«Revolutionäre Feministinnen» im Literaturhaus Basel
The word is about, there’s something evolving
Whatever may come, the world keeps revolving
They say the next big thing is here
That the revolution’s near
But to me it seems quite clear
That it’s all just a little bit of history repeating
– «History Repeating» von Propellerheads feat. Shirley Bassey, 1997.
Frauen, die Geschichte machten, und diese auch noch selbst aufschrieben. Sie waren der Anlass für das Gespräch über «Revolutionäre Feministinnen» im Literaturhaus Basel. Im Rahmen des internationalen feministischen Kampftags 2026 besprachen Caroline Arni, Marina Galli und Michelle Steinbeck zwei Bücher über Frauen, die im 19. Jahrhundert zwischen Sozialismus, Feminismus und radikaler politischer Praxis agierten und deren Stimmen bis heute bewegend aktuell sind. Moderiert wurde der Abend von Nadia Brügger.
Im Mittelpunkt standen Caroline Arnis Wir, nicht wir. Frühsozialistischer Feminismus sowie Ich will dich sehen, mit deinem Verbrechergesicht. Liebesbriefe einer Revolutionärin von Michelle Steinbeck und Marina Galli. Beide Bücher erzählen keine klassischen Held_innengeschichten. Sie handeln von Frauen in permanenten Spannungsverhältnissen: zwischen Körper und Politik, Liebe und Organisation, Kampf und Überleben.
Die Saint-Simonist_innen: »Ich«, »Ich bin«, »Ich bin frei«
Caroline Arnis Buch widmet sich den Saint-Simonistinnen, die sich selbst als proletarische Frauen bezeichneten. Sie waren Akteurinnen einer frühen sozialistischen Bewegung, geprägt von religiöser Erweckung, sozialistischer Arbeiter_innenorganisierung und feministischer Selbstermächtigung, die sich im Frankreich des 19. Jahrhunderts aus dem Umfeld des Saint-Simonismus entwickelte – einer Mischung aus politischer Denkschule, religiöser Bewegung und sozialem Reformprojekt.
Die Bewegung war von internen Machtkämpfen bestimmt. An ihrer Spitze standen Männer, die Frauen zwar symbolisch verehrten, ihnen politische Mitsprache jedoch weitgehend verweigerten. Die Reaktion einiger Anhängerinnen darauf war ebenso pragmatisch wie radikal: Sie gründeten La Femme libre, eine Zeitung, die ausschliesslich von Frauen verfasst wurde und sich den materiellen Bedingungen ihres Lebens widmete: Arbeit, Armut, Bildung, Ehe, Mutterschaft, Körper und Recht.
Ohne materielle Unabhängigkeit, so ihre Überzeugung, könne es keine Freiheit geben.
In ihrer Zeitschrift analysierten die Autorinnen die alltäglichen Formen patriarchaler Abhängigkeit. Ohne materielle Unabhängigkeit, so ihre Überzeugung, könne es keine Freiheit geben. Die soziale Frage betrachteten sie deshalb konsequent aus der Perspektive der Geschlechterverhältnisse und entwickelten daraus eine Art frühsozialistischen Materialismus der Geschlechterfrage.
Arni macht deutlich, dass die Saint-Simonistinnen nicht nur ihre Rechte einforderten, sondern auch die komplexen Widersprüche ihres Denkens offenlegten. Entgegen einer Romantisierung der Mutterschaft betonten einige Autorinnen ihre materielle und politische Dimension: Mutterschaft als entscheidende Arbeit für das Funktionieren der Gesellschaft; ein Wert, der von der Empfängnis bis zum Aufziehen des Kindes weder anerkannt noch entlohnt wird. Andere wollten hingegen gerade diese Bindung der Frau an Genealogie und Reproduktion auflösen. Auch die von den Saint-Simonisten propagierte «freie Liebe» wurde kritisch hinterfragt, da sie in einer ungerechten Gesellschaft meist nur die freie Verfügung über den weiblichen Körper bedeutete, bei fortbestehender männlicher Eigentumsmacht.
Arni betont im Gespräch, dass sie diese Widersprüche in ihrem Buch nicht glätten möchte. Die Frauen, über die sie schreibt, erscheinen weder als ohnmächtige Opfer noch als heroische Vordenker_innen. Sie bewegen sich vielmehr in einem Feld, in dem materielle Zwänge und politische Reflexion eng miteinander verwoben sind.
Anna Kuliscioff – Liebesbriefe einer Revolutionärin
Das zweite Buch des Abends, Ich will dich sehen, mit deinem Verbrechergesicht, herausgegeben von Michelle Steinbeck und Marina Galli, befasst sich mit Anna Kuliscioff (1854–1925). Kuliscioff war Ärztin, Sozialistin, Feministin, Intellektuelle, Übersetzerin. Eine Frau, deren Leben sich kaum in eine lineare Biografie fassen lässt. Tochter einer jüdischen Familie, geboren in Simferopol auf der Krim, studierte sie in Kiew und Zürich Medizin, bewegte sich in anarchistischen Kreisen und wurde später in Italien zu einer zentralen Figur der sozialistischen Bewegung.
Im Zentrum des Buches stehen ihre Briefe: Liebesbriefe ebenso wie politische Korrespondenzen. Kuliscioff schrieb über Jahrzehnte hinweg an Partner, Freund_innen und politische Verbündete, manchmal mehrere Briefe pro Tag. Ihr Schreiben, getragen von emotionaler Intensität und politischer Analyse, erscheint selbst als Teil ihrer politischen Praxis.
Ihr Schreiben, getragen von emotionaler Intensität und politischer Analyse, erscheint selbst als Teil ihrer politischen Praxis.
Auffällig ist die unterschiedliche thematische Ausrichtung der Briefe. Während die Schreiben an ihre Liebhaber häufig voller Sehnsucht und Intimität sind, eröffnen Briefe an Freund_innen andere Themenräume: Lebensbedingungen, Mutterschaft, soziale Missstände, politische Organisation. Ob diese Differenz aus Kuliscioffs eigener Hand stammte oder später durch männliche Herausgeber redaktionell gefiltert wurde, bleibt offen – und verweist auf die Frage, wer Geschichte wie überliefert.
Kuliscioff weigerte sich jedenfalls, sich in ein eindeutiges Narrativ pressen zu lassen. Keine Heilige der Revolution, keine romantisierte Märtyrer-Ikone, sondern eine Frau, die arbeitete, liebte, stritt, übersetzte, organisierte und kämpfte – und dabei zunehmend zu der Ansicht gelangte, dass Reform manchmal das einzig politisch verfügbare Mittel sei, wenn Revolution unter den gegebenen Bedingungen nicht realisierbar ist. So verfasste sie Gesetzesentwürfe, die sie einem ihrer Liebhaber in sein politisches Amt mitgab, damit er sie dort verbreiten konnte.
Sie blieb eine Figur in ständiger Aushandlung. Ihre sozialistischen Analysen waren nie losgelöst von ihren verkörperten Erfahrungen als Ärztin, als Patientin, als Liebende, als politische Akteurin, als Revolutionärin. Dass sie in Italien politisch verfolgt und inhaftiert wurde, im Gefängnis an Tuberkulose erkrankte und dennoch in einer radikalen Beharrlichkeit immer weiter schrieb, erklärt, wie sie zu einer der prägendsten sozialistischen Stimmen Italiens wurde.
Feminist_innen, die (sich) nicht (an)passen
So unterschiedlich die Saint-Simonistinnen und Kuliscioff sind, teilen sie eine zentrale Erfahrung: Ihre Leben umfassen weit mehr als die Geschichten, die man(n) später über sie erzählt. Beide bewegen sich zwischen Klassenpolitik und Feminismus, ohne das eine vom anderen trennen zu können. Gemeinsam ist ihnen auch die Erfahrung, dass die revolutionäre Bewegung kein stabiler Zustand ist, sondern ein fortwährender Konflikt zwischen politischem Anspruch und gesellschaftlicher Realität.
In beiden Fällen wird zudem deutlich, dass «Frau» keine feststehende Kategorie ist, sondern Gegenstand politischer Auseinandersetzungen. Besonders sichtbar wird dies in den Debatten der Saint-Simonistinnen über Mutterschaft: für die einen als mögliche Grundlage für gesellschaftliche Gleichheit gedacht, für die anderen als Ort struktureller Abhängigkeit. Auch Kuliscioff setzt sich eher skeptisch mit der, wie sie schreibt, «Verherrlichung der Mutterschaft» auseinander. In einem Brief von 1904 schreibt sie: «Diese ewigen Appelle an die Gleichheit aller Menschen, weil wir alle aus demselben zerrissenen Mutterschoss kämen, sind als Bild unschön und als moralische Vorstellung falsch.»
Offen bleiben auch andere Konfliktlinien: Ist die Idee der «freien Liebe» wirklich emanzipatorisch? Oder ist sie eine für Frauen ambivalente Konstellation asymmetrischer Freiheit, die bestehende Machtverhältnisse unberührt lässt? Ist Reform Verrat an der Revolution oder die einzig verfügbare politische Strategie, wenn revolutionäre Veränderungen unter den vorherrschenden Umständen nicht realisierbar erscheinen?
Politische Praxis entsteht häufig gerade dort, wo widersprüchliche Erfahrungen und Interessen aufeinandertreffen.
Die Stärke beider Bücher liegt darin, diese Spannungen nicht nachträglich aufzulösen. Weder die historischen Akteurinnen noch die Autorinnen der Bücher präsentieren einfache Antworten. Stattdessen machen sie sichtbar, dass politische Praxis häufig gerade dort entsteht, wo widersprüchliche Erfahrungen und Interessen aufeinandertreffen.
Die Saint-Simonistinnen und Anna Kuliscioff erscheinen nicht als Figuren politischer Eindeutigkeit, sondern als Frauen, die unter schwierigen Bedingungen handelten, schrieben, organisierten, liebten und kämpften. Ihre politischen Analysen erwuchsen aus ihren Erfahrungen.
Die Themen, um die es in La Femme libre sowie in Kuliscioffs Briefen geht – ökonomische Unabhängigkeit, Sorgearbeit, Körper, politische Teilhabe und Geschlechterverhältnisse –, gehören keineswegs der Vergangenheit an. Beide Bücher zeigen vielmehr, wie unabgeschlossen diese Konflikte geblieben sind. Besonders deutlich wird dies in einem Brief Kuliscioffs aus dem Jahr 1880, der wie eine Gegenwartsdiagnose wirkt:
«Schlussendlich sehe ich nur eins: Männern ist wie immer alles erlaubt, während die Frau deren Eigentum sein muss. Der Satz ist alt und banal, aber immer noch wahr, und wer weiss, wie lange er’s noch sein wird.»
Beitragsbild: Women’s March 2017 in London, Ausschnitt, Wikimedia Commons.



