wird sie aber durch Jennies Briefe dazu gezwungen, ihre eigene Position zu reflektieren. Themen wie männliche Autorität, Frauenrechte, mentale Gesundheit und die Bedeutung von Schreiben als Möglichkeitsraum bilden die Schwerpunkte im Dialog zwischen Jennie und der Gegenwartsfigur, die durch ihren vorgetragenen Briefwechsel Schlaglichter auf das Leben im 19. und 21. Jahrhundert werfen.

Kurzbiografien und Quellen

Angekreidet! – Von Verdrängung, Macht und Sichtbarmachung durch Schrift

Von Anna Guggenmos, Janne Stoltze, Anna Egenolf und Emilia Schlolaut (2024)

Der akademische Raum ist der «Gendered Space» in der Kurzgeschichte The Chinese Lobster (1992) von A. S. Byatt, in der – vor dem Hintergrund unterschiedlicher künstlerischer Auffassungen der Arbeiten des expressionistischen Malers Henri Matisse und der damit einhergehenden Interpretationen von Geschlecht und Macht – eine Kunstdoktorandin ihren Betreuer der sexuellen Belästigung anklagt. Die Kurzgeschichte dient als Ausgangspunkt für die Autor*innen dieser Episode, sich mit dem Thema sexueller Übergriffe zu beschäftigen. Diesen Schwerpunkt hat auch die Initiative Catcalls of Konstanz, die sexuelle Übergriffe im Alltag mit Kreideschrift auf der Straße sichtbar machen. Im Interview der Studierenden mit zwei Mitgliedern des Kollektivs werden – auch in Bezug zur Kurzgeschichte – Möglichkeiten zur Sichtbarmachung von Missständen diskutiert und die Notwendigkeit betont, Transparenz im Umgang mit sexuellen Übergriffen zu schaffen. 

Kurzbiografien und Quellen

Im Dialog mit Evelyn Torton Beck – zur Wirkmacht von Kunst als Aufarbeitungsmedium

Von Kathleen Heins, Leonie Elisabeth Weiß und Wynonna Wendelstein (2025)

«That a famous library has been cursed by a woman is a matter of complete indifference to a famous library.» Dieses Zitat stammt aus Virginia Woolfs A Room of One´s Own (1929). In diesem zunächst als wissenschaftlichen Essay für eine Vortragsreihe verfassten Text beschäftigt sich die Autorin mit den Arbeits- und Lebensbedingungen für weibliche Kunstschaffende in ihrer Zeit. Wie der Titel bereits andeutet, legt sie für das Feld der Literatur fest: «a woman must have money and a room of her own if she is to write […].» Anhand unterschiedlich situierter Frauenfiguren entwickelt Woolf ein Gedankenexperiment, dessen zentrale Aussage lautet, dass die Vermittlung von Kunst ohne geistige Freiheit nicht möglich ist.

In dieser Podcastfolge steht das Gespräch mit Evelyn Torton Beck, Feministin, Literaturwissenschaftlerin, Psychologin und Emerita für Frauenstudien an der University of Maryland, im Zentrum. Vor dem Hintergrund einer Relektüre von Woolfs Essay diskutieren die Autor*innen mit Evelyn Torton Beck die Aktualität von Woolfs Thesen zur Selbstbestimmung von Frauen und besprechen darüber hinaus die Wirkmacht und das heilende Potential von Kunst(formen), insbesondere bei der Verarbeitung traumatischer Erfahrungen. Parallel zum Gespräch erstellt eine dritte Person eine Collage für die Podcast-Cover-Kachel, die sich auf die behandelten Themen bezieht. Durch eingespielte O-Töne entsteht eine Gleichzeitigkeit, die den Raum zur gemeinsamen Kreativität für Rezipient*innen öffnen soll. 

Kurzbiografien und Quellen

Der Engel im Haus – drei Generationen im Gespräch

Von Nina Rosenfelder und Ella Bütow (2025)

Ausgehend von Virginia Woolfs Professions for Women (1931) und Michael Cunninghams The Hours (1998), die beide das viktorianische Ideal der Hausfrau und Mutter als «Angel in the House» stark kritisieren – Woolf tötet (in ihren Gedanken) den Engel und Cunningham lässt seine vermeintlich perfekte Hausfrau Laura Brown die (Mutter-)Rolle aufgeben – widmet sich die Episode der Frage, inwiefern dieses Idealbild des Engels in unserer Gegenwart noch präsent ist. Anhand einer Relektüre von Woolf und Cunningham entwickelt sich das Drei-Generationen-Gespräch zwischen Nina Rosenfelder, ihrer Mutter Diana und ihrer Großmutter Vera, in dessen Mittelpunkt individuelle Erfahrungen und persönliche Deutungen des «Angels in the House» stehen. Die Gespräche machen sichtbar, wie sich das Ideal in unterschiedlichen Lebensphasen und historischen Kontexten äußert und wie es sich verändert, ohne vollständig zu verschwinden. Der Podcast interessiert sich dabei weniger für allgemeine Aussagen über «die Frau», sondern für konkrete Erfahrungen, Zweifel und innere Konflikte. Literatur und persönliche Erfahrung werden miteinander verbunden. The Hours liefert mit Laura Brown ein literarisches Bild weiblicher Selbstaufgabe, das im Gespräch zwischen Nina Rosenfelder, Diana und Vera gespiegelt und weitergedacht wird. Der Podcast schafft einen Raum, in dem deutlich wird, wie eng gesellschaftliche Erwartungen und individuelle Lebensgeschichten miteinander verwoben sind. Der «Angel in the House» erscheint dabei nicht als fest umrissene Figur, sondern als wiederkehrendes Muster – leise, anpassungsfähig und gerade deshalb so wirksam.

Kurzbiografien und Quellen

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