«Wir Töchter» von Oliwia Hälterlein
Von Anais Sommer
Mehl stäubt, Wasser wird dazu gegossen, die Hände beginnen zu kneten. Irgendwann haftet der Teig nicht mehr an den Fingern, sondern an sich selbst – er hält. Viele sind mit diesem Prozess vertraut, bevor sie je in ein Rezeptbuch geschaut haben. Jemand hat ihnen das richtige Verhältnis von Wasser und Mehl gezeigt und erklärt, worauf dabei zu achten ist. In Oliwia Hälterleins Debütroman dient die Herstellung und Verarbeitung von Teig als Metapher für das, was zwischen Generationen kleben bleibt. Die Grossmutter mischt Wasser und Mehl nach einem Verhältnis, das sie nie gemessen hat, sie kennt es einfach. Dieses intuitive Wissen, das ihre Finger und ihre Augen kennen, sich aber nicht in Sprache übersetzen lässt, ist der Kleber zwischen ihr und ihrer Enkelin. An jenem Abend im Literaturhaus Basel, an dem Hälterlein aus ihrem Roman liest und mit Literaturwissenschaftler*in Cornelia Pierstorff ins Gespräch tritt, kehrt dieses Bild immer wieder zurück, wenn es um die Fragen geht: Welche Erfahrungen werden zwischen Generationen weitergegeben? Und wie werden sie vermittelt, wenn die Worte fehlen?
Oliwia Hälterlein, geboren 1986 in Bydgoszcz in Polen, ist Schriftstellerin, Kulturwissenschaftlerin und Dramaturgin. «Wir Töchter», ihr erster Roman, erschien im Februar diesen Jahres bei C. H. Beck und hat den Bayern 2 Wortspiele-Preis erhalten. Zuvor erschien in der Reihe «MaroHefte» ihr Essay «Das Jungfernhäutchen gibt es nicht» – ein Titel, der bereits zeigt, womit Hälterlein sich beschäftigt: mit dem Körper als politischem Feld, mit dem, was Frauen auferlegt wird, und mit dem, was sich dagegen sagen lässt. Der rote Faden ihres Schaffens, so formulierte sie es am Abend der Lesung, sei «die feministische Perspektive auf die Welt – nicht nur als Keyword, sondern als Filter auf alles.»
Drei Frauen, zwei Sprachen, ein Chor
«Wir Töchter» verwebt die Geschichte dreier Generationen von Frauen, erzählt von deren Körpern und Sprachen, ihrer Herkunft und Zukunft. Pierstorff beschreibt die formale Besonderheit des Romans treffend: Die Zeitlichkeit des Erlebten der drei Protagonistinnen – Tochter Waleria, Mutter Róża und Grossmutter Marianna – werde «abwechselnd gestaltet, sei wiederkehrend und sorgfältig verwoben». Marianna, geboren während des Zweiten Weltkriegs, war eine Bäuerin. Róża, geprägt von der sozialistischen Volksrepublik Polen, verliess das Land Ende der 1980er Jahre Richtung Westdeutschland, wo Waleria schliesslich aufwächst.
Das Wir – wir Frauen der Familie – war vor allem anderen da.
Oliwia Hälterlein
Doch wer ist eigentlich die Hauptfigur? Hälterlein antwortete darauf klar: «Keine der Protagonistinnen sollte eine Hauptrolle annehmen.» Das «Wir» des Titels ist Programm. Es gibt chorische Abschnitte, einen «Chor der Ahninnen», in dem kollektive Stimmen laut werden – auf Deutsch und auf Polnisch, teils in altertümlichem oder regionalem Dialekt, dann wieder in moderner Ausdrucksweise. Pierstorff fragt, ob das «Wir» die eigentliche Protagonistin sei. «Ja», bestätigt Hälterlein, «das Wir – wir Frauen der Familie – war vor allem anderen da.»
Wann beginnt die Tochterschaft – und wann endet sie?
Diese Frage steht im Zentrum des Romans und des Abends. Waleria erfährt, dass ihr ein Eierstock entnommen werden muss. Obwohl sie keinen Kinderwunsch hegt, trifft sie die Erkenntnis unerwartet: «Nach mir wird es keine Tochter geben.» Wenn man keine Kinder zeugt, was geht dann mit einem zu Ende? Was bedeutet es, als Frau an dieser gesellschaftlichen Erwartung zu scheitern? Hälterlein zeichnet nach, wie Waleria ihre Antworten auf diese Fragen findet und dabei feststellt, dass diese eng mit dem verbunden sind, was vor ihr war. Insofern ist Waleria auch eine Tochter der Zeit, ihrer ganz spezifischen Umstände und der Epoche, in der sie gross wird – im Kontrast zu den Frauen vor ihr.
Teile des Romans berichten aus dem Leben der drei Frauen, als sie jeweils fünf Jahre alt waren – und machen so sichtbar, wie unterschiedlich ihre Leben verlaufen sind. Marianna, als Mädchen weniger wert als das Vieh auf dem Bauernhof, wird als Arbeitskraft eingesetzt. Róża emigriert, um dem ländlichen Leben zu entfliehen, das Waleria nur aus den Sommerferien kennt – und dementsprechend als Idylle wahrnimmt. Hälterlein wollte keine Aufstiegsgeschichte erzählen, sondern eine wertschätzende Perspektive auf unterschiedliche Lebenssituationen. «Wessen Leben war es wert, erzählt zu werden, und wieso?», fragt sie. «Als meine Grossmutter verstarb, starb viel mit ihr. Warum gehören manche Dinge ins Museum und andere nicht? Warum werden manche Frauen Künstlerinnen und andere Bäuerinnen?»
Warum gehören manche Dinge ins Museum und andere nicht? Warum werden manche Frauen Künstlerinnen und andere Bäuerinnen?
Oliwia Hälterlein
Diese Frage hat politische Kraft. Sie richtet sich gegen eine Literatur- und Kulturgeschichte, die bestimmte Leben systematisch ausblendet – und damit auch gegen ein Verständnis von Relevanz, das entlang von Klasse, Herkunft und Geschlecht verläuft. Hälterlein interessiert sich für die unsichtbaren Fähigkeiten von Frauen bäuerlicher Herkunft, für die harte, nie endende Arbeit, die sie leisten, für das, was durch ihre Hände weitergegeben wird, für die Kommunikation, die sich mit Worten schwer tut.
«Wir arbeiten und hören nie chciało jej się – das Gemachte
bleibt unsichtbar, weil es nie genug ist.
Wir sind Magd, Köchin, Frau, Mutter, Tochter, Schwester.
Wir können alles gleichzeitig, umkreisen uns selbst und
alle anderen, bis uns schwindelig wird.»
– Oliwia Hälterlein, 2026, S. 14
Sprache, Essen, Lücken
Kochen und Essen sind Konstanten im Buch. «Essen ist ein metaphorisch aufgeladener Bereich – Genuss, Schmerz und Leben liegen im Bauch sehr nahe beieinander», erklärt Hälterlein am Lesungsabend. Die Sprachlosigkeit ihrer Figur Waleria ansprechend, die sich zwischen Sprachbarrieren und Diaspora befindet, ergänzt sie: «Wenn Sprache fehlt, füllt manchmal Essen die Lücken.» Sprache fehlt in diesem Roman auf mehreren Ebenen. Die Bilingualität der Familie – Polnisch und Deutsch – ist nicht nur ein kulturelles Merkmal, sondern ein emotionaler Riss. Das Nicht-Sagen-Können von «Ich liebe dich», weil die Worte in der einen Sprache anders wiegen als in der anderen. Różas Entscheidung, nur wenig Polnisch an Waleria weiterzugeben, ist selbst auf eine gewisse Weise eine Art von Emanzipation – und gleichzeitig ein Verlust.
Welche Mehrsprachigkeit können wir uns erlauben?
Oliwia Hälterlein
Hälterlein liess das Polnische im Roman unübersetzt, erst der Verlag fügte ein Glossar hinzu. So schuf sie für Lesende gewisse sprachliche Hürden – sie macht das zum politischen Statement: «Welche Mehrsprachigkeit können wir uns erlauben?» Wer gewohnt ist, etwa französische und englische Einschübe mühelos zu lesen, stolpert über das Polnische – und darin liegt eine Frage nach Hierarchien, nach dem, was als selbstverständlich gilt und was nicht.
Cornelia Pierstorff sprach während der Lesung von einer «Poetik der Verletzbarkeit» und beschrieb das Buch als «einen Schlag in die Magengrube – einen sehr körperlichen Text». Beides trifft auch auf den Abend zu. Hälterlein liest nicht mit Distanz, sie liest mit Haltung; stets offen für das Brüchige, das Unfertige, das Fragende. Die Reihe Körper erzählen hätte kaum eine passendere Gästin finden können: Hier erzählt ein Körper – der Text, die Stimme, das Wissen der Grossmutter im Teig – von dem, was sich zwischen Frauen überträgt, ohne je vollständig benannt werden zu können.
Beitragsbild: Foto © Anais Sommer.



