Eine Hommage an die Verletzlichkeit

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Von Sari Pamer


In ihrer Trilogie In Praise of Vulnerability untersucht Teresa Vittucci eine choreografische Gegenerzählung zu den Ursprungsmythen westlicher Geschlechterordnungen. Zwischen Sakralität, Pop und radikaler Verkörperung werden Eva, Maria und Satan zu queeren Figuren einer widerständigen Genealogie. Die Arbeiten Hate me, tender, Doom und Sane Satan zeigen sich als lustvolle Dekonstruktion religiöser Ikonografien und als tänzerische Intervention in gegenwärtige Machtverhältnisse.

Choreografische Revision religiöser Narrative

Vittuccis Stücke setzen dort an, wo kulturelle Narrative ihre grösste Wirkmacht entfalten: in den Körperbildern religiöser Mythologien. Ausgangspunkt ist jeweils eine genealogische Lesart zentraler abrahamitischer Figuren – Maria, Eva, Satan – deren Zuschreibungen bis heute heteronormative Vorstellungen von Geschlecht, Moral und Begehren strukturieren. Bereits seit 2019 untersucht Vittucci die ‹Ursprünge› patriarchaler Erzählungen, die sich in den Geschichten biblischer Frauen*figuren finden.

In der ersten Arbeit Hate me, tender wird die Jungfrau Maria als Projektionsfläche patriarchaler Ideologie inszeniert. Vittucci dekonstruiert die biblische Figur als ambivalente Chiffre zwischen Reinheit, Mutterschaft und Unterwerfung und transformiert sie performativ in eine multiple Identität. Maria als Ikone, Sklavin und Heldin zugleich. Die Bühne wird dadurch zum Ort epistemischer Verschiebung: Der ‹heilige› Körper erscheint nicht länger als statisches Ideal, sondern als umkämpftes Terrain. Körper fungieren nicht länger als Repräsentation, sondern als aktiv Produzierende von Wissen, wodurch jahrhundertelange hegemoniale Bedeutungen und Strukturen nicht nur dargestellt, sondern zugleich destabilisiert, revidiert und neu gedeutet werden.

Verletzlichkeit und Widerstand

Die Trilogie steht unter dem programmatischen Titel In Praise of Vulnerability, wobei Verletzlichkeit hier nicht als Defizit oder Schwäche erscheint, sondern als widerständige Praxis. Besonders im ersten Stück Hate me, tender wird die Umdeutung sichtbar: Die Dekonstruktion des ‹unversehrten›, ‹unberührten› Körpers – Maria als ‹die› Jungfrau schlechthin – entlarvt normative Vorstellungen und gesellschaftliche Konstrukte von Reinheit als gewaltvolle männerdominierte Regime.

Die ‹erste› Frau erscheint als epistemische Akteurin, deren transgressiver Akt – das Kosten der verbotenen Frucht – nicht Schuld, sondern Bedingung von und Zugang zu Wissen ist.

Auch im zweiten Teil der Trilogie Doom verschiebt sich der Fokus von Zuschreibungen von Aussen zu eigenständiger Handlungsmacht. Eva wird nicht länger als Urfigur und Mutter der Erbsünde gelesen, sondern verkörpert Neugier und Erkenntnis. Die ‹erste› Frau erscheint als epistemische Akteurin, deren transgressiver Akt – das Kosten der verbotenen Frucht – nicht Schuld, sondern Bedingung von und Zugang zu Wissen ist. Eva wird handlungsfähig, wodurch sich eingelagerte und historisch tradierte Narrative neu organisieren. Vittucci operiert dabei mit einer Ästhetik der Überaffirmation: Durch Überzeichnung, Verkehrung und dramaturgisch bewusst gesetzte Künstlichkeit werden religiöse und popkulturelle Codes gleichzeitig reproduziert sowie unterlaufen. Mit Parodien und Wiederholung geschieht gezielt Subversion.

Queere Genealogien des Bösen

Mit Sane Satan erreicht die Trilogie ihren vielleicht radikalsten Punkt: die Aneignung des ‹Bösen› als emanzipatorische Figur. Satan ist nicht länger Antagonist*in, sondern Verbündete*r der Ausgeschlossenen und wird zur queeren Ikone des Widerstands gegen normative Moralvorstellungen. Satan wird als schillernde, genderfluide Figur dargestellt – zugleich monströs, verführerisch und verletzlich. Diese Umkehrung der ‹bösen› Figur zum Ally dient einer klaren Logik: Satan steht für das ‹Böse› und dient dazu, Abweichungen zu markieren, zu sanktionieren, zu bestrafen – seine Umdeutung jedoch ist erneut ein Akt der Selbstermächtigung. Die Performance eröffnet damit die Frage, wer überhaupt definiert, was als gut oder böse, richtig oder falsch gilt, und thematisiert Identität als ambivalenten Prozess anstatt als unverrückbare Kategorie.

Blasphemie als kritische Methode

Was die drei Arbeiten verbindet, ist eine präzise choreografische Arbeit an Affekt. Vittucci und das Team operieren mit Strategien der Überforderung, der Intimität und der Ironie, die das Publikum sowohl auf einer kognitiven als auch auf einer körperlichen Ebene adressieren. Die Bühne wird zum affektiven Raum, in dem normative Ordnungen nicht abstrakt verhandelt, sondern erfahrbar gemacht werden. Genau in dieser affektiven Vereinnahmung des Publikums liegt die politische Kraft der Performances. Bewegung erzeugt Relationen zwischen Körpern auf der Bühne und zwischen Performenden und Publikum, welche die soziale Ordnung spiegeln und zugleich transformieren.

Blasphemie ist bei Vittucci eine bewusste Setzung, jedoch nicht im Sinne einer blossen Provokation, sondern vielmehr als kritische Methode für choreografische Intervention.

Blasphemie ist bei Vittucci eine bewusste Setzung, jedoch nicht im Sinne einer blossen Provokation, sondern vielmehr als kritische Methode für choreografische Intervention: Sie unterbricht die Selbstverständlichkeit religiöser und kultureller Narrative und macht dadurch deren Konstruiertheit sichtbar. Indem Eva, Maria und Satan aus ihren ikonografischen Fixierungen gelöst werden, entsteht eine neue, queerfeministische Lesart patriarchaler Erzählungen. Diese ist nicht linear, sondern fragmentarisch, widersprüchlich und vor allem offen – und genau darin liegt ihr emanzipatorisches Potenzial.

Choreografische Umwertung

Die Trilogie von Teresa Vittucci ist mehr als eine Reihe von Tanzproduktionen, sie ist ein choreografisches Forschungsprojekt, das sich den Grundlagen westlicher Subjektivierung widmet, indem es dessen Ursprungsmythen auseinandernimmt und umdeutet. Durch die Verbindung von queerfeministischer Kritik und performativer Praxis entstehen Choreografien, die sinnlich erfahrbar sind. Hate me, tender, Doom und Sane Satan zeigen, wie tief religiös verankerte Narrative in unsere Körper und Sehgewohnheiten eingeschrieben sind und wie sie durch choreografische Intervention um- oder neu geschrieben werden können. In einer Zeit, in der Fragen nach Geschlecht, Identität und Zugehörigkeit erneut politisch aufgeladen sind, stellen Vittuccis Arbeiten einen notwendigen Gegenentwurf dar: eine Einladung, Verletzlichkeit nicht als Schwäche zu begreifen, sondern als Ausgangspunkt und Potenzial für Transformation.


Die Trilogie In Praise of Vulnerability von Teresa Vittucci wurde im April 2026 im Tanzhaus Zürich gezeigt.

Bild: Teresa Vittucci, Hate me, tender. Foto © Lukas Beyeler. Freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom Tanzhaus Zürich.

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