Schönheit (er)leben, Schönheit untersuchen

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Von Dominique Grisard. Anlässlich der Publikation des Buches The Life of Beauty. Location, Experience, Methodology, herausgegeben von Katyayani Dalmia, Dominique Grisard und Anne Kukuczka


«Unsere Tante hatte eine saubere Hautfarbe, daher kamen auch ihre Kinder hell raus. Deshalb neckte sie meine Mutter damit, dass ihre Kinder sehr dunkelhäutig seien. Also […] das Gefühl der Unterlegenheit begann hier [….] Aber als wir in die Schule kamen, verstärkte es sich, ab der Grundschule. Im Internat sprang ich vor Aufregung auf und ab, bat die Schwestern um eine Rolle in Theateraufführungen und sagte ihnen, dass ich auch tanzen wolle, und sie sagten: „Nein, nein, nein, nein, du wirst nicht mitmachen, weil du kali bist.»

«Saubere Farbe» oder «klare Farbe» ist eine Übersetzung des Hindi-Begriffs «saaf rang», der sich auf helle Haut bezieht, während «kali» wörtlich schwarz meint und sehr dunkle Hautfarbe bezeichnet. Malti ist Ende 30 und erzählt der Kulturantrophologin Katyayani Dalmia diese Geschichte aus ihrer Kindheit, bei einem Gespräch auf dem Gelände der Hochschule, an der Malti Chemie unterrichtet. Die Hochschule befindet sich in Lucknow, einer aufstrebenden Provinzstadt in Nordindien, wo Dalmia ethnografische Forschung über die verkörperte Erfahrung von Hautfarbe durchführt. Die Idee – dass trotz der Vorliebe für helle Haut verschiedene Hauttöne gesellschaftlich akzeptiert sind, solange sie eben nicht «kali» sind – deckt sich mit Dalmias Analyse, dass «dunkle» Haut nicht als hässlich angesehen wird, wie es bei «sehr dunkler» Haut der Fall ist. In dem von Malti beschriebenen Kontext ist helle Haut entscheidend für die Wahrnehmung von Schönheit, aber helle Haut verweist im südasiatischen Kontext auch auf den sozialen Status einer Person, wie beispielsweise der Kaste.

Anhand Erzählungen von Frauen, die im nordindischen Kontext als «zu dunkel» wahrgenommen werden, analysiert Katyayani Dalmia Interpretationen von Schönheit, die Bedeutung, die ihr beigemessen wird, und schliesslich, wo und wodurch sie verhandelt, gemildert oder sogar ausser Kraft gesetzt werden kann. Während in diesem Kontext also Schönheit mit heller Haut gleichgesetzt wird, stellt Dalmia ein Zusammenspiel fest, in welchem der Anblick von Haut durch andere körperliche und persönliche Merkmale wie Haare, Kleidung und Bildungsabschlüsse gefiltert wird. Die «Smartness», wie Hindi-Sprechende Styling und gepflegtes Aussehen bezeichnen, wird beispielsweise als wichtiger angesehen als körperliche Schönheit. Dalmia legt jedoch dar, dass «Smartness» zwar tatsächlich in einem Spannungsverhältnis zu Schönheitsidealen steht, aber auch darauf aufbaut.

Was sagt uns Schönheit konkret über die Machtstrukturen, mit denen sie untrennbar verbunden ist?

Was sagt uns Schönheit konkret über die Machtstrukturen, mit denen sie untrennbar verbunden ist? Wenn wir davon ausgehen, dass Schönheit mit soziokulturellen Strukturen wie race, Klasse, Kaste, Geschlecht, Sexualität, Alter und Behinderung sowie mit Globalisierungsprozessen verbunden ist, welche besondere Perspektive bietet Schönheit dann für deren Verständnis? Was kann der Fokus auf Schönheit darüber lehren, wie diese Strukturen und Prozesse in der Welt funktionieren? Und wie informieren diese wiederum Schönheitsideale und deren Wandel?

Der demnächst erscheinende Sammelband The Life of Beauty. Location, Experience, Methodology befasst sich in 11 ethnografischen Fallstudien eingehend mit diesen Fragen. Sie beleuchten Erfahrungen der Migration, Sexarbeit, Schwangerschaft, Nationalismus, Kaste, Klasse, race, Materialität und der Feldforschung in einer Bandbreite an Kontexten, darunter Belgien, Deutschland, Grossbritannien, Taiwan, Tibet, Indien, Kamerun, Ruanda und Brasilien. Die geografische Verortung von Schönheit ist von entscheidender Bedeutung. Sie unterstreicht, wie spezifische kulturelle Praktiken und soziale Strukturen die verkörperten Erfahrungen von Schönheit prägen, während sie gleichzeitig die globalen Aspekte der Schönheitskultur im Blick behalten. Somit hinterfragt The Life of Beauty vereinfachte Vorstellungen davon, wie körperliche Schönheit im Leben von Menschen eine Rolle spielt.

Das Buchcover von The Life of Beauty. Location, Experience, Methodology

Bemerkungen

Das Buch The Life of Beauty. Location, Experience, Methodology erscheint Ende Januar beim Seismo Verlag in Print und Open Access.

Bild: «Sisters» von Ayeshe Sadr und Ishaan Dasgupta von A&I auf dem Cover des Buches «The Life of Beauty».

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