Von Julia Rüegger. Ein Eintrag für das «Lexikon der Intervention».
«Flanieren» (von franz. flâner = se promener sans but, au hasard, usé son temps sans profit [1]) bezeichnet die Praxis einer bestimmten Weise des Gehens in der modernen Grossstadt, ein zielloses, zweckfreies Umherschweifen, verbunden mit einer intensivierten Aufmerksamkeit. Wer flaniert, folgt in der Regel keiner vorbestimmten oder funktionalen Route, sondern überlässt sich dem Strom der Menge, spontanen Impulsen und situativen Resonanzen, die den* oder die* Flanierende*n zur kreativen Erkundung der eigenen Umgebung einladen.
Aufgekommen ist diese Praxis Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem Bau der neuen Passagen in Paris, in der Phase des Hochimperialismus und einer Zeit der zunehmenden Industrialisierung und Modernisierung. Bald darauf wurde das Flanieren auch in anderen europäischen Metropolen wie Berlin oder London zu einer regen Praxis, die sich auch literarisch und künstlerisch niederschlug. Das Flanieren wurde dabei auch als journalistische oder gar archäologische Tätigkeit aufgefasst und mit der Aufgabe des Dokumentierens und Entzifferns von Geschichte, Architektur und sozialen Phänomenen verbunden.
So ist dem Flanieren von Beginn an der Widerstand gegen eine herrschaftsförmige Ordnung der Stadt eingeschrieben, die sich im Zuge der Rationalisierung, Zentralisierung, Militarisierung und Kommodifizierung der modernen Großstädte bemächtigte.
Gewisse Formen des Flanierens verfolgten stets ein subversives und ermächtigendes Anliegen. So ist dem Flanieren von Beginn an der Widerstand gegen eine herrschaftsförmige Ordnung der Stadt eingeschrieben, die sich im Zuge der Rationalisierung, Zentralisierung, Militarisierung und Kommodifizierung der modernen Großstädte bemächtigte. Walter Benjamin, dessen Texte zum Flanieren die Debatten massgeblich beeinflussten und der die Strassen an einer Stelle als «die Wohnungen des Kollektivs»[2] bezeichnet, gilt der Flaneur als «Vorreiter einer künftigen Revolution, die über eine Wiederaneignung der Straßen anheben würde»[3]. Er charakterisiert diesen denn auch aus marxistisch geprägter Perspektive, wenn er feststellt, dass «der Müssiggang des Flaneurs […] eine Demonstration gegen die Arbeitsteilung […]»[4] sei und der Flânerie die Vorstellung zu Grunde liege, «dass der Ertrag des Müssigganges wertvoller sei als der der Arbeit.»[5] – Ein Müssiggang, der zwar einen Affront der kapitalistischen Ökonomie darstelle, zugleich aber nur denjenigen Personen möglich ist, die über die ökonomischen Möglichkeiten des Müssiggangs verfügen, wie u.a. Annie Pfeiffer feststellt.[6]
Auch die Situationisten rund um Guy Debord, die dem Flanieren Mitte der 1960er-Jahre im Namen der «Psychogeografie» einen neuen Aufschwung verliehen, verstanden ihre Praxis als eine herrschafts- und kapitalismuskritische. Beim «dérive», dem Akt des eigensinnigen Umherschweifens, ging es ihnen darum, dem in die Stadt eingeschriebenen Diktat kapitalistischer Konsuminteressen zu entkommen und ein individuelles, subjektives Erleben und Empfinden der eigenen Umwelt zurückzuerlangen.[7]
Flanieren als queerende Praxis
Doch trotz allem kritischen Impetus ist das Flanieren alles andere als eine ausschlussfreie Praxis. Vielmehr war es jahrzehntelang eine relativ exklusive Tätigkeit, die vornehmlich nicht-behinderten* weissen Männern vorbehalten war, die sich die Musse dieser unproduktiven Tätigkeit leisten und sich auf der Strasse frei und sicher bewegen konnten, ohne Anstoss zu erregen. Frauen*, People of Colour, Menschen mit Behinderungen[8] und Arbeiter*innen waren davon grösstenteils ausgeschlossen – und sind es oftmals auch heute noch. Das heisst allerdings nicht, dass diese Personen nicht auch auf der Strasse unterwegs gewesen wären und ihre eigenen Praktiken des Umherschweifens entwickelt hätten. «If we tunnel back, we find there always was a flâneuse passing Baudelaire in the street»[9], schreibt Laurin Elkin, die mit ihrem Buch Flâneuse (2016) der marginalisierten, aber dennoch existenten weiblichen Flânerie ein Denkmal setzte. Doch in der Geschichte des Flanierens tauchen diese Frauen* und andere marginalisierte Gruppen kaum auf.
Wenn Virginia Woolf als eine der ganz wenigen bekannten Flaneusen in ihrem 1926 erschienen Essay Street Haunting davon schwärmt, dass es beim Flanieren darum gehe, die gewohnte Identität hinter sich zu lassen, «to become part of that vast republican army of anonymous trampers»[10], deutet sich darin an, welchen Einschränkungen Frauen* in den ihnen zugewiesenen häuslichen Sphären ausgesetzt waren. So schliesst Annie Pfeiffer aus ihrer Lektüre von Woolfs Essay: «[E]arly twentieth-century women could walk, but only by surrendering their gender and identity as women».[11] Damit erkennt Pfeiffer in dieser modernen Form des Gehens aber auch ein transgressives, die Geschlechtergrenzen auflösendes und befreiendes Moment: «[…] the rambling woman not only becomes anonymous but also androgynous, shedding the private casing that serves as a distinct marker of sexual difference.»[12] Und Pfeiffer beschreibt ‹den› Flaneur – allen gesellschaftlichen Einschreibungen zum Trotz – als «sexually ambivalent, potentially queer figure who rejects heteronormativity and sexual reproduction in refusing to submit to norms of economic productivity and social propriety.»[13]
Die Freiheit und Freude, ohne Angst zu gehen
An diese und ähnliche Potenziale schliessen auch zeitgenössische Reflexionen an, die das (zweckbefreite) Gehen von Frauen* und anderen marginalisierten Personen im öffentlichen Raum thematisieren. Die afro-britische Autorin Aminatta Forna konstatiert in ihrem Essay Power Walking aus dem Jahr 2018: «Walking, for a woman, can be an act of transgression against male authority.»[14] Dabei denkt sie auch die intersektionale Perspektive mit: «On the streets race and gender intersect, the dominance of men over women, of white over black, of white men over white women, of black men over black women, of Hispanic men over Hispanic women and so forth.»[15] Und der jamaikanische Autor Garnette Cadogan schreibt in seinem Essay Ein Schwarzer geht durch die Stadt: «Wir wollen die Freiheit und Freude, ohne Angst zu gehen – auch ohne die Angst anderer – , und zu gehen, wohin wir wollen.»[16] Eine Freiheit, die ihm als Person of Colour nicht oder nur sehr partiell gewährt wird:
«Für Schwarze ist das Gehen ein eingeschränktes Erlebnis, ihnen ist die klassisch romantische Erfahrung nicht vergönnt, allein unterwegs zu sein. […] Sosehr ich mir New York als Heimat erlaufen habe, auf seinem mir immer vertrauteren Strassen, so sind es eben diese Strassen, mit denen mich die Stadt von sich fernhält. Als Gehender bin ich hier entweder unsichtbar oder allzu auffällig. Und so gehe ich, gefangen zwischen Erinnerung und Vergessen, zwischen Erinnerung und Vergeben.»[17]
Auch wenn Forna, Cadogan und andere in ihren Bezügen zum Flanieren stark von den Hindernissen ausgehen, die ihnen als Schwarze Personen oder Frauen* begegnen, wirken sie durch diese situierten Beschreibungen und Analysen an einer wichtigen Öffnung, Befragung und Veränderung der Flanier-Praxis mit. Damit sind sie nicht allein: Auch in der künstlerischen und aktivistischen Praxis werden seit einiger Zeit herrschaftskritische und inklusive Formen des Flanierens erprobt, die oftmals von jenen ausgehen, die in der klassischen Tradition des Flanierens ausgeklammert blieben. Jene, für die sich die Erscheinung und Bewegung im öffentlichen Raum als herausfordernd oder gar existenziell bedrohlich darstellt, sei es aufgrund sexistischer oder rassistischer Diskriminierung, aufgrund struktureller Barrieren oder der Abweichung von sozialen und kulturellen Normen.
[S]eit einiger Zeit [werden] herrschaftskritische und inklusive Formen des Flanierens erprobt, die oftmals von jenen ausgehen, die in der klassischen Tradition des Flanierens ausgeklammert blieben.
So gründete Neha Singh 2015 in Mumbai die Gruppe Why Loiter, in der Frauen* nachts gemeinsam spazieren, herumschweifen und demonstrativ und lustvoll öffentliche Orte einnehmen, an denen sie in einer patriarchalen Gesellschaft – zumal nachts – nicht vorgesehen sind. Auch das 2021 veranstaltete Frankfurter Festival Nocturnal Unrest widmete sich feministischen Bewegungen im öffentlichen Raum, und weltweit stattfindende Aktionen wie Take Back The Night und die sogenannten Cat Walks reklamieren den Raum der Strasse lautstark und solidarisch als einen Raum für Frauen* und FLINTA-Personen.
Flanieren als demokratische Praxis
Viele der Aktionen und Personen, die sich das Gehen im öffentlichen (Stadt-)Raum heute kritisch aneignen und es deprivilegieren, werden also im Kollektiv praktiziert und auch hinsichtlich der Fortbewegungsmittel und anderer Modalitäten erweitert. So denkt Valeria Luiselli über das Flanieren auf dem Fahrrad nach[18], die Künstlerfigur Soya the Cow lädt mit ihrer Performance Try Walking in My Hooves zu artenübergreifenden Streifzügen durch urbane Landschaften ein, Flanierfestivals wie das OFF-Festival in Oslo und die Zeitschrift Flaneur erforschen interdisziplinäre Zugänge. Ein weiterer Aspekt, der kritische Flanier-Praktiken von heute oftmals auszeichnet, ist, dass sie mit Vermittlungsaspekten verbunden sind und sich neben feministischen Anliegen oftmals als erinnerungspolitische, dekoloniale oder ökologischen Interventionen verstehen. Ein anderer grosser Bereich, in dem das Flanieren en vogue ist, sind Formen des virtuellen Umherschweifens oder digital unterstützte Formen des Flanierens, die wie im Fall der 2012 von Babak Fakhamzadeh entwickelten dérive-App oftmals so kritisch wie kreativ mit technologischer Infrastruktur umgehen. Dabei implizieren all diese Weisen des Flanierens neue Wahrnehmungs- und Erfahrungsmöglichkeiten; andere Tempi des Unterwegsseins und eine andere Verteilung von Aufmerksamkeiten, die zur Schaffung neuer Allianzen führen kann.
Es steht jedenfalls fest, dass die Praxis des Flanierens selbst nie weg war und gegenwärtig kreativ weiterentwickelt wird.
Nicht wenige dieser Projekte knüpfen somit an das Freiheitsversprechen und das komplexe Erbe des Flanierens an. Sie problematisieren die gesellschaftlich reproduzierten Ungleichheiten dieser Praxis, halten aber zugleich an der Möglichkeit des selbstzweckhaften Gehens in öffentlichen Räumen als einer wiederständigen und potenziell emanzipatorischen Praxis fest, die allen Menschen offenstehen sollte. An einer Praxis, die Rebecca Solnit zufolge eine wesentliche Art und Weise darstellt, in der Welt zu sein, «so dass denjenigen, die nicht nach Lust und Laune spazieren konnten, nicht nur Bewegung und Erholung, sondern auch ein ungeheuer grosser Teil ihres Menschseins versagt [wird].»[19]
Ob es nach über hundert Jahren noch angemessen ist, für dieses ausschweifende Gehen im öffentlichen Raum denselben Begriff zu benutzen, den Walter Benjamin und andere benutzten, um einen einzelgängerischen Spaziergänger in der neuaufgekommenen Grossstadt zu bezeichnen, lässt sich diskutieren. Es steht jedenfalls fest, dass die Praxis des Flanierens selbst nie weg war und gegenwärtig kreativ weiterentwickelt wird: Im Einsatz für ein Recht auf Stadt[20] und als Gegenbewegung zur neoliberalen Privatisierung von öffentlichen Räumen, aber auch als eine demokratische Praxis, an der teilzuhaben kein Luxusgut der wenigen sein soll.
Bemerkungen
Beitragsbild: Auf einer Hausfassade steht: «La beauté est dans la rue» (auf Detusch: Die Schönheit ist auf der Strasse). Foto © Julia Rüegger.
[1] Neumeyer, Harald: Der Flaneur. Konzeptionen der Moderne, Würzburg, 1999, S. 11.
[2] Benjamin, Walter: Das Passagen-Werk. Erster Band, Frankfurt a.M.,1983, S. 533.
[3] Hetzel, Andreas «Gehen als ästhetische Praxis», in: Wieser, Matthias/Philipetis, Elena (Hg.): Medienkultur als kritische Gesellschaftsanalyse. Festschrift fürRainer Winter, Köln, 2021, S. 514.
[4] Benjamin, Walter: Das Passagen-Werk. Erster Band, Frankfurt a.M.,1983, S. 538.
[5] Ebd., S. 567.
[6] Pfeifer, Annie: «Between Streetwalking and Flânerie. Rething Female ‹Fortbewegung› », in: Annie Pfeifer / Reto Sorg (Hg.): Spazieren muss ich unbedingt. Robert Walser und die Kultur des Gehens, Robert Walser Studien, Paderborn, 2019, S. 213–224.
[7] Debord, Guy: «Theorie des Umherschweifens», in: Der Beginn einer Epoche. Texte der Situationisten, Berlin, S. 64ff.
[8] Einen spannenden Einblick in den Zusammenhang von Behinderung und (selbstbestimmter) Bewegung im öffentlichen Raum gibt dieser Auszug aus dem Film «Examined Life» mit Sunaura Taylor und Judith Butler auf Youtube.
[9] Elkin, Laurin: Flâneuse: Women Walk the City, London, 2016, S. 11.
[10] Woolf, Virginia: Street Haunting, New York, (2022), S. 132.
[11] Pfeifer, Annie: «Between Streetwalking and Flânerie. Rething Female ‹Fortbewegung› », in: Annie Pfeifer / Reto Sorg (Hg.): Spazieren muss ich unbedingt. Robert Walser und die Kultur des Gehens, Robert Walser Studien, Paderborn, 2019, S. 223.
[12] Ebd., S. 222.
[13] Ebd., S. 223.
[14] Forna, Aminatta: «Power Walking», 19.09.2018 auf Literary Hub.
[15] Ebd.
[16] Cadogan, Garnette: «Ein Schwarzer geht durch die Stadt», in: Lubkowitz, Anneke (Hg.) (2020): Psychogeografie, S. 111. Dieser Text wurde im Original auf Englisch publiziert und kann hier nachgelesen werden: «Walking While Black», 08.07.2016 auf Literary Hub.
[17] Ebd., S. 110–111.
[18] Luiselli, Valeria: «Eile mit Weile auf dem Fahrrad», in: Falsche Papiere, München, 2014, S. 37–41.
[19] Solnit, Rebecca: Wanderlust. Eine Geschichte des Gehens, Berlin, 2019.
[20] Vgl. Henri Lefebvre: Das Recht auf Stadt, Berlin, 2016 (im franz. Original bereits 1968 erschienen).




