Eine fantastische Reise, angestossen durch das Archiv der vollen Bäuche.
Von Sindy R. Rebmann
Wenn ich an Essen denke, denke ich an… Äpfel, an Pampelmuse, daran, in die Kirschen zu gehen. An Wurst. An das Rezept meiner Grossmutter. Daran den warmen Apfelkuchen unter dem Orangenbaum in Südfrankreich genussvoll, Gabel für Gabel zu verspeisen. Erinnerungen an die Hochzeitsfeier werden durch das Summen der Bienen im Sommer Südfrankreichs zum Leben erweckt, während sich mein Bauch allmählich wohlig füllt.
So oder so ähnlich können einige der eingesendeten Postkarten mit der Frage «Wenn ich an Essen denke, denke ich an…» im Rahmen der Ausstellung Archiv der vollen Bäuche resümiert werden. Auf dem Kasernenareal in Basel bespielten Leadora Illmer und Sarina Tharayil zwischen März und Mai den Ausstellungsraum Klingental. Besucher*innen werden gemäss eines queer curating (vgl. Hufschmidt 2018) nicht nur zum Schauen auf Abstand der Installation eingeladen. Queer curating lädt ein, bestehende Wissensordnungen präsent zu machen und zu hinterfragen, über den Tellerrand der westlich geprägten Museumsgeschichte hinauszudenken sowie neue Denker*innen und Stimmen miteinzubeziehen.
Ziel der Ausstellung? Zugangsermöglichung und Würdigung des Sprechens und Schreibens über Essen, Alltagskochen und das Wie unserer Ernährung.
Im Archiv der vollen Bäuche werden neben dem Sehen auch andere Sinne, wie Hören, Schmecken und Tasten, aktiv eingebunden. Beim Lauschen eines eigens hergestellten Podcast erzählen Menschen von ihren Erinnerungen an Rezepte und kulinarische Geschichten. Bücher dürfen angefasst und durchstöbert werden. Ein spannendes Rahmenprogramm lädt unter anderem zum Sauerteigworkshop ein und die Vernissage und Finissage wurden zu spannenden, kulinarischen Happenings. Ziel der Ausstellung? Zugangsermöglichung und Würdigung des Sprechens und Schreibens über Essen, Alltagskochen und das Wie unserer Ernährung.

Während ich auf einer niedrigen Holzbank verweile, lausche ich verführerischen Stimmen und ihren Essensgeschichten aus einem tragbaren CD-Player. Als Kind der 1990er Jahre appelliert allein Letzterer an die Nostalgie. Meine Gedanken hängen längst in Südfrankreich fest. Orangenbaumblüten in der Nase, werden meine Glieder schwer. Mir scheint, als trügen meine Knochen all die Müdigkeit der Frauengenerationen vor mir in sich. Eine Sehnsucht des Geistes nach Ruhe und Erholung macht sich breit. Was sich hier in meinen Knochen festzusetzen vermag? Es ist die Jahrzehnte schwere Gewordenheit der Sorgearbeit.
«Natürlich» fehlt Grossmutter am wurmdurchbohrten Holztisch im Schatten des Orangenbaums.
In der hier von mir gesponnenen fantastischen Szene in Südfrankreich schaue ich in die Runde und stelle fest, «natürlich» fehlt Grossmutter am wurmdurchbohrten Holztisch im Schatten des Orangenbaums. Dieses Fehlen ist kein Zufall. Während in den Zeiten des Feudalismus Tätigkeiten wie Alltagskochen noch Teil der allgemeinen Subsistenzwirtschaft waren, fand mit der Entstehung der Geldökonomie eine Verschleierung dieser Tätigkeiten statt. Seither ist Hausarbeit keine gesellschaftlich anerkannte, «echte»Arbeit mehr. Sie wird zu einer unsichtbaren Arbeit in der Sphäre des Privaten.
Auch in dieser Szene – am Tisch, unter dem Orangenbaum – schreibt sich Reproduktionsarbeit in weibliche Körper ein. Körper, die produzieren, versorgen und zugleich umsorgen. Alltagskochen wird mystifizierte Frauenarbeit, die gar als «Naturressource» interpretiert wird (Federici 2004, S. 8, 20 & 30). Meine Galle übersäuert, wenn ich an die Formulierung «in die Kirschen oder Pilze gehen» denke. Für mich verbindet die Redewendung das Sammeln und Suchen im Wald. Eine familiäre Praxis, die die Sorgearbeit als natürliche Verlängerung weiblicher Körper erscheinen lässt. Hier schreibt also Sprache Geschichte (um), nicht das Essen die Erinnerungen. Klirrend in der Küche fabriziert die unsichtbare Grossmutter ein achtsames Mahl aus den gesammelten Ressourcen, und versorgt damit fürsorglich die Familienmitglieder am Holztisch in Südfrankreich. Unsichtbar bleibt dabei nicht nur ihre Arbeit, sondern auch die gesellschaftliche Ordnung, die diese Fürsorge als selbstverständlich weibliche Aufgabe erscheinen lässt – und schreibt gerade dadurch das Phantasma der bürgerlichen Kleinfamilie fort.

Wo Grossmutter sich kümmert, müsste Grossvater jagen. Zumindest, wenn man der Geschichte glaubt, die unsere Alltagssprache so beharrlich weitererzählt. In der europäischen Vorgeschichte liegt die Zeit der Jäger- und Sammlergesellschaften einige Jahrtausend vor dem Feudalismus. Als hätte diese Szene – Grossmutter bei der Zubereitung der gesammelten Bitterorangen, Grossvater auf Freiwildjagd irgendwo da draussen – schon immer existiert. In dieser pragmatischen Plastizität werden Narrative des 18. und 19. Jahrhunderts der bürgerlichen Geschlechterordnung auf die Vergangenheit rückprojiziert (vgl. Röder 2015).
Und doch überall der Ruf nach Wurst im Ausstellungsraum. Meine Augen orientieren sich an ihrer omnipräsenten Erscheinung – auf dem Regal, in Zeitschriften, auf einigen der eingesendeten Karten. Der Schall nach Wurst vom gelauschten Podcast rauscht noch immer in meinen Ohren. Ich kann mich nicht erwehren. Gedanken von Leiden und Abfall, an Durch-den-Wolf-drehen und In-den-Darm-pressen breiten sich aus. Und unweigerlich nimmt der Phallozentrismus[1] seinen hart erarbeiteten Platz ein. Nicht, weil Würste Phalli wären. In ihnen verdichtet sich aber eine kulturelle Praxis, in der Fleisch, Männlichkeit und Macht einander wechselseitig bestärken. In diesem Unbehagen suche ich nach einem Gegenbild. Und da, ganz unverhofft und rar, tritt eine Auster in mein Blickfeld. Im Regal neben mir, wie auf einem Tableau arrangiert, bietet sie sich mir an.
In diesem Unbehagen suche ich nach einem Gegenbild. Und da, ganz unverhofft und rar, tritt eine Auster in mein Blickfeld.
Die Auster eröffnet mir einen Raum, in dem Würdigung und Kritik nebeneinander bestehen dürfen. Einen Raum des Anders-Denkens. Die Auster – ein Tier, das sich nicht für ein Geschlecht entscheiden muss. Das fluide ist. Das sich nicht auf Körper festschreiben lässt. Die an der wilden Küste im Atlantik, vorzugsweise in der Bretagne, ihren Lebensraum findet. Für einen Moment findet meine Seele Platz auf einem Transat. Ich muss nicht umsorgen, versorgen, niemand verlangt nach mir. Den Blick aufs Meer gerichtet, ermöglicht jeder Wellenschlag ein Ausatmen. Es Anders-zu-Tun. Es Anders-zu-denken. Im Bewusstsein der Privilegien, die mit Austern, ihrem Lebensraum und den rauen Küsten der Bretagne einhergehen, lade ich ein, es mir zumindest gedankenexperimentell gleichzutun. Auf fantastischer Reise in der Bretagne lassen wir gemeinsam Körper hinter uns und finden einen Raum des Zusammenseins. Erschaffen uns Denk-Freiheit, zumindest für ein paar wenige Sekunden, fernab patriarchaler Ordnungen.
Nicht verpassen: Besichtige das Archiv der vollen Bäuche im Rahmen der Kunsttage Basel!
Bemerkungen
[1] Bezeichnung für eine patriarchale Ordnung, in welcher der Phallus als zentraler Massstab und als Strukturierungsprinzip von Gesellschaften, Sprachen und Denkweisen begriffen wird. Das Konzept wurde in diversen akademischen Disziplinen im 20. Jahrhundert verhandelt und analysiert.
Beitragsbild: Ausstellungsansicht Archiv der vollen Bäuche, 2026. Foto: © Ronja Burkard.
Literatur
Federici, Silvia (2004): Caliban and the witch: Women, the Body and Primitive Accumulation, Penguin Books Ltd.
Hufschmidt, Isabel (2018): «The Queer Institutional. Or How to Inspire Queer Curating«. In: OnCurating Nr. 37, S. 29–32.
Röder, Brigitte (2015): «Jäger sind anders – Sammlerinnen auch. Zur Deutungsmacht des bürgerlichen Geschlechter- und Familienmodells in der Prähistorischen Archäologie». In: Tobias L. Kienlin (Hrsg.): Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie: Fremdheit – Perspektiven auf das Andere. Verlag Dr. Rudolf Habelt GMBH, S. 237–254.



