Adelheid Duvanel Anders-Lesen

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Von Sindy R. Rebmann


Adelheid Duvanel wird bis heute häufig mit Geschlechterfokus und über ihre psychische Erkrankung gelesen. Dieser Text schlägt vor, ihre Werke anders zu betrachten: als widerständige Praxis, die sich kritisch mit geschlechtlichen und institutionellen Machtverhältnissen auseinandersetzt.

Manche werden sich beim Namen Adelheid Duvanel an den Beitrag auf Art of Intervention von Friedericke Kretzen (2021) erinnern. Ihre Devise damals? Adelheid Duvanel neu zu lesen. Manch andere reisen gedanklich gar nicht so weit zurück. Denn Adelheid Duvanel ist in den letzten Jahren präsenter denn je. Ausstellungen, literarische Spaziergänge, Performances und neue Publikationen beschäftigen den Ballungsraum Basel. Aber auch über die Kantonsgrenze hinaus bekommen ihre Bilder und Texte neuen Aufwind.

Ihre enorm verdichtete Schreibweise fesselt die Leser*innen, lässt kein Entkommen zu. Ihre Texte werden als solche bezeichnet, die das Absurde umkreisen. Surreal sind. Das Verrückte herbringen. Monika Jagfeld stellt im Rahmen der Ausstellung 2009 «WÄNDE dünn wie Haut» in der ästhetischen Untersuchung der Bilder heraus, dass Duvanel sich mit den Motiven Mutter-Kind und Mann-Frau-Beziehung beschäftigte. Joanna Nowotny (2024) liest Text und Bild gemeinsam und stellt fest: In der ständigen Beobachtung könne «man» diese als paranoid bezeichnen. Ihre Figuren würden vom Aktiven ins Passive, vom Komischen ins Tragische kippen. Sie seien dem Anderen ausgeliefert.

Ihre Texte werden als solche bezeichnet, die das Absurde umkreisen. Surreal sind. Das Verrückte herbringen.

Diese dualen Motive und das Schreiben über Duvanel, das ihr kreatives Schaffen an Geschlecht bindet, weckten meine Neugierde. Bereits mit 17 Jahren verbringt Adelheid Duvanel (damals Feigenwinter) mehrere Monate in der Psychiatrischen Universitätsklinik in Basel. Sie erhält bereits in frühen Jahren die Diagnose Schizophrenie. Ihr Weg führt sie immer wieder in die Psychiatrie, ein Ort des Eingestehens des verlorenen Kampfes, ein Ort für Wegabkömmlinge, zum Ausharren, Selbstkonfrontieren, um Wege (neu) zu finden. Ein Ort, so berichtet Duvanel in ihrem veröffentlichten Psychiatriebericht 1981, zum «Pille frässe» und «Gehirnwäsche» (Duvanel und Weder: 2025, S. 392 – 412). Aber auch Ort der Zuflucht nach der Trennung von ihrem Ehemann Joseph, der Drogensucht ihrer Tochter und deren späteren Aids-Erkrankung. Ein Ort des kreativen Seins und Werdens im Schreiben und Malen. Viele ihrer Werke entstehen in eben diesen Räumen.

Die Verbindung von psychischen Erkrankungen und kreativem Wirken durch künstlerische Praxis wurde bereits vor der Moderne diskutiert. Im 20. Jahrhundert dann beschäftigten sich Psychiater wie Hans Prinzhorn oder Leo Navratil mit der Kunst von damals sogenannten «Geisteskranken». Während Werke von Männern als genial bezeichnet wurden und diese sich fortan Künstler nennen durften, wurden «weibliche Schöpfungen» pathologisiert und als Ausdruck von Hysterie gelesen. Medizinhistorische Aufarbeitungen zeigen, dass die frühere Diagnose Hysterie als «Frauenkrankheit» begriffen wurde und erst in den 1980er Jahren aus dem Katalog der psychiatrischen Diagnosen abgeschafft wurde. Nunmehr wurden Frauen, die früher mit Hysterie diagnostiziert worden wären, mit der Diagnose Schizophrenie versehen.

Alltägliche Strukturen lassen sich in Duvanels Arbeiten wieder-finden. Sei dies im institutionellen Kontext von Familie, Ehefrau und Mutter, in der Sorge um ihre Tochter, oder Sorge um sich selbst. Eine Sorge, die hinterfragt und neue Perspektiven ermöglicht. In Bildern, die neue Bilder eröffnen. Ein wiederkehrendes Eintauchen und eine Einladung zu anderen Perspektiven. Beispielsweise in die Ambivalenz der psychiatrischen Klinik. Klinikräume, Medikamente und Protokolle formen einen Raum der Resonanz – die eine paradoxe Form der Freiheit hervorbringt: die der Selbstbehauptung. Ihr Körper bleibt dabei verletzlich und gerade darin produktiv.

Zeichnung Adelheid Duvanel, 1980-90, Nachlass Adelheid Duvanel, Schweizerisches Literaturarchiv der Schweizerischen Nationalbibliothek. Foto: Sindy Rebmann.

Durch die vielschichtige Betrachtung, wie Duvanels kreatives und literarisches Tun Dualismen re-produziert, eröffnet sich in dieser Wiederholung, die nie identisch ist, eine Perspektive des dritten Raums: Ein Raum im Da-Zwischen, ein neuer Raum der Erkundung sozialer Verhältnisse, der ein Anders-Lesen und ein Lesen-gegen-den-Strich ermöglicht. Mit dieser feministischen Linse auf ihr Tun erkenne ich Wut und Widerstand, ein Schreiben und Bilder, die eine bürgerliche Geschlechterordnung stören. Alles andere als still! Duvanels Betrachter*innen und Leser*innen berichten von ihrem Unbehagen, wenn sie sich mit Texten und Bildern von ihr auseinandersetzten. Diesen Gefühlen eine Wertigkeit zuzusprechen und sie ernst zu nehmen, ermöglicht ein Sehen und Lesen einer widerständigen Praxis.

Mich persönlich stimmt diese Erkenntnis hoffnungsvoll. Denn über Adelheid Duvanels Tun erschliessen sich neue Möglichkeiten von Widerstand, anders zu handeln, zu denken, zu schreiben, vermeintlich feste Strukturen zu hinterfragen, Perspektiven zu wechseln. Die eigene Gefühlswelt gilt es dabei ernst zu nehmen, im Wissen darum, dass diese gerade nicht Ausdruck individuellen Versagens und Unsicherheiten ist. Sie ist vielmehr eine echte Ressource der Erkenntnis gesellschaftlicher Dysbalancen. Duvanel nutzt diese Logik radikal:

«Sollte sich unter den Teilnehmern [Gruppe eines Psychoanalyse-Schnellverfahrens] ein so unglücklicher Mensch befinden, der Takt, Verschwiegenheit und Rücksichtnahme als erstrebenswerte Eigenschaften betrachtet und der zu stolz oder zu empfindsam oder zu schüchtern ist, um sich künstlich hysterisch zu gebärden und so die Gesundung seiner Ehe herbeizuführen – er ist selber schuld, wenn seine Mary oder Susy am Schluss triumphiert, während er, ein noch kleiner gewordenes, resigniertes Männchen, nicht einmal mehr das Recht haben wird, auf den Tisch zu klopfen. Sie ist die vielbewunderte Siegerin» (Duvanel 1967 im Feuilleton «Wieder eine Ehe gerettet», zit. nach Duvanel und Weder 2025, S. 53).


Beitragsbild: Zeichnung Adelheid Duvanel, 1980-90, Nachlass Adelheid Duvanel, Schweizerisches Literaturarchiv der Schweizerischen Nationalbibliothek. Foto: Fotoatelier der Schweizerischen Nationalbibliothek.

Literatur

Duvanel, Adelheid; Weder, Christine (Hrsg.): Es gibt Tage, Zürich: Limmat Verlag, 2025.

Jagfeld, Monika; Duvanel, Adelheid: WÄNDE dünn wie Haut. Zeichnungen und Gemälde der Schweizer Schriftstellerin Adelheid Duvanel. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung, Stiftung für Schweizerische Naive Kunst und Art Brut, 01.09.22. 11.2009, St. Gallen: Museum im Lagerhaus, 2009.

Kretzen, Friederike: «10 Gründe, Adelheid Duvanel neu zu lesen«. In: Art of Intervention, 2021.

Nowotny, Joanna: «Kippmomente. Adelheid Duvanels Ästhetik am Abgrund in Text und Bild». In: Quarto, Zeitschrift des Schweizerischen Literaturarchivs, 53 (A61), 2024, S. 64–73.

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