Das Wetter draussen ist schön und sonnig. Diesen Satz haben wir im «Schreibworkshop Prosa» als Beispiel für einen schlechten ersten Satz erkoren. Er beschreibt aber das Wetter, zumindest zu Beginn der BuchBasel 2025, ziemlich treffend. Die Sonne zeigte sich in ihrer vollen Pracht und brachte die Gebäude in Kleinbasel und mit ihnen uns Besucher*innen noch mehr zum Strahlen. Die letzten farbigen Blätter fielen von den Bäumen und mischten sich zu uns, die in kleinen Gruppen mit Kaffee und Buchstabensuppe beieinanderstanden, verbunden durch die Liebe zur Literatur, zur Sprache, zu Geschichten.
Auch ich hatte mich dazu gesellt, nachdem ich am Samstagmorgen nach Basel gereist war. In meinen Rucksack hatte ich mir Neugierde und Vorfreude gepackt, ein bisschen Miss-trauen schlich sich aber auch dazu. Ich traute mich aber. Traute mich in den Workshop, traute mich, da etwas zu sagen, vorzulesen, was ich geschrieben hatte. Ganz dem diesjährigen Fokusthema («trauen») folgend. Wie viel Mut es braucht, das Geschriebene zu teilen! Eine Unsicherheit, die ich nicht nur mit diesem Workshop, sondern im Allgemeinen mit dem Schreiben verbinde. Eine Ambivalenz zwischen der Frage, ob ich noch schreiben darf (weil so viel schon geschrieben wurde), und meiner Antwort darauf, dass ich doch schreiben möchte (weil ich mich so am liebsten ausdrücke). Und dann sind da noch die Gedanken, dass das, was ich schreibe, nicht gut genug, poetisch genug, lyrisch genug, genug wertvoll ist. Dass sich das ganze Trauen lohnte, zeigte sich bereits im Workshop sehr deutlich. Nur durch ein kollektives Ge-trauen kann ein reger Austausch entstehen. Wir ge-trauten uns selbst und ver-trauten uns einander an. Das Trauen als Grundpfeiler für Ver-trauen.
Eine Steigerung des Trauens beim Workshop bedeutete für mich dann das «Lektorat Literatur», wo wir die Möglichkeit hatten, einen eigenen Text abzugeben und später mit ein*er Lektor*in zu besprechen. Auch auf dem Weg dahin verspürte ich ein Miss-trauen, eine Angst, meine eigene Unsicherheit. Ich ging mit der Erwartung hin, dass in einem Lektorat mein Text bewertet wird. Doch Lektor*innen arbeiten mit dir an deinem Text, diskutieren und analysieren ihn mit dir. Sie bewerten ihn nicht, sondern bieten einen ersten Resonanzraum, in dem über Inhalt und Form verhandelt und nachgedacht wird.
Tage, in denen wir immer wieder auf unterschiedliche Weise dem Trauen begegneten.
Als ich danach auf meine Texte blickte, spürte ich einen Unterschied zwischen den Texten, die ich eben im Workshop als Teil einer Gruppe verfasst hatte, und dem Text, den ich vor einiger Zeit, in nächtlichen Stunden in die Sofa-Decke eingehüllt, geschrieben und fürs Lektorat ausgewählt hatte. So, wie sich das Schreiben anders anfühlt, wenn ich weiss, dass jemensch diesen Text lesen wird. Wie ich mich weniger ge-traue. Weil People-Pleaser*innen, wie ich, die Leser*innen pleasen möchten und nicht primär sich selbst. Und da im Schreiben etwas Persönliches mitschwingt, fühlt sich das Teilen von Texten an, als würde ich einen Teil meines Inneren nach aussen stülpen. Wo hört das Persönliche auf und fängt das Geschriebene an? Und ge-traue ich mich, dieses Persönliche nach aussen zu stülpen? Das, was in meinem Inneren vorgeht, in Texten festzuhalten? Und was, wenn ich es nicht ganz schaffe, weil ich weiss, dass dies gelesen wird? Dann ersticke ich das Feuer, das mich zum Schreiben brachte. Die Angst, dass etwas nicht gut ist, als Feuerlöscher der Geschichten, die in mir brennen. Auch wenn ich weiss, dass es keine Einigkeit darüber geben wird, was «gut» ist.
Diese subjektive Einschätzung von «gut» ist auch ein Grund für meine Ambivalenz gegenüber Schreibwettbewerben. Die Laudator*innen des «Schweizer Buchpreises» verkündigten, was ihnen an den nominierten Texten gut gefiel, hielten aber unter Verschluss, was den Gewinnertext nun besser macht als die anderen. Könnten sie diese Frage überhaupt abschliessend beantworten? Wie kann mensch diese Frage nicht beantworten, aber die Frage, welches das beste Buch ist, schon? Muss «das Beste» gekürt werden? Wettbewerbe bieten eine tolle Plattform für Texte, aber diese ist dann doch meistens ziemlich klein und würde anders aussehen, wenn sie von anderen Menschen mit anderen Empfindungen gebaut worden wäre.
Wir, die Besucher*innen der BuchBasel, betraten die Räumlichkeiten in und um das Volkshaus, weil wir Literatur mögen, weil uns das Lesen bereichert, weil Bücher unsere treuen Begleiter sind. Die zweiten «drei scheenschte Tääg» im Jahr sind nun wieder vorbei. Tage, in denen wir immer wieder auf unterschiedliche Weise dem Trauen begegneten. Zu Beginn schwang etwas Miss-trauen mit, dass sich aber mit der Zeit in eine Ver-traut-heit verwandelte. Das Festival wurde zu einem sicheren Ort, geschützt durch die Bücher, die uns gleichzeitig von der Welt abschirmen und mit ihr verbinden. Die BuchBasel 2025 zeigte verschiedenen Formen, die Sprache, eine Geschichte, ein Werk annehmen kann. Wir fanden für uns eigene und neue Antworten auf: Was ist nun ein schlechter Satz? Was ist ein guter Satz? Was macht eine Geschichte gut? Die Gewinnerin des diesjährigen Schweizer Buchpreises, Dorothee Elmiger, schloss ihre Dankesrede folgendermassen ab: «Das beste Buch gibt es nicht.» Daher beantworten wir immer wieder diese Frage für uns selbst. Das Wetter drinnen war schön und sonnig. Bis nächstes Jahr!
Bild: Im Innenhof des Volkshauses liest Frieda von Meding die Trauworte der Besucher*innen vor. © BuchBasel 2025, Sophie Tichonenko.




