Von Leadora Illmer. Ein Eintrag für das «Lexikon der Intervention».
Wir nähren uns, wir nähren andere. Mit Essen, mit Büchern, mit Hoffnung. Wir ernähren uns von Dingen, die uns nähren. Das, was uns nährt, ist aber nicht immer das, was wir zubereiten. Ich denke an Nährstoffe und Nährstoffmangel, Nährböden und Nährsalze.
«nähren» ist ein schwaches Verb. Von mittelhochdeutsch «ner(e)n» althochdeutsch «nerian», ursprünglich: «retten, am Leben erhalten».[1]
«Was nährt uns?», fragten die Circuit Sessons #5 im November 2024 in der VIA. Das wandernde Austauschformat widmete sich dem, «was uns etwas bedeutet und gibt, unsere Aufmerksamkeit auf die Dinge und Menschen richtet, die uns durch diese Zeiten begleiten und uns stärken, ganz im Sinne der (Gast-)Freund*innen- und Kompliz*innenschaft»[2]. Es gab Suppe und Brot und Textfragmente und Reden und Buchausschnitte und Songtexte.
Was nährt uns, sprich: Was hält uns in diesen wackeligen Zeiten am Leben?
Synonyme für nähren: an die Brust nehmen, anlegen, pflegen, beköstigen, die Brust geben, füttern, säugen, stillen, tränken, verköstigen, essen, leben von, zu sich nehmen, nahrhaft sein.[3]
The easiest answer is to say that, like most other humans, I am hungry.
M.F.K. Fisher
Die Kochbuchautorin M.F.K. Fisher wurde immer wieder gefragt, warum sie über so etwas Belangloses wie Nahrung schreibe und nicht über die grossen Kämpfe um Macht und Sicherheit oder über die Liebe. Sie antwortete:
«The easiest answer is to say that, like most other humans, I am hungry.» Aber es sei mehr dahinter. «It seems to me that our three basic needs, for food and security and love, are so mixed and mingled and entwined that we cannot straighly think of one without the others. So it happens that when I write of hunger, I am really writing about love and the hunger for it, and warmth and the love of it and the hunger for it… and the warmth and richness and fine reality of hunger satisfied… and it is all one.»[4]
Wenn sie also davon erzählte, wie sie einmal Brot ass auf einem Hügel, der heute immer noch existiert, oder Rotwein trank in einem Raum, der einige Jahre später in tausend Teile zerbarst, dann erzählte sie immer auch von den Menschen, die mit ihr waren. Von deren Hunger, deren Verlangen nach Liebe und Glück. Sie schreibe über Nahrung, ja, denn «we must eat». Aber: «There is communion of more than our bodies when bread is broken and wine drunk.»[5]
Ich bin nicht M.F.K. Fisher. Ich koche weder besonders gut noch besonders gerne. Aber ich bin besessen von Food Writing. Und ich habe ein Archiv gegründet, das Archiv der vollen Bäuche, für Essenserinnerungen, kulinarische Geschichten und Spuren dessen, was uns nährt. Ähnlich wie Fisher werde auch ich immer wieder gefragt: Warum? Gibt es nicht dringlichere Themen als Nahrung und ihre Zubereitung?
Ich versuche, mich zu erklären. Ich bin während meiner Recherche für das Archiv der vollen Bäuche auf einen Text gestossen über Taccos, die nach einer Abtreibung gegessen wurden[6]. Auf ein Buch über eine Croquembouche[7], die für eine scheiternde Ehe steht[8]. Auf eine Geschichte über «einen Sommer des Genusses, der mit einem Soufflé Cheesecake begann» und dessen Geheimnis weder Butter noch Sahne waren, «sondern seine Vergänglichkeit»[9]. Auf ein Werk über eine einzige, simple Tomatensauce, die die Protagonistin durch düstere, melancholische Zeiten begleitet[10]. Auf eine wachsende Liste von Dingen, die geliebte Menschen nicht essen[11]. Auf Texte übers Backen während Trennung und Depression[12]. Ich habe das cake zine entdeckt, dass die Gesellschaft mithilfe von Gebäcken analysiert. Das Zine chicken+bread, dass Nahrung als Kunst- und Kulturgut feiert und dabei die Narrative von People of Color ins Zentrum stellt und das filler zine, dass sich den körperlichen Aspekten des Essens widmet. Menschen haben ihre Food Memories in mein Archiv gegeben, in denen es um Identität geht, um Rassismus und um Klasse. Und ich habe selbst geschrieben, über das Fermentieren und das Scheitern während wackeligen Zeiten, über Dinge, die schmelzen wie vergangene Lieben und über die Frage: WTF is Finger Food?
Wenn ich über Nahrung schreibe, geht es nie nur um volle Bäuche. Denn Essen ist politisch. Essen ist existenziell. Food is Culture.
Nähren verbindet uns. Nähren ist ein Akt der Fürsorge.
Ich mache noch ein Beispiel: Wenn ich über Nahrung schreibe, dann geht es vielleicht auf den ersten Blick um Milchkästchen, aber eigentlich geht es um Fürsorgegesten, um Trostspenden und um die Liebe. Die Milchkästchen sind nur die Behälter dafür. Ella Risbridger nennt es «Cupboard Love»[13]. Ich nenne es Milchkästli-Romantik. Denn manchmal geht Liebe durch den Milchkasten.
Nähren verbindet uns. Nähren ist ein Akt der Fürsorge. Für andere, für uns selbst. Nähren kann heissen: Ich lege dir etwas ins Milchkästli.
Im Alphabet vor «nähren»: nahestehend.[14]
Wir nähren nicht nur uns und andere, sondern auch die Milchkästen derer, die uns nahestehen. Wir fahren auf unseren Fahrrädern oder Lastenvelos oder Trottinettli durch Wind und Wetter zu ihren Milchkästen.
Wir legen Fresspäckli rein und Messpäckli. Kuchen mit Kirschen aus Nenzlingen, darüber stülpen wir Glasglocken, oder Schüsseln, die wie Glasglocken aussehen.
«Darfst du kein Mehl mehr essen? Gibt es noch mehr Sachen?»
Zimtschnecken für den guten Mut.
«In deinem Milchkasten ist eine Portion Grundvertrauen aka 1 Zimtschneck.»
Beggeschmütz.
Schokoküsse. Zwei Stück.
Wir machen kehrt, einen essen wir selbst.
«Ich wollte dir zwei Schokoküsse reintun und dann kurz vor dem Milchkasten umentschieden und mir den einen reingestopft.»
Wir füllen Milchkästchen und Mägen und Mangelerscheinungen.
Suppen zum Einfrieren und Aufwärmen, Schokoladentorte mit Mascarpone, die keine Mascarpone war, Whiskystängeli, die gestohlen wurden. Kleine Gebäckli und grosse Gebäckli. Äpfel und Quitten.
Wenn wir trauern
Wenn wir leiden
Wenn wir krank sind
Wenn es schmerzt
Wenn wir müde sind
Wenn wir wütend sind
Wenn wir uns sorgen
Wenn wir PMS haben
Wenn wir danke sagen
Wenn wir helfen wollen
Wenn wir nicht helfen können
Wenn wir ein schlechtes Gewissen haben
Wenn wir sagen wollen: I love you
Aber nicht wissen, wie.
Wenn wir sagen wollen: Ich will dich nicht verlieren, aber es passiert und tut weh und ich wünschte, es wäre so leicht, wie dir etwas ins Milchkästli zu legen.
Da ist was für dich im MK.
Ganze Menüs in Papiertüten mit Überraschungsei zum Dessert, Kürbiscurry mit Wildreis, Gulasch, Pasta in allen erdenklichen Formen, immer mit Parmesan, Gipfeli in Chräschusäckli, Safranweggen in Butter und Zucker gerollt, Kuchen und Cookies, ein Brot, Salatköpfe, Walnüsse, ein Sack Gemüse. Fleischkäse. Essiggürkchen.
«Da ist was für dich im MK.»
gewartet
gewundert
gehofft
gefreut
Ist es angekommen? Oder abhanden?
Ist es noch gut, noch warm, noch fest?
Manchmal Getränke. Cola. Tee. Selten ein Schnaps.
Wir legen drunter.
Wir legen drüber.
Wir verstecken.
Wir stopfen.
Wir quetschen.
Wir geben.
Wir geben gerne.
Wir bemuttern.
Wir bemilchkasten.
Wir schreiben Kärtchen fürs Päckchen im Milchkasten.
Mit den dünnsten Stiften, die wir haben, 0.02.
Wir sagen, dass wir da sind.
Dass wir nicht gehen werden.
Dass wir nicht aufhören werden, die Milchkästli zu füllen.
Wir schreiben Listen mit Dingen,
die Freude bereiten könnten.
Wir schlagen vor, wir machen Mut.
Wir sagen:
Ich weiss nicht, wie ich dir sonst helfen kann.
Oder:
Ich kann nicht mehr als das gerade.
Ich wünschte, es würde reichen.
Komm vorbei!
Bemerkungen
Beitragsbild: Foto © Leadora Illmer.
[1] Vgl. Duden-Eintrag zu «nähren» sowie den Eintrag zu «nähren» im Digitalen Wörterbuch des Deutschen (beide zuletzt zuletzt konsultiert am 10. März 2026).
[2] Vgl. circuit sesson #5: «Was nährt uns?» (zuletzt konsultiert am 11. März 2026).
[3] Vgl. Duden.
[4] M.F.K. Fisher: The Gastronomical Me. Daunt Books 2017 [1943], S. XV.
[5] Ebd.
[6] Anna Ansari: Abortion Taccos. In: Filler Zine No. 9. The Body. Selbstverlag 2025.
[7] Torte aus der französischen Küche, für die Windbeutel getürmt und durch Karamell zusammengehalten werden. Vgl. den Wikipedia-Eintrag zu «Croquembouche» (zuletzt konsultiert am 16.3.2026).
[8] Lottie Hazell: Piglet. Penguin 2024.
[9] C. Pam Zhang: Wo Milch und Honig fliessen. S. Fischer 2024, S. 171.
[10] Rebecca May Johnson: Small Fires. An Epic in the Kitchen. Pushkin Press 2023. E-Book-Version.
[11] Ebd., S. 128.
[12] Tanya Bush: Will this make you happy? Chronicle Books 2026.
[13] Ella Risbridger: «Cupboard Love». In: Nigel Slater (Hrsg.) In the Kitchen. Essays on Food and Life. Daunt Books 2020.
[14] Vgl. Duden.




