Von Pascale Schreibmüller. Ein Eintrag für das «Lexikon der Intervention».
Zirkulation sozialer Wissenspraktiken –
Zur Bedeutung von Gossip im englischen Mittelalter
Bevor der Begriff «Gossip» (dt. Tratsch) zur abschätzigen Bezeichnung für Gesprächigkeit unter Frauen verkümmerte, erfüllte er eine essenzielle soziale und politische Funktion. Heute reduziert das Stereotyp Frauen auf Halbwissende, denen die Fähigkeit zu rationalen Auseinandersetzungen abgesprochen wird (vgl. Federici, S.59, 2021).
In «Zurück zur Geburt als Übergangsritus» (2021) beschreibt Rachel Reed, wie Frauen im europäischen Mittelalter über eine weitgehende Autonomie in allen Belangen der Reproduktion, von der Schwangerschaft über die Geburt bis hin zur frühen Mutterschaft, verfügten. Ihre kollektive Praxis fand ihr sprachliches und soziales Gewicht im Begriff des «Gossip». Etymologisch aus dem altenglischen «god;sibling» (Verwandte, Taufpat*innen) entstanden, bezeichnete er im Mittelenglischen spezifisch die Vertrauten und Nachbarinnen, die sich zur perinatalen Begleitung versammelten. Während Hebammen das Fachwissen einbrachten, sorgte die «Gossip-Gemeinschaft» für die rituelle und praktische Vorbereitung, die Betreuung der Geschwister sowie die emotionalen und physischen Unterstützungen. Sechs Wochen nach der Geburt und der kirchlichen Reinigung der Mutter («Kirchgang»), löste sich die temporäre Gemeinschaft auf.
Während Hebammen das Fachwissen einbrachten, sorgte die «Gossip-Gemeinschaft» für die rituelle und praktische Vorbereitung, die Betreuung der Geschwister sowie die emotionalen und physischen Unterstützungen.
Die Gossips waren zentrale Orte der Wissensvermittlung und in Zeiten begrenzter medizinischer Ressourcen von existenzieller Bedeutung. Reed beschreibt die englische «Wochenstube»[1] zudem als zeremoniell, mit festlichem Charakter. Deren Ausgelassenheit führte im 16. Jahrhundert sogar zu gesetzlichen Beschränkungen auf drei Wochen, da Stadt- und Gemeinderegierungen fürchteten, die Frauen könnten in ihren Feiern die soziale und eheliche Ordnung gefährden (vgl. Reed, S. 27, 2022).
Disziplinierte Zungen –
Wie die Hexenjagd zur Verunglimpfung des Begriffs Gossip führte
Silvia Federici argumentiert in «Hexenjagd», dass die moderne Abwertung des «Tratschs» untrennbar mit der historischen Diskreditierung weiblicher Arbeit in der reproduktiven und häuslichen Sphäre verbunden ist. Sie versteht dies als direkte ideologische Konsequenz der Hexenverfolgung im 16. und 17. Jahrhundert, die als zentraler Bestandteil des Übergangs vom Feudalismus zum Kapitalismus diente. Laut Federicis These zielte die damalige «Einhegung» von Land ebenso auf die Aneignung von kollektivem Wissen, Körpern und sozialen Beziehungen ab.
Dieser Prozess stürzte viele Frauen aus ihrer respektierten Position in prekäre Abhängigkeiten. Die Hexenverfolgung traf gezielt jene, die sich dieser Verarmung widersetzten oder sich nicht in die neue Ordnung der patriarchalen Kleinfamilie fügten. Durch die gewaltsame Unterwerfung unter männliche Kontrolle und die Zerstörung ihres sozialen Netzwerks entstand eine tiefe Spaltung unter den Frauen selbst, wobei die Angst vor dem Scheiterhaufen viele zur Komplizenschaft zwang.
Was heute als blosser «Gossip» abgetan wird, ist somit das historisch verbannte Überbleibsel einer einst mächtigen Form weiblicher Solidarität und Wissenszirkulation, die im Zuge der kapitalistischen Akkumulation systematisch pathologisiert wurde.
Reclaim the Circle – Radikal vertraut
In Resonanz mit Gossip-Praktiken
Im Rahmen meiner Forschung «queer archive of stillborn (m)others», die sich mit Verlusterfahrungen im Kontext von Schwangerschaft auseinandersetzt, entwickle ich eine Reihe von Gossip-Workshops. Diese laden zu einem temporären Vertrauenskreis ein, in dem durch das gemeinsame Teilen von Geschichten des Verlusts, neue Formen ereignishafter Archive entstehen. Die Workshops beginnen mit einer sozialen Basispraxis, wie etwa in Form eines gemeinsamen Webens. Erzählungen werden dadurch materialisiert und dienen als Fragmente für weitere Formate, etwa Performances, Installationen etc. Im Zentrum steht eine nicht-lineare Resonanz mit allen, die ähnliche Erfahrungen teilen – insbesondere jene, die historisch und gesellschaftlich oft ohne emotionale oder physische Fürsorge und ohne den Schutzraum einer Wochenstube blieben.

[1] Im heutigen deutschen Sprachraum Wochenbett (engl. postpartum).
Bild: Foto © Pascale Schreibmüller.
Literatur
Federici, Silvia (2018): Witches, Witch-Hunting, and Women. Oakland, CA: PM Press.
Federici, Silvia (2021): Hexenjagd. Münster: Unrast Verlag.
Müllheimer, Robert (1904): Die Wochenstube in der Kunst: eine kulturhistorische Studie. Stuttgart: F. Enke.
Hinweis: Das Buch von Robert Müllheimer ist im Gosteli-Archiv (BE) zu finden oder auch auf archive.org.
Reed, Rachel (2021): Reclaiming Childbirth as a Rite of Passage: Weaving Ancient Wisdom with Modern Knowledge. Yandina, Queensland: Word Witch Press.
Reed, Rachel (2022): Zurück zur Geburt als Übergangsritus. Bonn: Magas Verlag.



