«Widerstand und Übermut» – eine Einladung
Vor etwas mehr als einem Jahr fand im Literaturhaus Basel ein Gespräch mit Nadia Brügger und Valerie-Katharina Meyer statt. Sie stellten ihre Neuerscheinung Widerstand und Übermut: Schweizer Schriftstellerinnen der 1970er Jahre vor. Ein Buch, dem eine intensive Recherche in Archiven vorausging: Die Autorinnen haben es sich zur Aufgabe gemacht, der beeindruckenden Literaturproduktion von Frauen in den 1970er Jahren in der Schweiz nachzugehen. Es sind zwar erst 50 Jahre, doch viele Autorinnen, die damals debütierten, sind aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden.
Wie an diesem Abend Anfang April deutlich wird, werden diese Autorinnen nicht einfach «vergessen»: von einem passiven Vorgang kann nicht die Rede sein. Vielmehr ist es ein Prozess der Verdrängung, wie er von Nicole Seifert[1] seit längerem beschrieben wird und sich mittels zahlreicher Studien belegen lässt, der hier am Werk ist: Das beginnt meist schon damit, dass Publikationen von Frauen weniger Aufmerksamkeit zu Teil werden (vgl. Frauen zählen): Sie werden nicht nur weniger häufig besprochen und weniger häufig übersetzt, die Rezensionen fallen im Durchschnitt auch kürzer aus. Und so bleiben dann die Wiederauflagen aus, die Bücher sind nicht mehr erhältlich. Auch literaturwissenschaftliches Arbeiten bleibt oftmals dem etablierten Kanon verpflichtet.
So entsteht ein permanenter Schaden am Bild von Autorinnen, so bildet sich Stück für Stück ein kollektives Bewusstsein heraus, in dem vor allem Autoren erinnert werden.
So entsteht ein permanenter Schaden am Bild von Autorinnen, so bildet sich Stück für Stück ein kollektives Bewusstsein heraus, in dem vor allem Autoren erinnert werden. Hier hat sich in den Jahren einiges getan, auch dank solcher wichtiger Arbeit, wie es die von Brügger und Mayer ist. Sie sind, wie schon der Titel sagt, ein wesentlicher Aspekt von Widerstand gegen diese Mechanismen des Literaturbetriebs.
Die 1970er Jahre waren eine Zeit des Aufbruchs für Frauen in der Schweiz: Das Stimmrecht war erkämpft worden, es bildeten sich Frauenräume, in denen feministische Theorie diskutiert wurde, und Frauenverlage von Frauen für Frauen. Wichtig zu erwähnen ist hier der feministische Verlag Edition R + F, gegründet von Ruth Mayer. Und es gab durchaus wichtige Debüts von Autorinnen wie Gertrud Leutenegger, Maja Beutler, Laure Wyss und Erica Pedretti. Ich darf mich glücklich schätzen, dass ich in meinem Studium den Werken dieser Autorinnen begegnen durfte. Und das verdanke ich engagierten Dozentinnen, die mir diese beeindruckende Literatur näherbrachten. Schon damals verstand ich, wie wichtig feministische Orte und Kontexte für das Schreiben von Frauen waren und sind. Daran knüpfen Brügger und Mayer mit ihrem Band an, denn er erinnert nicht nur an die Texte und die Autorinnen, sondern macht anhand von Briefwechseln auch das Beziehungsgeflecht zwischen den Schreibenden zum Thema.
Auch im Basler Literaturhaus wurde die Verbindung zwischen dem persönlichen Erleben und dem Schreiben zum Thema: Zu Gast war die Autorin Verena Stössinger, die 1980 ihr erstes Buch veröffentlichte: Muttertage[2], in dem sie thematisierte, wie sie auch als Mutter weiterhin schreiben kann. Die Prekarität weiblichen Schreibens wurde dabei einmal mehr deutlich. Dieses Schreiben aus dem Alltag heraus erforderte eben Widerstand und Übermut: die Kritik dessen, wer und was bisher im Literaturbetrieb anerkannt wurde – und Übermut als Kraft, diese Verhältnisse mit dem eigenen Schreiben zu verändern. Dass dies durchaus nicht selbstverständlich war, wird im Gespräch mit Verena Stössinger einmal mehr deutlich, wenn sie davon erzählt, wie sich erst nach und nach die Zuversicht in ihr festigte, eine Autorin zu sein.
Es ist ein großer Verdienst von Nadia Brügger und Valerie-Katharina Meyer, diese Themen, Genealogien und Autorinnen wieder sichtbar zu machen.
Die Begegnungen an diesem Abend berühren und verstärken das Anliegen des Buches: nicht nur zu einer Wiederbegegnung mit Schweizer Autorinnen zu inspirieren, sondern anhand einer Fülle von Material auch eine präzise Kontextualisierung des Schreibens von Frauen zu leisten. Es ist ein großer Verdienst von Nadia Brügger und Valerie-Katharina Meyer, diese Themen, Genealogien und Autorinnen wieder sichtbar zu machen: eine Arbeit an der Erinnerungskultur, die uns dazu herausfordert, die Dinge von verschiedenen Seiten zu betrachten, auf noch unbekannte Zusammenhänge hin abzuklopfen und weiterzuerzählen.
Diese Woche stellen Nadia Brügger und Valerie-Katharina Meyer die Ergebnisse ihrer Arbeit nochmals vor: In einem öffentlichen Gastvortrag am 7. Mai an der Universität Zürich geht es wieder um Widerstand und Übermut. Gastgeberinnen sind diesmal Prof. Dr. Franziska Frei Gerlach und Prof. Dr. Sabine Schneider, zwei Dozentinnen, die ebenfalls mit ihrer Arbeit an einer Erweiterung des literarischen Kanons mitwirken.
Bemerkungen
Beitragsbild: Drei Frauen einen Text lesend, Leipzig 1948. Foto: Renate und Roger Rössing. Quelle: Deutsche Fotothek via Wikimedia Commons, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Germany.
[1] Nicole Seifert, Frauen Literatur, Köln 2021.
[2] Verena Stössinger, Muttertage, Leben mit Mann, Kindern und Beruf, mit Beatrice Leuthold und Franziska Mattmann, Gümligen, Zytglogge, 1980


