Unbezahlbar und unterbezahlt

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Von Eleonora Wicki


Künstler*insein und sich um andere Menschen kümmern scheinen nach wie vor, wenn nicht sich gegenseitig auszuschliessen, so doch immer noch, sich gegenseitig zu erschweren. Wie kann Kunst und Kümmern gelingen? Welche gesellschaftlichen Veränderungen braucht es dafür und welches Potenzial birgt die Vereinigung von Kunst und Care für die Literatur?   

Kunst und Care haben viele Gemeinsamkeiten. Sie erfordern Kreativität, Geduld und viel Zeit. Sie sind nicht ordentlich, nicht effizient und nicht messbar. Weder Kunst noch Care verfolgen ein klares Ziel oder einen eindeutigen Zweck. Und doch werden beide gesellschaftlich als von unschätzbarem Wert gehalten. Der Wert, den Kunst und Care haben, ist so unschätzbar hoch, dass es scheinbar einfacher ist, ihn gar nicht erst zu berechnen.

Wer den Weg hierher gefunden hat, macht sich nicht nur Gedanken zu Care, sondern lebt caring.

Um gemeinsam über die Historizität und Aktualität dieser Paradoxien am Schnittpunkt von Kunst und Care zu diskutieren, bieten Leadora Illmer, Andrea Zimmermann und Franziska Schutzbach an der BuchBasel einen Workshop mit dem Titel «Kunst oder Kümmern? Care als Bedingung und Thema von Literatur» an. Als es zu wenig Stühle hat im Raum auf dem Jazzcampus an diesem Samstagmorgen im November 2024, begeben sich mehrere Menschen auf Stuhlsuche und es ist unmittelbar klar: Wer den Weg hierher gefunden hat, macht sich nicht nur Gedanken zu Care, sondern lebt caring.

Was sich zudem in der Vorstellungsrunde zeigt: Care ist divers. Die anwesenden Menschen denken aus ganz unterschiedlichen Gründen über Care nach: Weil sie sich um ihre Kinder kümmern oder um ihre Eltern oder um ihre Freund*innen oder um andere Aktivist*innen, weil sie erkrankt sind und Care zu erhalten sich als schwierig erweist, weil sie sich Sorgen um zu wenig Self-Care machen und sich fragen, ob auch die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit dazu gehört.

In welcher Form auch immer Care gelebt und erlebt wird – es zeigt sich, dass Kunst und Care nach wie vor oft im Widerspruch zu stehen scheinen. Die Unvereinbarkeit von Care und Kunst war, historisch gesehen, sowohl symbolisch als auch materiell bedingt Es waren nicht nur das Ideal des unabhängigen Genies und die Idee zweier vergeschlechtlichter Kreationsakte – die männliche Geburt, die Ideen in die Welt setzt, und die weibliche Geburt, die ideengebärende Männer zur Welt bringt – sondern auch die materiellen Bedingungen, die es Frauen[1] jahrhundertelang verunmöglichten, Kunst und Care zu vereinen.

Die Arbeitsbelastung Schreibender nimmt heute sogar zu.

In Bezug auf die materiellen Bedingungen zeichnet Franziska Schutzbach nach, wie Frauen in den letzten Jahrzehnten ökonomisch unabhängiger wurden, gleichzeitig jedoch eine umso grössere Ausbeutung der Sorgetätigkeit stattfindet, da für diese immer weniger Zeit zur Verfügung steht und sie nach wie vor zu einem Grossteil von Frauen geleistet wird. Für die Tätigkeit als Autor*in ist dies problematisch, weil diese Andrea Zimmermann zufolge, nach wie vor mit hoher Arbeitsbelastung und wenig sozialer Absicherung verbunden ist. Die Arbeitsbelastung Schreibender nimmt heute sogar zu, da mehr Ressourcen für Lesereisen sowie das Sichtbarmachen des eigenen Schreibens in den Netzwerken investiert werden müssen als früher. Stipendien und Residencies der Kulturförderung wandeln sich allmählich, jedoch noch immer sehr langsam, indem alternative Formen der Förderung geschaffen werden[2]. Und auch wenn der Literaturbetrieb heute für Frauen zugänglicher und selbst insgesamt diverser wurde, muss nach wie vor gefragt werden: Wer leitet die Programme, wer steht auf der Bühne, wer leistet die bezahlte und wer die unbezahlte Arbeit?

Vor diesem Hintergrund diskutieren die Teilnehmenden anhand literarischer Texte, die Care in seinen diversen Ausprägungen thematisieren, zwei Fragen, die alle Anwesenden in irgendeiner Form betreffen. Die Antworten sind ehrlich, kritisch und wegweisend für das Nachdenken über Kunst und Care:

Erstens, was brauche ich, um einen literarischen Text zu verfassen und gleichzeitig Carework leisten zu können?

Bedingungen, die gewährleisten, dass es einem beim Sorgen für andere gutgehen kann.
Männer, die (lernen zu) kümmern.
Zeit.
Ein eigenes Zimmer.
Lesen.
Reflexion mit Freund*innen.
Lohn.
Aussprechen und Sichtbarmachung der Schwierigkeiten und der Strukturen, die zu den Schwierigkeiten führen.

Zweitens, was für Texte zu Care würden wir gerne lesen?

Kollektivromane, die über das Verhandeln von Grenzen berichten.
Perpektive einer potenziellen Mutter.
Zu Carearbeit in Freund*innenschaften.
Über die Einsamkeit der Sorgenden.
Texte, mit denen wir uns identifizieren können.
Essays.
Texte, die uns als Vorbilder dienen.
Über Machtstrukturen im Kunst- und Kulturbetrieb.
Utopien und Gegenentwürfe.

Ein Gegenentwurf, der von Leadora Illmer ausgeführt wird, ist das Kollektive Schreiben. Es lohne sich, in der Zwischenzeit – bis der Literaturbetrieb sich optimal für Sorgende einsetzt und das Thema Care in der Literatur als nobelpreiswürdig erachtet wird, so interpretiere ich ihre Aussage – zu überlegen, wie Aspekte von Care und Fürsorge im Schreibprozess selbst enthalten sein könnten. Der Vorschlag weist in die Richtung, die im Titel des Workshops enthalten ist und noch visionärer anmutet als das gleichzeitige Vollbringen von Care und Kunst: Es ist das sich gegenseitige Bedingen von Care und Kunst.

Was für Literaturen entstehen, wenn ihnen eine Haltung der Sorge – sich selbst, allen Menschen sowie dem Planeten gegenüber – zugrunde liegt?

Was für Literaturen entstehen, wenn ihnen eine Haltung der Sorge – sich selbst, allen Menschen sowie dem Planeten gegenüber – zugrunde liegt? Wenn die lange als männlich gedachte Form der Kreation, die Hervorbringung von Kunst, und die lange als weiblich gedachte Form des Schöpfens, das Kümmern, sich vereinen? Eine Ahnung davon gibt die folgende Textpassage aus Mareike Fallwickls Und alle so still (2024):

«Nichts kann eine so unerschütterliche Sicherheit vermitteln und das Wissen, dass alles gut wird, wie die sanften, bestärkenden Hände anderer Menschen. Zwischen den Frauen zu gehen, gestützt und getragen zu werden, erinnert Elin an das Gefühl, im Wasser zu sein.»

Umsorgt zu werden ist wie das Gefühl, im Wasser zu sein. Es ist ein Gefühl des Gehaltenwerdens, der Schwerelosigkeit, des Verschmelzens mit der Welt. Nur die Kunst kann solch starke Bilder erschaffen, die ein Gefühl von Sorge vermitteln und die Kraft des gegenseitig füreinander Sorgens zeigen. Und nur die Erfahrung des Kümmerns selbst ermöglicht es, dem Sorgen über Sprache neue Deutungen und neuen Wert zu verleihen.


Bemerkungen

[1] Dies trifft auf alle Menschen zu, die Carearbeit leisten. Betroffen waren und sind jedoch nach wie vor grossmehrheitlich weiblich sozialisierte oder sich als weiblich identifizierende Menschen, weshalb Franziska Schutzbach dafür plädiert, die Zweigeschlechtlichkeit im Diskurs rund um Care (noch) nicht abzuschaffen.

[2] Ein Beispiel: Pro Helvetia vergibt neu 1’000 Franken pro Monat für die Kinderbetreuung bei einigen Stipendien.

Bild: Workshop «Kunst oder Kümmern» während der BuchBasel, 2024. Foto: © Eleonora Wicki.


Save the Date!

Als Follow-Up des Workshops «Kunst oder Kümmern? Care als Bedingung und Thema von Literatur» an der BuchBasel 2024 gründen wir diesen Herbst das Schreibcafé «Kunst und Kümmern» und eine Care-Bibliothek im Café Kafka des Literaturhauses Basel.

Das Schreib-Café findet wöchentlich statt – immer mittwochs von 16 bis 18 Uhr. Der erste Termin ist der 24.09.2025.

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