Zärtlicher Widerstand. Oder: Verbunden im Mangoeis

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Ein Beitrag über «togetherness – pleasure as resistance» von Fleischlin/Meser mit Ruocco, Kannewurf, Ammann, Brechbühl, Heikkilä, Krstić, Mauchle.

Von Sindy R. Rebmann


Es ist Anfang Februar. Die Nächte sind noch kühl und noch immer länger als der Tag. Treffpunkt ist die Gütschbahn in Luzern. Mit mir fremden Menschen stehe ich im Halbdunkeln des Gütschlifts. Einige Spässe da, ein leises Tuscheln dort. In der Vorstellungsrunde im Dunkeln erhasche ich die wenigen, geteilten Informationen. Von dem*der Busfahrer*in bis zur gewöhnten Nachtspaziergänger*innen vereint «the pleasure of walking through the night» vielfältig. Im Stillen schreiten wir über den vom Regen durchtränkten Waldboden. Meine Augen suchen Halt im Dunkeln, ich spüre ein schwindelerregendes Ziehen im Bauch – Angst. Der Duft von frisch gefällten Bäumen durchwühlt meine Nase. Still sinniert und schreitet die Gruppe zu den Reflexionsfragen: Was bereitet mir Freude? Was macht mir Angst? Und was tue ich dagegen? Mit drei unterschiedlichen Gesprächspartner*innen tausche ich mich anschliessend aus – wegbegleitend zum Südpol in Luzern. Wohlige Wärme breitet sich in meinem Bauch aus und Freude begleitet meinen Heimweg. War das gerade wirklich? Ein Gefühl der Verbundenheit das bleibt, aber: mit wem?

Mit «togetherness – pleasure as resistance» führen Beatrice Fleischlin und Anja Meser ihre langjährige Auseinandersetzung mit feministischen Fragen zu Körperlichkeit, Öffentlichkeit und Zugehörigkeit fort. Ihre Arbeiten kreisen um Zwischenräume, in denen Identität verhandelbar wird. Mit Illona Kannewurf und Daniela Ruocco wird das Gefüge erweitert und verschiebt damit den Fokus noch deutlicher auf kollektive Formsuche – auf das gemeinsame Erproben einer anderen Art des Zusammenseins. Auffällig ist auch, wie viele Hände an diesem Abend sichtbar werden: Neben den vier Performenden treten Kostüm (Diana Ammann), Szenografie (Isabelle Mauchle), Sound (Milena Krstić) und Technik (Minna Heikkilä und Lena Brechbühl) aus dem üblichen Kleingedruckten hervor. Eine Praxis, die sichtbar macht, dass Theater stets ein kollektives Gefüge bleibt. Dieses gemeinschaftliche Erkunden begleitet auch den Nachtspaziergang – eine Freude und Lust, die später auf der Bühne weiterverhandelt werden.

Eine Praxis, die sichtbar macht, dass Theater stets ein kollektives Gefüge bleibt.

Anfangsszene. Allesamt mit kurzen Hosen, nackten Füssen und blau-grün lackierten Fussnägeln stehen die vier bedrohlich nah am Publikumsrand. Ich arbeite. Ich arbeite mehr. Ich besitze wenig – ich besitze gar nicht. Auch kein Bett – denn ich schlafe nicht. Ich beute nicht aus – ich bin dankbar. Ich bin dankbarer und es tut mir leid. Ja, es tut mir leid, dass ich mich entschuldige. Tragisch-komisch eröffnen die vier, stellen damit eine Nähe und Beziehung zu den Zuschauenden her. Wo anfänglich viel Gelächter und Schmunzeln zwischen den Stühlen zu hören war, wird es leiser. Dann verstummt es gänzlich. Das anfänglich warm-gedämpfte Licht wird dunkel. Im Scheinwerferlicht steht Illona – vor ihr ein Mikrofonständer. Der Pfad der gesprochenen Sprache lässt sie hinter sich. Vermeintlich stumm orchestriert sie vor dem Publikum. Zählt mit ihren Fingern auf, gestikuliert mit ihren Händen, deutet ein Lächeln an und lässt, so scheint mir, in ihren Augen Schmerz aufblitzen.

Die Bühne ist schwarz. Von der Decke hängen neon-orangefarbene Seile. Organische Formen pendeln; schimmern silbern oder in sanften Pastelltönen. Allesamt wattiert, weich und zärtlich. Flauschige Pompons liegen auf dem Boden. Die vier schreiten durch diesen Wald voller unbekannter Objekte. Vorsichtig, entdeckend – in Konstellationen aus zweien treffen sie sich, schmiegen sich an, vereinen und teilen sich. Die Erkundung der hängenden Objekte beginnt. Seile werden gezogen und das Unbekannte tentakulär[1] erforscht. Körper bewegen sich Richtung Boden. Bewegungen, die an ein formveränderndes Kriechen erinnern, prägen nun den Bühnenraum. Eine schrittweise Verformung, ein sich Verlängern und Verkürzen. Ein Verschieben von Knotenpunkten. Es entstehen Formumformungen, Löcher und deren Durchlässigkeit werden sichtbar. Im Zusammenspiel der summenden, tieftonigen Musik – ein Bass, der sich teilweise bis in mein Rückenmark einschleicht –, dem dunstigen Licht, der Anstrengung, die die Körper in Bewegung auskämpfen, breiten sich Schwere und Schmerz aus. Untermalt von Trockeneis, das sich durch Sublimation unsichtbar wie ein Teppich über den Bühnenboden zu legen beginnt, stehen die vier abgekämpft, mit durchzausten Haaren wieder vor den Zuschauenden. Mit Klos im Hals und Tränen in den Augen warte ich gebannt. Und flüsternd bestimmt die wiedererlangte Stimme einer der vier: Wir brauchen eine neue Form des Zusammenseins!

«togetherness – pleasure as resistance» von Fleischlin/Meser mit Ruocco, Kannewurf, Ammann, Brechbühl, Heikkilä, Krstić, Mauchle. Südpol Luzern, Februar 2026. Foto © Yoshiko Kusano.

Im anschliessenden vergnüglichen, zärtlichen Zusammenkommen wattieren und formen die nun vertraut gewordenen, zuvor leicht unheimlichen Objekte ein scheinbar wohliges Angezogenes. Was zuvor noch sperrig und anstrengend wirkte, schmiegt sich nun an Körper, verbindet und macht so das Singuläre unsichtbar. Im kollektiven Vergnügen erwächst eine Praxis des Widerstands. Ein Kratzhändchen erhebt sich mit Hilfe eines Teleskopstabs über den in sich verschlungenen Körpern, wattiert und eingepackt. Kraul mich! Stimmen überlagern sich. Geschichten verflechten sich. Es ist unmöglich, allen Erzählsträngen zugleich zu folgen. Mein sich nach Gemeinschaft sehnendes, genussdröhnendes Selbst sucht nach Anknüpfungssträngen. Eine Stimme verleitet mich, Neues auszuprobieren – anders zu wählen – Mangoeis. Jahrelang sich von der Erinnerung der ersten köstlichen Mango ernährt – fleischig, süss und fasrig – will auch ich nur eins, Teil sein.

Im kollektiven Vergnügen wird Zugehörigkeit nicht behauptet, sondern erprobt.

Angst, die mich vom nächtlichen Wald fernhält, ist längst nicht mein Eigen. Sie ist eingeschrieben, weitergegeben, erlernt – und sie trennt, lässt mich einsam sein. An diesem Abend kippt etwas. Im kollektiven Vergnügen wird Zugehörigkeit nicht behauptet, sondern erprobt. Körper verhandeln Nähe, ohne sich aufzulösen. Widerstand zeigt sich nicht in der Härte, sondern im Begehren nach zärtlicher Verbindung und Erprobung von neuen Formen des gemeinsamen Seins.

Im fulminanten Mangoeis-Appell, der meine Geschmacksnerven aus der Reserve lockt, wird mir das Vergnügen widerständigen, zärtlichen Zusammenseins bewusst. Pointiert liegt genau darin die politische Geste dieses Abends: Neues zu wagen bedeutet, sich anders zu verbinden, sich von anderen Geschichten und Perspektiven nähren zu lassen. Dabei gilt es, Gefühle wie Angst nicht zu verdrängen, sondern ihnen kollektiv eine andere Erfahrung entgegenzusetzen.

Eine neue Form des Zusammenseins beginnt dort, wo wir riskieren, unseren Geschmack zu verändern – um einander Zukunft zu sein.


Save the Date!

Bemerkungen

[1] Donna Haraway beschreibt mit der tentakulären Wahrnehmung eine Form der Weltbeziehung, die auf Tasten, Erproben und Verknüpfen basiert (2016, S. 31).

«togetherness – pleasure as resistance» verpasst? Eine weitere Vorstellung ist am 03.12.2026 im Burgbachkeller in Zug geplant.

Bild: «togetherness – pleasure as resistance» von Fleischlin/Meser mit Ruocco, Kannewurf, Ammann, Brechbühl, Heikkilä, Krstić, Mauchle. Südpol Luzern, Februar 2026. Foto © Yoshiko Kusano.

Literatur

Haraway, Donna (2016): Staying with the Trouble: Making Kin in the Chthulucene. Duke University Press, S. 30 – 57.

Haraway, Donna (2016): «Tentacular Thinking: Anthropocene, Capitalocene, Chthulucene«. In: e-flux Journal, Nr. 75.

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