Neue alte Formen des Menschseins

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Fragen an Silvia Gribaudi und Ulli Lust

Von Dominique Grisard und Chris Zinsstag


Ulli Lust ist Comiczeichnerin, Silvia Gribaudi Choreografin. Ihnen gemeinsam ist die Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper in ihrer Kunst. Genauer gesagt, der Körper, der als weiblich gilt, der gebären kann und dem deswegen Fähigkeiten und Eigenschaften über die Jahrtausende hinweg zu- und abgesprochen wurden. Beide schauen mit ihren jüngsten Werken weit zurück in die Vergangenheit: Lust zu den Mammutjäger*innen vor fast 30’000 Jahren, als die Venus von Willendorf geschaffen wurde, Gribaudi zu den Amazonen in die griechische Antike. Eine der ersten Erwähnungen von Amazonen findet sich in der Ilias, die ins 8. oder 7. Jahrhundert v. Chr. datiert wird. Gribaudi und Lust nutzen diese uralten Darstellungen von «Weiblichkeit», um damit heutige Vorstellungen davon, was es bedeutet als Frau zu gelten, zu hinterfragen.

Dies ist kein leichtes Unterfangen, denn «Frau-sein», wie wir es heute kennen, gab es damals nicht. Je nach Zeitpunkt, Ort und Kontext wurde Geschlecht ganz unterschiedlich verstanden und spielte eine unterschiedlich grosse Rolle im Leben der Menschen. Das Wenige, das heute noch über diese Zeiträume bekannt ist, kann dabei helfen, genau dies zu begreifen: Wie dynamisch die Phänomene sind, die heute als naturgegeben gelten. Und dass vieles von dem, das mit Geschlechtlichkeit begründet wird, weniger mit körperlichen Eigenschaften zu tun hat und mehr damit, wie Menschen sich als soziale Wesen in ihrem Umfeld bewegen.

Genau dieser Blick auf Körper und Zugehörigkeit ist Thema des diesjährigen Skin Performance Dance Festivals im Tanzhaus Basel. Eröffnet wird das Festival mit einem Podiumsgespräch mit Silvia Gribaudi und Ulli Lust unter dem Titel «Bodies in Dialogue», Körper im Gespräch. Dominique Grisard wird das Podium moderieren. Zur Einstimmung hat sie Lust und Gribaudi gebeten, Art of Intervention einen kurzen Einblick in die Themen, die sie bewegen, zu gewähren. Da Gribaudi kein Deutsch spricht, hat sie ihre Antwort auf Englisch verfasst. Eine Übersetzung ihrer Antwort findet sich am Ende dieses Beitrags.

Die Berufung zur Schamanin findet statt, wenn sie eine Verbindung zur Geisterwelt aufnehmen kann. Der Weg in die Geisterwelt führt über ihren eigenen Körper.

Ulli Lust

Dominique Grisard: Ulli Lust, in Deinen Comics erscheint die Schamanin nicht nur als spirituelle Figur, sondern auch als Körper, der Wissen trägt, Grenzen überschreitet und sich gesellschaftlichen Ordnungen entzieht. Wie würdest Du den Körper der Schamanin beschreiben? Welche Form von Wissen wird von ihr verkörpert, die in patriarchalen Wissensordnungen oft ausgeblendet oder entwertet wird?

Ulli Lust: Der Körper der Schamanin geriet ins Blickfeld, weil ich feststellte, dass der weibliche Körper ein wichtiges Motiv für eiszeitliche Mammutjäger*innen war. Im Comic stelle ich die Frage, wen diese Frauenstatuetten, wie die Venus von Willendorf, darstellen könnten und warum man solche nackten Menschendarstellungen überhaupt so sorgfältig herstellte.

Auf der Suche nach weiblichen Rollenmodellen in der Steinzeit findet sich die Heilerin und Hebamme, die man später Schamanin nennen wird. Die Berufung zur Schamanin findet statt, wenn sie eine Verbindung zur Geisterwelt aufnehmen kann. Der Weg in die Geisterwelt führt über ihren eigenen Körper. Das Wissen selbst stammt allerdings von den Geistern: sie teilen es den Schaman*innen mit und jene heilen dank der numinosen Hilfe der Geister.

The Amazons embody the power of disarming: the idea that power doesn’t have to come from domination, but can emerge through openness, vulnerability, and the courage to meet one another.

Silvia Gribaudi

Dominique Grisard: Feminist research has shown that women’s bodies are shaped by expectations of beauty, desirability, and social conformity. What draws you, Silvia Gribaudi, to the Amazon as a figure capable of challenging these gendered norms, and what alternative visions of strength, ageing, beauty, and agency does your production Amazzoni bring to the stage?

Silvia Gribaudi: For me, the Amazons represent a form of humanity that goes beyond the feminine and the masculine. They embody the power of disarming: the idea that power doesn’t have to come from domination, but can emerge through openness, vulnerability, and the courage to meet one another. They challenge trends and expectations, making room for new and simultaneously old ways of being. They remind people that we can be strong and gentle at the same time and celebrate a beauty that is never fixed or confined to a single ideal.

The Amazons brought to the stage in Amazzoni are five dancers who share their humanity with the audience through their different movement qualities, their ages, and their unique ways of being present. Each dancer brings her own physical language, and it is through their differences that they come together as one vibrant, living energy. Together, they open up new possibilities for what resistance can mean today: the courage to take up space, to stand together in our differences, and to keep moving forward with strength, complicity, and determination.[1]


Save the Date!

Bodies in Dialogue: Ulli Lust und Silvia Gribaudi

24.10., 19–20 Uhr | Tanzhaus Basel | Eintritt frei

Amazzoni – Silvia Gribaudi / Associazione Culturale Zebra

24.10., 20.30–21.30 Uhr | Tanzhaus Basel

Skin Performance Dance Festival

24.–31.10. | Tanzhaus Basel

Kurzbiografien

Ulli Lust, geboren 1967 in Wien, ist eine österreichische Comiczeichnerin und Illustratorin. Sie zählt zu den wichtigsten deutschsprachigen Comiczeichner*innen: Ihr Comic Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens (2009) erhielt international viel Aufmerksamkeit und wurde mit dem Ignatz Award und dem Los Angeles Times Book Award ausgezeichnet. Es folgten unter anderem Flughunde (2013), nach dem Roman von Marcel Beyer, und Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein (2017). Letztes Jahr erschien ihr Sachcomic Die Frau als Mensch: Am Anfang der Geschichte (2025). Dieser wurde – als erster Comic überhaupt – mit dem Deutschen Sachbuchpreis prämiert. Der sehnsüchtig erwartete Folgeband Die Frau als Mensch 2: Schamaninnen erschien im Februar 2026. Neben dem Comic-Zeichnen unterrichtet Ulli Lust Zeichnung und Comic an der Hochschule Hannover.

Silvia Gribaudi, 1974 in Turin geboren, ist eine preisgekrönte italienische Choreografin, Kunstforscherin und Pädagogin, die im Bereich der darstellenden Künste tätig ist. Sie ist bekannt für ihre Auseinandersetzung mit Körperbildern, Humor und Publikumsinteraktion im zeitgenössischen Tanz. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der menschlichen und Beziehungs-Ebene: Sie entwickelt ihre Stücke im Dialog und in der poetischen Begegnung mit den Künstler*innen und den Gemeinschaften, mit denen sie zusammenarbeitet, und mit dem Publikum – all dies wird zu einem integralen Bestandteil jedes performativen Aktes. Ihre Performances wurden bereits in zahlreichen Theatern und an Festivals in Europa, Asien und Amerika aufgeführt. Zu ihren jüngsten Produktionen zählen Amazzoni (2026), das Solo Suspended Chorus (2025), «The Doozies» (2024) und Grand Jeté (2023). Gribaudi hat an zahlreichen künstlerischen Forschungsprojekten mitgewirkt, darunter etwa Corpo Links Cluster (2019/2020), bei dem die Beziehung zwischen Tanz, den Bergen und der lokalen Gemeinschaft als Ausgangspunkt für das ortsspezifische Projekt Trekking Coreografico und der Performance Monjour (2021) diente. Zudem ist sie Mitbegründerin von Zebra, einer Tanzproduktionsorganisation, sowie künstlerische Leiterin und Choreografin der Compagnie Tour en l’air.

Bemerkungen

Beitragsbild via Skin Performance Dance Festival.

[1] Dominique Grisard: Feministische Forschung hat gezeigt, dass der Körper von Frauen von Erwartungen hinsichtlich Schönheit, Attraktivität und sozialer Konformität geprägt ist. Was reizt dich, Silvia Gribaudi, an der Amazone als einer Figur, die in der Lage ist, diese geschlechtsspezifischen Normen in Frage zu stellen, und welche alternativen Vorstellungen von Stärke, Altern, Schönheit und Handlungsfähigkeit bringt deine Inszenierung Amazzoni auf die Bühne?

Silvia Gribaudi: Für mich stehen die Amazonen für eine Form der Menschlichkeit, die über das Weibliche und Männliche hinausgeht. Sie verkörpern die Kraft der Entwaffnung: die Überzeugung, dass Macht nicht aus Herrschaft entstehen muss, sondern durch Offenheit, Verletzlichkeit und den Mut zur Begegnung entstehen kann. Sie stellen Trends und Erwartungen in Frage und schaffen Raum für neue und zugleich alte Seinsweisen. Sie erinnern die Menschen daran, dass wir gleichzeitig stark und sanft sein können, und feiern eine Schönheit, die niemals festgeschrieben oder auf ein einziges Ideal beschränkt ist.

Die Amazonen, die in Amazzoni die Bühne betreten, sind fünf Tänzerinnen, die dem Publikum durch ihre unterschiedlichen Bewegungsqualitäten, ihr Alter und ihre einzigartige Art, präsent zu sein, ihre Menschlichkeit vermitteln. Jede Tänzerin bringt ihre eigene Körpersprache mit, und gerade durch ihre Unterschiede verschmelzen sie zu einer einzigen pulsierenden, lebendigen Energie. Gemeinsam eröffnen sie neue Möglichkeiten dafür, was Widerstand heute bedeuten kann: den Mut, Raum einzunehmen, in unserer Verschiedenheit zusammenzustehen, und mit Kraft, Verbundenheit und Entschlossenheit weiter voranzuschreiten.

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