Über Inklusionsarbeit im Rahmen der Ausstellung «Die Eule ist pink» am Museum der Kulturen Basel
Von Lira Leirner
«Schau mal», sah ich sie sagen. Manchmal beginnt die Sichtbarkeit mit einer Verwechslung. Die Person hat mich gesehen, aber nicht differenziert.
In der Ausstellung Die Eule ist pink im Museum der Kulturen Basel sind zwei Schwestern in Videos zu sehen. Ich bin eine dieser zwei. Beide trugen ähnliche Kleidung, beide haben lockiges Haar, beide gebärdeten Texte, die sonst nur schriftlich oder lautsprachlich zugänglich gewesen wären. Wer nicht genau hinsah, konnte sie für dieselbe Person halten. Die Verwechslung war lustig, beinahe zärtlich. Gleichzeitig zeigte sie etwas, das für Fragen von Repräsentation zentral ist: Sichtbarkeit macht nicht nur sichtbar. Sie vereinfacht auch.
Wer in einem institutionellen Rahmen als Vermittlerin erscheint, wird schnell zu einer Figur. Zur Stellvertreterin. Zur Zielgruppe. Zum Zugang. Zum Beweis, dass etwas getan wurde. Dabei sind Erfahrungen von Behinderung, Zugehörigkeit und Ausschluss selten so eindeutig, wie wir sie gerne einordnen mögen.
Ich schreibe aus einer Zwischenposition. Ich bin seit Geburt schwerhörig, werde je nach Kontext als Deaf gelesen… oder aber auch nicht. Ich bin nicht in Deaf Culture aufgewachsen, bewege mich nicht selbstverständlich in Gebärdensprache und habe dennoch an einem musealen Projekt mitgewirkt, das die Zugänglichkeit einer Ausstellung für gehörlose und schwerhörige Menschen verbessern soll. Diese Mitarbeit war für mich mit Dankbarkeit verbunden, aber auch mit Unbehagen.
Erfahrungen von Behinderung, Zugehörigkeit und Ausschluss sind selten so eindeutig, wie wir sie gerne einordnen mögen.
Nicht, weil der Prozess oberflächlich war, ganz im Gegenteil. Sondern wegen der Fragen, die der Prozess bei mir ausgelöst hat. Was ich während der Arbeit mit dem Museum erlebt habe, war etwas, das in institutionellen Zusammenhängen keineswegs selbstverständlich ist: Ich fühlte mich ernst genommen. Nicht tokenistisch mitgemeint, sondern tatsächlich einbezogen. Die Zusammenarbeit mit dem kuratorischen Team und der Kommunikationsabteilung war aufmerksam, respektvoll und nie herablassend. Niemand behandelte mich wie eine dekorative Ergänzung eines Diversitätskonzepts. Gleichzeitig blieb die Situation kompliziert und vielleicht muss sie das auch bleiben.
Aber ich fragte mich immer wieder: Wer darf überhaupt für Zugänglichkeit sprechen, und wer entscheidet dies? Darf ich hier sein, darf ich diese Position einnehmen?
Diese Frage klingt zunächst, als ginge es hier um Legitimität. Habe ich genug Ausschlusserfahrungen gemacht, um eine qualifizierte Einschätzung abzugeben? Bin ich «behindert genug»? Gehöre ich ausreichend zu jener Gruppe, für die ich hier sichtbar werde? Solche Fragen sind unangenehm, weil sie leicht in eine Logik der Reinheit führen. Als gäbe es eine messbare Schwelle, die festlegt, ab wann eine Person sprechen darf. Und doch entsteht diese Logik nicht grundlos. Institutionelle Inklusion arbeitet oft mit Kategorien. Förderlogiken, Vermittlungsformate und Kommunikationsstrategien brauchen benennbare Gruppen. Die gelebte Erfahrung ist jedoch meist widersprüchlicher und nuancierter.
Besonders deutlich wird diese Widersprüchlichkeit beim sogenannten «Passing». Viele schwerhörige Menschen können in hörenden Kontexten unbemerkt «funktionieren», solange sie genügend kompensieren. Lippenlesen, Kontext erraten, Gesprächslücken füllen, sich konzentrieren, lächeln, nicken, später rekonstruieren. Von aussen sieht das oft nach gelungener Kommunikation aus. Tatsächlich verschiebt sich die Arbeit lediglich auf eine Seite.
Barrierefreiheit fragt nicht nur, ob Kommunikation irgendwie möglich ist. Sie fragt, wer den Preis dafür bezahlt.
Wenn Kommunikation mit mir als einfacher wahrgenommen wird als mit einer stärker gehörlosen Person, ist das nicht automatisch ein Zeichen von Inklusion. Es kann auch bedeuten, dass die Institution oder das Gegenüber entlastet wird, während ich die Anstrengung übernehme. Das Missverständnis besteht darin, Verständigung mit Barrierefreiheit zu verwechseln. Barrierefreiheit fragt nicht nur, ob Kommunikation irgendwie möglich ist. Sie fragt, wer den Preis dafür bezahlt.
Museen sind dafür ein besonders aufschlussreicher Ort. Sie gelten als visuelle Räume. In der Kritik am White Cube wurde diese Dominanz des Sehens oft problematisiert: der distanzierte Blick, der ruhige Körper, die stille Betrachtung, das autonome Subjekt vor dem Objekt. Für viele Menschen ist dieses Blickregime ausschliessend, disziplinierend oder einschüchternd. Aus schwerhöriger oder gehörloser Perspektive ist das Visuelle jedoch kein Problem. Es kann auch Zugang sein.
Genau darin liegt eine Spannung, die mich interessiert. Eine Kritik am Okularzentrismus reicht nicht aus, wenn sie übersieht, dass visuelle Zugänge für manche Menschen nicht Entfremdung, sondern Teilhabe bedeuten. Schrift, Gebärdensprache, Untertitel, Videotexte, klare Raumgestaltung und digitale Erweiterungen können Zugänge schaffen, die lautsprachliche Formate nicht bieten. Gleichzeitig ist ein Museum nicht automatisch zugänglich, nur weil es visuell ist. Auch visuelle Räume können hörend organisiert sein.
Der Audioguide ist dafür ein einfaches Beispiel. Lange galt er als Erweiterung des Museumsbesuchs. Für mich war er vor allem ein Zeichen dafür, dass Vermittlung oft für hörende Besucher*innen gedacht wird. Erst durch digitale Formate, QR-Codes, Untertitel oder Gebärdensprachvideos entstehen andere Möglichkeiten. Nicht weil Technik an sich inklusiv wäre, sondern weil sie verschiedene Formen von Wahrnehmung nebeneinander ermöglichen kann.
Doch auch solche Fortschritte lösen das Problem der Repräsentation nicht vollständig. Wer in einem Video gebärdet, wer auf einem Bild erscheint, wer als Beispiel für Zugänglichkeit gezeigt wird, wird Teil der institutionellen Oberfläche. Das kann empowernd sein. Es kann aber auch verwirren. Man wird sichtbar in einer Rolle, mit der man sich nur teilweise identifiziert. Man steht für etwas, das grösser ist als die eigene Erfahrung.
Inklusion entwickelt sich durch Personen, die Netzwerke aufgebaut, Institutionen begleitet, Vermittlungsformate mitentwickelt und Räume geöffnet haben. Formen von Zugang entstehen nicht abstrakt, sondern durch Beziehungen: durch Vertrauen, Wiederholung, Vermittlung, bereits geleistete Arbeit. Institutionen lernen oft nicht von Kategorien, sondern von konkreten Menschen. Das ist einerseits problematisch, weil dadurch Sichtbarkeit ungleich verteilt bleibt. Andererseits ist es genau so, wie Veränderung häufig beginnt: nicht rein, nicht ideal, sondern relational.
Inklusion wird oft als Ziel formuliert, als etwas, das Institutionen erreichen können. Aus der Nähe betrachtet wirkt sie weniger abgeschlossen.
Ich weiss, dass Museen für viele Menschen keine selbstverständlichen Orte sind. Für mich waren sie lange eher Schutzräume. Ich kenne ihre Codes, ihre Stille, ihre Texte, ihre Gesten. Bin ich deswegen keine ideale Zeugin für Formen musealer Ausschlüsse? Aber vielleicht kann ich etwas anderes beschreiben: wie es sich anfühlt, in einem Raum willkommen zu sein und trotzdem nicht sicher zu wissen, ob man diesen Platz einnehmen darf.
Inklusion wird oft als Ziel formuliert, als etwas, das Institutionen erreichen können. Aus der Nähe betrachtet wirkt sie weniger abgeschlossen. Sie ist eine Praxis voller Unsicherheit, Missverständnissen und kleinen Verschiebungen. Manchmal beginnt sie mit einer Verwechslung. Manchmal mit einem Video. Manchmal mit dem unangenehmen Gefühl, nicht genug zu sein. Und vielleicht besteht ein Teil ihrer Aufgabe gerade darin, Räume zu schaffen, in denen niemand zuerst beweisen muss, genug zu sein, um sie zu betreten und darin erkannt zu werden.
Die entscheidende Frage ist also vielleicht nicht, ob eine Person vollkommen repräsentativ ist. Niemand ist das. Wichtiger ist, ob sie die eigene Position transparent reflektiert und ob neben ihr weitere Stimmen Raum erhalten. Eine Zwischenposition kann gefährlich werden, wenn sie andere ersetzt. Sie kann produktiv sein, wenn sie übersetzt, vermittelt und die eigene Begrenztheit mitdenkt.
Inklusion ist selten sauber oder eindeutig. Sie entsteht oft durch Beziehungen, Zufälle, Übergänge und Menschen, die sich selbst nicht ganz sicher sind, ob sie irgendwo hingehören. Vielleicht braucht institutionelle Veränderung manchmal genau solche Zwischenfiguren: Personen, die weder vollständig innen noch vollständig aussen stehen.
«Ist das dieselbe Person?» sah ich sie sagen.
Beitragsbild: © Lira Leirner, 2026.
Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Seminars «Geschlecht im Museum. Leitung Programmation und Care» bei Dominique Grisard.
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Die Eule ist pink
24.04.2026–24.01.2027 | Museum der Kulturen Basel


