Von Zayane Heitz
Im Rahmen des Bildrausch Filmfests 2025 in Basel luden Rahel El-Maawi und Andrea Zimmermann ein, an ihrem Workshop «Hemmschwellen abbauen – intervenieren üben» teilzunehmen. Ein Workshop mit dem Ausblick, Solidarität und Sorgfalt unseren Mitmenschen gegenüber zu üben. Passend zum Thema «Nachbarschaft» des diesjährigen Filmfests, welches zum ersten Mal auch Workshops als Teil des Programms anbot.
Das Refektorium Elisabethen Kirche verwandelte sich für eine kurze Zeit in einen Raum des kollektiven Reflektierens und der gegenseitigen Achtsamkeit. Bereits zu Beginn des Workshops wurde deutlich, dass es auch darum geht, Intervenieren an sich umzudenken, die Beziehung zwischen der eigenen Handlungsfähigkeit und der eigenen Hemmschwellen zu reflektieren und zu verstehen, wie relevant es ist, die eigene (Macht-)Position und folglich Verantwortung in diese Reflexion mit einzubeziehen. Denn wenn von «Schwellen» gesprochen wird, geht es immer auch um Ausgrenzung.
Rahel El-Maawi arbeitet unter anderem als Dozentin und als Beraterin bei der Entwicklung von diversitätsorientierten und diskriminierungskritischen Betriebskulturen. Ihre handlungsorientierte sowie intersektionale Herangehensweise bildet einen wichtigen Baustein in ihrer beruflichen Tätigkeit. Des Weiteren ist El-Maawi Co-Autorin des Grundlagenbuches «No to racism«. Das Buch schlägt Massnahmen vor, wie Schulen inklusiver unterrichten können und zeigt auf, wie eine Rassismus-kritische Schulkultur gestalten werden kann.
Mein bisheriges Verständnis von Intervention beschränkte sich auf das Einschreiten in eine potenzielle oder bereits präsente Eskalation, wie etwa ein grosser Streit auf öffentlicher Strasse. Im Workshop wurde jedoch Intervenieren durch das Konzept der Schwellen erweitert. Schwellen wurden innerhalb des Workshops aus unterschiedlichen Perspektiven erläutert. Zum einen geht es um das Erkennen von Schwellen als physisches Hindernis, wie die architektonische Unzugänglichkeit unzähliger öffentlicher Räume für Personen im Rollstuhl oder mit Kinderwagen. Zum anderen als emotionales Hindernis, etwa in Form eines mangelnden Sicherheitsgefühls bei weiblich- oder queer-gelesenen Personen in nicht ausreichend beleuchteten Strassen. Beide Arten von Hindernissen können die Teilnahme einer Person am sozialen Leben erschweren oder gar verhindern.
Ziel war es, die Notwendigkeit eines Einschreitens aufzuzeigen, welches deeskalierend wirken kann, und den Spielraum einer möglichst niederschwelligen Intervention zu erkunden.
Des Weiteren sind Hemmschwellen als eine Form von Scham zu verstehen, die uns am Handeln hindern kann. Sie kommt zum Beispiel auf, wenn wir beobachten, wie jemand diskriminiert wird und/oder möglicherweise Hilfe braucht und wir uns aber nicht getrauen, einzuschreiten. Ein Beispiel dafür wäre etwa das Beobachten eines Falls von Racial Profiling: Wer mag schon gerne die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich ziehen? Und ist es der Person, die kontrolliert wird, recht, wenn noch mehr Aufmerksamkeit auf die Situation gezogen wird? Vom Erkennen der erlebten Schwellen anderer Personen bis hin zum Überwinden der eigenen Scham begleiteten uns Rahel El-Maawi und Andrea Zimmermann durch diese zwei Perspektiven. Ziel war es, die Notwendigkeit eines Einschreitens aufzuzeigen, welches deeskalierend wirken kann, und den Spielraum einer möglichst niederschwelligen Intervention zu erkunden.
Noch bevor der Workshop begann, erläuterten El-Maawi und Zimmermann die Bedingungen für eine Raumkultur, die ein gutes Miteinander möglich macht. Die Teilnehmenden wurden gebeten, sich mit Namen und Pronomen vorzustellen. Es wurden Grundsätze der Kommunikation und des Verhaltens vorgestellt, die es bei Konsens aller Teilnehmenden zu respektieren galt. Bereits hier wurden die ersten potenziellen Schwellen, diesmal im Sinne einer unausgesprochenen, sozialen Hürde, deutlich gemacht und niederschwellige Überwindungsmöglichkeiten aufgezeigt. Denn eine der Fragen bezog sich auf die präferierte Sprache während des Workshops. Dabei wurden alle Teilnehmenden gebeten, die Augen zu schliessen und sich anonym zu melden, ob sie eine Präferenz für Deutsch oder Schweizer-Deutsch haben oder ob sie Unterstützung in Form einer individuellen (Flüster-)Übersetzung in Anspruch nehmen wollen. El-Maawi erklärte, dass die Anonymität dabei helfen kann, die eigenen Bedürfnisse zu äussern, denn zu oft wird «die Andere» mit dem spezifischen Bedürfnis als störend empfunden. Diese scheinbar kleine Geste trug viel Gewicht und veranschaulichte, wie eine solidarische Intervention aussehen kann.
Perspektiven der Inklusion
Der Workshop wurde in zwei Blöcke unterteilt. Der erste Teil begann mit der Aufgabe, den jeweiligen Weg in den Kursraum individuell zu reflektieren und aufzuschreiben. Ein niederschwelliger Ansatz, der Anlass dazu bot, über das eigene Wohlbefinden nachzudenken und wie dies mit den möglichen Hindernissen, denen man*[1] auf dem Weg begegnet war, zusammenhängt. Daraufhin wurden die Teilnehmenden in kleine Gruppen eingeteilt. Gemeinsam wurde nun der Hinweg einer fiktiven Person genauer angeschaut. Die Aufgabe bestand darin, die möglicherweise unbekannte Perspektive einzunehmen und den auf einer Karte eingezeichneten Weg nachzuvollziehen: «Wo und warum könnte sich die Person unwohl fühlen? Wie könnte das Gefühl von Sicherheit beeinträchtigt werden? Was könnten Gastgeber*innen in einer solchen Situation tun?».
Schwellen entstehen durch zu schmale Türrahmen bei öffentlichen Toiletten, die so für Personen im Rollstuhl unzugänglich sind. Durch schlechte Beschilderungen zu Kursräumen. Durch die Weigerung, Jemanden mit deren präferierten Pronomen anzusprechen, sowie auch gar nicht erst danach zu fragen, wie Jemand angesprochen werden möchte. Oder aber dadurch, dass Menschen, die sichtbar nicht der weissen cis-hetero Norm entsprechen, im öffentlichen Raum Anfeindungen oder Schlimmerem ausgesetzt sind.
El-Maawi und Zimmermann hoben in diesem Block hervor, wie physische und emotionale Schwellen zu Ausschluss führen können – von Veranstaltungen, sozialen Räumen und gesellschaftlicher Anteilnahme. Die Vielschichtigkeit von äusseren bis hin zu inneren Schwellen wurde in diesem Abschnitt des Workshops erkennbar und bildete somit die Basis für das, was im zweiten Teil folgte: Gemeinsam Intervenieren verstehen und üben.
Haltung kombiniert mit Macht
Um Intervenieren üben zu können, ist es zunächst wichtig zu verstehen, welche Rolle Macht dabei einnimmt. El-Maawi und Zimmermann stellten dazu ein Schema vor: Haltung kombiniert mit Macht kann in Diskriminierung resultieren. Mit «Haltung», erklärte El-Maawi, sei die persönliche Einstellung einer Person gemeint. Diese kann vorgelebt und erlernt werden, sei es durch die eigene Familie, den Schulkontext oder durch weitere soziale Räume. «Macht» hingegen entsteht durch die soziale Rolle, die eine Person einnimmt und/oder die ihr zugewiesen wird.
Menschen können im einen Moment Ohnmacht erleben und im nächsten Macht ausüben. Macht ist immer in dessen Kontext, der eigenen Betroffenheit und Privilegien zu verstehen, welche über Situationen und gesellschaftliche Rollen hinweg wandelbar sind. Jemand kann Macht erleben, wie etwa durch eine Führungsposition am Arbeitsplatz. Zugleich aufgrund des wahrgenommenen Geschlechts patriarchale Unterdrückung in Form von, zum Beispiel, Miss-Gendering, Sexotisierung oder Lohnungleichheit erfahren.
Eine Voraussetzung dafür ist es, die eigene Macht zu erkennen und sie in Selbstermächtigung und Solidarität zu transformieren, also die eigenen Privilegien einzusetzen, um die gegebene Situation mit- und umzugestalten.
Wichtig ist, zu erkennen: Alle Menschen haben je nach Kontext unterschiedlich viel Macht. Was wir entsprechend unserer Haltung damit tun, hat Gewicht. Wir können dazu beitragen, dass Diskriminierung und Vorurteile in gesellschaftlichen Strukturen verharren, oder aber dazu, dass sie abgebaut werden und inklusives Handeln gefördert wird. Eine Voraussetzung dafür ist es, die eigene Macht zu erkennen und sie in Selbstermächtigung und Solidarität zu transformieren, also die eigenen Privilegien einzusetzen, um die gegebene Situation mit- und umzugestalten. Zum Beispiel, in dem während eines Workshops die eigenen Sprachkenntnisse dazu genutzt werden, um bei Bedarf Flüsterübersetzung anzubieten. Dadurch kann die Teilnahme einer nicht-deutschsprachigen Person erleichtert und der gemeinsame Raum zugänglicher gemacht werden. Eine weitere Form des Intervenierens ist das Benennen von diskriminierenden Handlungen und Aussagen (auch in Abwesenheit von betroffenen Personen) in den eigenen sozialen Kreisen, insbesondere, wenn man* selbst nicht davon betroffen ist. So wird die Aufklärungsarbeit nämlich nicht jenen aufgebürdet, die bereits betroffen sind. Zugleich wird verstanden, dass das Hinweisen auf erlebte Diskriminierung eine emotionale Schwelle bei Gewaltbetroffenen darstellen kann. Selbstermächtigung bedeutet also das Erkennen und Einsetzen der eigenen Macht und Privilegien, um das jeweilige Umfeld durch Intervention inklusiver zu gestalten.
Die eigenen Hemmschwellen erkennen
Im zweiten Block des Workshops setzten sich die Teilnehmenden in Gruppen zusammen. Gemeinsam diskutierten und entwickelten sie auf die eigenen Lebensumstände angepasste Interventionsmöglichkeiten und -strategien. Intervention wurde im Kontext der Nachbarschaft, von Veranstaltungen und dem Arbeitsplatz diskutiert. Bei Veranstaltungen standen vor allem die physische Zugänglichkeit und Awareness-Arbeit im Fokus, die an vielen öffentlichen Events noch an Fortschritt bedarf.
Während es bei Veranstaltungen um eine gemeinsame Verantwortung ging, stand bei den Bereichen Arbeitsplatz und Nachbarschaft die individuelle Verantwortung und Zivilcourage im Vordergrund. Die Diskussion wurde persönlicher und ambivalenter: Inwiefern etwa, ist die eigene Angst vor dem Intervenieren legitim und wie kann sie überwunden werden? Angst kann in Momenten der Intervention verschieden Ursprünge haben. Zum einen existieren Ängste in Bezug auf die eigene Sicherheit. Etwa in Situationen, in denen man* als weiblich gelesene Person geschlechter-basierte Gewalt auf der Strasse beobachtet, erhebt sich die reale Möglichkeit, beim Einschreiten, selbst Gewalt zu erleben. Hier wurden Alternativen im Plenum genannt: falls möglich kann ein gemeinsames Einschreiten mehrerer Personen das Risiko, Gewalt zu erleben, minimieren. Wird man* Zeug*in davon, wie eine Person bedrängt oder belästigt wird, kann auch eine simple Störung der Auseinandersetzung der betroffenen Person helfen. Hierzu wurden Ideen genannt, wie das Fragen nach dem Weg oder auf die betroffene Person zugehen und begrüssen, als ob man* sie kennen würde.
Sensibilisierung und Empathie für diverse Perspektiven sind die Basis für Intervention.
Ein weiterer Gedanke, der mir im Prozess des Workshops kam, ist die Angst, durch Intervention selbst übergriffig zu werden. Denn in manchen Situationen kann der Versuch, jemandem zu helfen oder in Geschehnisse zu intervenieren, in Bevormundung enden. Eine einfache Möglichkeit, dieses Risiko zu mindern, ist, Betroffene zu fragen, ob Unterstützung erwünscht ist. Sensibilisierung und Empathie für diverse Perspektiven sind die Basis für Intervention. Das eigene soziale Umfeld könnte eine Gelegenheit darstellen, sich mit Freund*innen und Bekannten darüber auszutauschen, wo und wie sie Ausschluss oder Diskriminierung im Alltag erleben und damit umgehen. Anstatt Annahmen über die Bedürfnisse anderer zu machen, kann durch ein Gespräch in einem geschützten Rahmen besser verstanden werden, wie in konkreten Situationen geholfen werden kann. Hierzu sagte Rahel El-Maawi nach dem Workshop:
«Es wird der Moment kommen, in dem eine Intervention nicht das erreicht, was man* sich erhofft. Man* wird vielleicht mal eine Grenze überschreiten. Doch das darf uns nicht davon abhalten oder entmutigen, Intervention zu praktizieren. In einem solchen Fall müssen wir uns auch entschuldigen – ohne Wenn und Aber. Je mehr wir Mut schöpfen und intervenieren (üben), je mehr wird es uns auch gelingen, eine gewalt- und diskriminierungsfreiere Kultur zu etablieren.»
Es ist wichtig, sich der eigenen Hemmschwellen sowie der darunter liegenden Scham und Angst bewusst zu sein und sie als Anlass zu nutzen, sich mit den diversen Lebensrealitäten unserer Mitmenschen auseinanderzusetzten. Es existieren zahlreiche Ressourcen, welche einen in der Entwicklung eines kritischen Bewusstseins und einer interventionistischen Praxis unterstützen. Dazu gehören Personen, wie El-Maawi und Zimmermann, die diskriminierungskritische Arbeit leisten. Doch auch über die Sozialen Medien, durch Bücher, Podcasts und Videos kann man* an oft kostenlose Ressourcen gelangen. Sich in dieser Hinsicht selbst zu bilden bedeutet, solidarisch Verantwortung zu übernehmen. So kann Intervention als niederschwellige und handlungsorientierte Praxis wie ein Muskel trainiert werden.
Rahel El-Maawi und Andrea Zimmerman erschufen mit ihrem Workshop einen Raum für Austausch und Reflexion. Sie bekräftigten die Notwendigkeit, sich mit den vielen Dimensionen gesellschaftlicher Hindernisse und Diskriminierungsstrukturen zu befassen. Dabei waren sie in der Lage, für dieses komplexe Thema niederschwellige Ansätze der Intervention greifbar zu machen.
Bemerkungen
[1] Ich bin dieser Schreibweise bei Sinthujan Varatharajah und Moshtari Hilal (2024): «Hierarchien der Solidarität» begegnet.
Bild: Andrea Zimmermann (l.) und Rahel El-Maawi (r.) am Workshop «Hemmschwellen abbauen – intervenieren üben» während des Bildrausch Filmfests 2025. Foto © Dominique Grisard.