Gemeinschaft in Bewegung

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Ein Beitrag über «Fuego Contigo» von 1GUH WATCH, gezeigt während der Swiss Dance Days 2026.

Von Anais Sommer


Der Raum verstummt, als die Musik erklingt. Auf der Bühne von 1GUH WATCH entfaltet sich eine unerwartete Szene: Statt, wie vielleicht erwartet, eine vorbereitete Choreographie zu tanzen, reagieren die drei Männer in der Mitte spontan auf die Musik, die DJ Pappi ihnen live vorsetzt. Sound-Häppchen um Sound-Häppchen probieren sie sich durch Tanzschritte. Körper führen Körper: sie lehren, imitieren, vergessen manchmal, passen sich der sich wiederholenden Musik an.

Tamara Alegre, die hinter dem Projektkonzept steckt, bestätigt, dass die Bewegungen der drei Männer in jeder Show neu improvisiert werden und sich von Vorstellung zu Vorstellung unterscheiden. Die Live-Interaktion zwischen Musik und Körper, das ständige Anpassen und Weitergeben von Schritten, ist Teil des kollektiven Prozesses, den das Ensemble selbst gestaltet – durch den es sich selbst herstellt.
DJ Pappi, Tänzer, DJ und Entertainer, der von Beginn an für die Musik verantwortlich war, erklärt, dass Musik und Tanz immer im Dialog stehen. Die Auswahl der Stücke, die Loops, die Wiederholungen – alles ist Teil eines Prozesses, der die Mitglieder des Ensembles miteinander verbindet.

Während die drei Tänzer in der Mitte üben, befindet sich der Rest der Crew – Tänzer*innen und DJ – am Rand. Sie bleiben im Hintergrund, ohne zu verschwinden: Sie lachen miteinander, bewegen sich leicht, beobachten, trinken aus Plastikbechern oder tanzen gelegentlich mit. Die Szene erinnert an eine Blockparty. Jede Geste, jeder Blick ist Aufmerksamkeit und Teilhabe. Ohne Worte wird ein gemeinsamer Rhythmus spürbar, das Publikum wird transportiert – in eine Art Mikrokosmos, der Einblick in eine lebendige, kulturelle Praxis ermöglicht.

Jede Geste, jeder Blick ist Aufmerksamkeit und Teilhabe.

Vor der Aufführung wurde im Gespräch deutlich, dass diese Parties in Jamaika zentral für das tägliche Leben sind. Keemie, Gasttänzer der Performance, erklärt, dass in Jamaika Musik, Tanz und Gemeinschaft in Symbiose existieren und ein ganzes soziales Gefüge am Laufen halten: Tänzer*innen, Veranstalter*innen, Verkäufer*innen – alle sind beteiligt. Von den Menschen, die die Venue besitzen oder sie mit Musik und Tanz füllen, über diejenigen, die Parkscheine oder Kaugummis verkaufen, bis zu denjenigen, die draussen an Essensständen hausgemachte Mahlzeiten anbieten. Diese täglich stattfindenden Parties sind nicht nur kulturelle Praxis, sondern auch die Lebensgrundlage vieler. Auf der Bühne wird diese Praxis sichtbar, als Mikrokosmos, der ein soziales Gefüge verkörpert.

Miss Rose, ein Kernmitglied der Crew, trägt über die Bühne hinaus eine kulturelle Verantwortung, wie sie mir im Gespräch vermittelt: Als jamaikanische Frau, die in Grossbritannien aufgewachsen sei, bewahre sie durch Tanz das Erbe ihrer Kultur, übersetze es für Zuschauer*innen und verkörpere Traditionen, die weit über Jamaika hinausgetragen werden. Seit 2016 fokussiert sie ihre Karriere bewusst auf Dancehall, nachdem sie zuvor andere Stile integrieren musste, um professionell bestehen zu können.

Dancehall wird oft in eine Box gesteckt: als Fitnessübung, als Unterhaltung, als “urban” oder “street style” – selten wird die Vielschichtigkeit der Musik, der Tanzformen und der kulturellen wie spirituellen Praxis wirklich gesehen. Miss Rose und die anderen Tänzerinnen demonstrieren auf der Bühne eindrücklich, wie der Tanz ist: körperlich, intensiv und ausdrucksvoll; technisch versiert, voller Kraft und im Ausdruck lustvoll und selbstbestimmt. Ihre Körper testen Grenzen aus, verschieben Normen und widerstehen Reduktionen – eine Verkörperung von Intensität, Freiheit und Lebensfreude. So wird der Tanz zu einer Form von Care, für sich selbst und den eigenen, starken Körper, für die Mittanzenden und das Publikum sowie für die Kultur, zu der er beiträgt.

Ihre Körper testen Grenzen aus, verschieben Normen und widerstehen Reduktionen – eine Verkörperung von Intensität, Freiheit und Lebensfreude.

Alegre betont, dass Care auf mehreren Ebenen innerhalb des Projekts praktiziert werde: in der Art, wie die Mitwirkenden einbezogen und betreut werden, wie das Projekt der Community etwas zurückgibt und wie kulturelle Sensibilität und Fragen der kulturellen Aneignung vom ersten Tag an reflektiert wurden. Die kollektive Arbeitsweise – Entscheidungen werden geteilt, Sichtbarkeit wird gemeinsam gestaltet – macht diese Form von Care spürbar.

Nach der Eingangsszene beginnt die eigentliche Show: Wir sehen die Crew in diversen Gruppenkonstellationen wie auch in Solos; auf der Bühne in Nebel getaucht und in Videoclips auf den kahlen Wänden; mal Backstage kopfüber in Einkaufswagen tanzend, live gefilmt von Videographer eye juice, mal ganz vorne, ganz nahe am Publikum dran. Am Ende lädt Miss Rose das Publikum ein, mitzutanzen. Der Mikrokosmos auf der Bühne erweitert sich kurzzeitig auf den gesamten Raum, als das Publikum auf die Tanzfläche strömt. Die Bewegungen von Performer*innen und ehemals Zuschauenden verschmelzen, und es entsteht eine einzige, temporäre Gemeinschaft. Tanz ist hier mehr als Bewegung; er ist eine Care-Praxis, eine Form der kulturellen und sozialen Teilhabe, sichtbar gemacht durch Körper in Bewegung.


Beitragsbild: Foto © eyejuice, courtesy 1GUH WATCH.

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