Queere Spuren in Basel: Zwischen Erinnerung und Aufbruch

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Von Klara Heichen


Basel ist bekannt für seine Museen, sein Theater, seine Universität. Weniger bekannt ist, wie viel queere Geschichte in der Stadt steckt und wie wenig davon bislang erzählt wurde. Eine queere Stadtführung, entwickelt von Studierenden der Universität Basel, will das ändern. Im Rahmen eines Seminars in den Gender Studies entstand ein Rundgang, der an sieben Stationen von queeren Orten, Biografien und Kämpfen erzählt. Ausgangspunkt war der Eurovision Song Contest, der im Mai 2025 in Basel stattfand. Anlass genug, um queeres Leben nicht nur zu feiern, sondern historisch zu verorten.

Ich selbst war im Frühjahr für ein Erasmussemester in Basel und wurde so Teil des Projekts. Gemeinsam mit anderen Studierenden entwickelten wir die Führung, erforschten die einzelnen Stationen historisch und leiteten schliesslich das Publikum selbstständig durch die Stadt. Beim Erforschen der Orte zeigte sich: Vieles, was queere Identitäten über Jahrzehnte geprägt hat, ist verschwunden oder nie dokumentiert worden. Gerade deshalb ist es Zeit, queere Geschichte sichtbar zu machen, kritisch, intersektional und mit Blick auf die Gegenwart.

Ein Raum für Begegnung: Das Frauenzimmer

Eine der Stationen widmet sich dem ehemaligen Frauenzimmer, einem Treffpunkt für Frauen in den 1980er Jahren. Es war Café, Bibliothek und Veranstaltungsort zugleich. 1979 wurde dort eine Ausstellung mit dem Titel «Frauen, Körper, Pornographie» gezeigt, mit Arbeiten von Künstlerinnen wie Miriam Cahn, die weibliche Sexualität selbstbewusst thematisierten. In einer Zeit, in der viele feministische Strömungen Pornografie grundsätzlich ablehnten, war das ein bewusster Bruch und ein Akt der Selbstermächtigung, insbesondere für lesbische Frauen.

Orte wie dieser haben queeres Leben nicht nur begleitet, sondern oft überhaupt erst ermöglicht.

Das Frauenzimmer wurde von konservativer Seite belächelt. Für viele war es jedoch ein Ort der Geborgenheit und Zugehörigkeit, an dem politische Diskussionen geführt wurden und Gemeinschaft entstand. Orte wie dieser haben queeres Leben nicht nur begleitet, sondern oft überhaupt erst ermöglicht.

Vergangene Räume, bleibende Lücken

Weitere Orte sind längst verschwunden: die DupfBar, das Elle et Lui, der schwule Buchladen Arcados, der heute als Archiv weitergeführt wird. Sie alle standen für Sichtbarkeit, Zugehörigkeit und oft auch für Sicherheit. Der Club Isola, der queere Clubnächte veranstaltete, existiert ebenfalls nicht mehr. Der Verlust solcher Räume zeigt, wie prekär queeres Leben im Stadtraum oft bleibt.

Besonders eindrücklich war der ehemalige «Tuntenball» im noch heute kollektiv betriebenen antikommerziellen Hirscheneck, kurz «Hirschi». Hier wurde über zwei Jahrzehnte hinweg gemeinsam Weihnachten gefeiert. Es war eine wichtige Alternative für queere Menschen, die nicht mit ihrer Herkunftsfamilie feiern konnten oder wollten, da sie zum Beispiel aufgrund ihrer Identität oder Sexualität nicht akzeptiert und verstossen wurden. Der «Tuntenball» war ein Ort, an dem die eigene Wahlfamilie zusammenkommen konnte. Leider endete diese Tradition 2015, auch weil die Veranstaltung stadtbekannt wurde und zunehmend auch nicht-queeres Publikum kam, welches sich teilweise abschätzig bis diskriminierend verhielt.

Paul und Fritz Sarasin: Zwischen Liebe und Kolonialismus

Eine komplexe Station der Führung widmet sich den Zoologen Paul und Fritz Sarasin. Die beiden waren Cousins zweiten Grades und vermutlich ein Liebespaar. In einem Gedichtband von 1893 versuchte Paul, seine Zuneigung zu Fritz öffentlich zu machen. Der Band wurde jedoch auf gesellschaftlichen Druck, insbesondere von Pauls Familie, zurückgezogen und vernichtet. Die Beziehung blieb, wie viele queere Beziehungen ihrer Zeit, unsichtbar und ist nur in privaten Aufzeichnungen dokumentiert.

Die Geschichte der Sarasins verweist auf die enge Verflechtung von kolonialer Gewalt und eurozentrischer Wissenschaft – und schliesst in diesem Fall queere Biografien mit ein.

Gleichzeitig waren die beiden tief in koloniale Wissenschaftsstrukturen verstrickt. Zwischen 1883 und 1886 bereisten sie das heutige Sri Lanka und Sulawesi, betrieben dort anthropologische Feldforschung und lieferten unter anderem menschliche Überreste an das Naturhistorische Museum Basel. Die Geschichte der Sarasins verweist auf die enge Verflechtung von kolonialer Gewalt und eurozentrischer Wissenschaft – und schliesst in diesem Fall queere Biografien mit ein. Erinnerungspolitiken dürfen diese Zusammenhänge nicht ausblenden und die Gender Studies ermöglichen genau diesen differenzierten Blick: Sie helfen Diskriminierungsmechanismen, ob queerfeindlich, rassistisch, ableistisch oder sexistisch in ihrer Verschränkung zu analysieren und sichtbar zu machen. Sie erklären nicht nur, warum Paul und Fritz ihre Beziehung nie offen leben konnten, sondern auch, wie ihre anthropologische Forschung ein Privileg darstellt, das es ihnen ermöglichte, zusammen zu leben und zu arbeiten. Gleichzeitig wurde durch ihre Arbeit der koloniale Raub von Kulturgütern und menschlichen Gebeinen wissenschaftlich legitimiert.

Queere Geschichte ist Stadtgeschichte

Dass eine queere Stadtführung heute möglich ist und von der öffentlichen Hand unterstützt wird, ist ein Fortschritt. Doch dieser Fortschritt bleibt brüchig, wenn queere Sichtbarkeit nicht dauerhaft in der öffentlichen Erinnerungskultur verankert wird.

Ich wünsche mir, dass diese Stadtführung dazu ermutigt, queere Geschichte dauerhaft sichtbar zu machen und intersektional weiterzuforschen.

Noch immer sind viele Perspektiven unterrepräsentiert und finden auch in unserer Stadtführung keinen Platz. Die Lebensrealitäten von BIPoC Queers, Transpersonen, nicht-binären Menschen oder queeren Menschen mit Behinderung tauchen selten in der offiziellen Geschichtsschreibung auf. Bei der Frage, wessen Geschichten wie erzählt werden, braucht es einen Perspektivenwechsel und mehr Sensibilität für Vielfalt. Die queere Stadtführung war ein Versuch, diese Notwendigkeit aufzuzeigen, aber kein abschliessendes Projekt, sondern ein Anfang. Ich wünsche mir, dass diese Stadtführung dazu ermutigt, queere Geschichte dauerhaft sichtbar zu machen und intersektional weiterzuforschen.

Organisiert wurde die Stadtführung von Studierenden der Universität Basel in Zusammenarbeit mit dem Verein Gender Box. Ob die Stadtführung ins offizielle Angebot von Basel Tourismus aufgenommen wird, war beim Schreiben dieses Beitrags noch offen. Mittlerweile ist jedoch bekannt, dass sie ab September zwei Mal im Monat gebucht werden kann. Damit das so bleibt: Erzählt gerne davon und kommt vorbei, damit queere Geschichte keine Randnotizen bleibt, sondern ihren zentralen Platz auch in der Basler Stadtgeschichte findet. Zudem: Unterstützt all die queeren Initiativen und Orte, wie das Humbug oder die «Queerschi»-Partys in Basel, so dass sie nicht verdrängt werden und in Vergessenheit geraten.


Beitragsbild: Pride Tour, Mai 2025. Foto: Dominique Grisard.

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