Von Freija Geniale
Dieser Beitrag wurde im November 2024 verfasst.
«Immer wenn ich dich sehe oder du bei uns an der Buch Basel bist, denke ich: Wie gut, dass du bist. Nicht nur, wie gut, dass du so bist wie du bist, sondern überhaupt, dass du bist», mit diesen Worten stellt Marion Regenscheidt Carolin Emcke an der Buch Basel 2024 vor. Damit spricht sie sicherlich vielen Menschen im Publikum aus dem Herzen. Der Saal im Volkshaus ist voll und ich sehe viele Paare, die ich als lesbisch lese. Wir alle sind gekommen, um einer unserer queeren Ikonen zu lauschen, die heute im Rahmen dieser Lecture Performance ihren Essay «Queer Leben: Eine Intervention» lesen wird. Denselben Essay hat Emcke bereits im Frühjahr an der Republica 2024 in Berlin gelesen (hier nachzuschauen auf YouTube). Der Text hat mich als lesbische Frau so sehr berührt, dass ich heute nochmals hier bin, um dieselbe Performance live zu erleben.
Obwohl ich Carolin Emcke bereits mehrmals live erlebt habe, bin ich auch heute etwas aufgeregt. Wenige bekannte Intellektuelle machen Queer-Sein zu einem zentralen Thema ihrer Arbeit und äussern sich zugleich ebenso prägnant zu zahlreichen anderen gesellschaftspolitischen Themen – und können daher nicht «nur» auf ihr Queer-Sein oder feministische Themen reduziert werden. Carolin Emcke ist Autorin, Philosophin und Publizistin. Sie war unter anderem als Kriegsreporterin tätig, ihre Texte erscheinen seit vielen Jahren bei diversen Medien, etwa im Spiegel und der Süddeutschen Zeitung. Sie promovierte über kollektive Identitäten und hat unter anderem über Zeug*innenschaft, Demokratie, Gewalt und Trauma sowie Sexualität und Begehren geschrieben. Seit 2004 kuratiert und moderiert sie die Gesprächsreihe «Streitraum» an der Schaubühne Berlin. Seit 2023 ist sie Host des Podcast «In aller Ruhe» der Süddeutschen Zeitung. Emcke wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet (u.a. Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und Carl-von-Ossietzky-Preis für Zeitgeschichte und Politik) und zählt zu den wichtigsten und spannendsten intellektuellen Stimmen im deutschsprachigen Raum.
Die heutige Veranstaltung findet nur wenige Tage nach den Präsidentschaftswahlen in den USA statt, die Donald Trump erneut gewonnen hat. Ein Präsident, das ist jetzt schon klar, der die Rechte von trans Personen massiv einschränken wird und Transfeindlichkeit mit seiner menschenverachtenden Sprache weltweit noch salonfähiger macht. Eine Performance zum Queer-Sein, die identitätsstiftend ist, Hoffnung spendet und genauso Missstände gezielt adressiert, ist genau die Art von Input, die ich an diesem Wochenende brauche. Emcke wechselt zwischen der Erzählung von persönlichen Erlebnissen und messerscharfen politischen Analysen, die sie auch miteinander verwebt. Ihre Sprache ist kraftvoll, intensiv und sehr präzise. Gebannt lauscht der Saal jedem Wort, das sie mit Bedacht ausgewählt hat und ausspricht. Der Text ist angefüllt mit Witz und Humor.
An dieser Stelle muss ich daran denken wie anstrengend ich es finde, dass meine Sexualität per se ein politisches Thema ist, zu dem «man» eine Meinung hat.
Carolin Emcke beginnt ihre Rede mit einem Blick auf den weltweiten Backlash gegen queere Rechte. Diese würden im öffentlichen Diskurs als Luxusthema behandelt: wenn wir als Gesellschaft gerade keine grösseren Sorgen haben, können wir uns damit befassen, ansonsten werden wir depriorisiert: «Also haben wir eigentlich keine grösseren Probleme als über Regenbogenflaggen zu diskutieren?». An dieser Stelle muss ich daran denken wie anstrengend ich es finde, dass meine Sexualität per se ein politisches Thema ist, zu dem «man» eine Meinung hat. Zum Glück haben die meisten Menschen in meinem Umfeld keine schlechte Meinung über mich und meine Identität, «Puh, da hab’ ich aber Glück gehabt! Da bin ich richtig froh!» Wenn meine Identität in der Kaffeepause als Politikum debattiert wird, direkt nach einer Diskussion über die Sinnhaftigkeit von E-Rollern und ob man vielleicht nachts die Beleuchtung in Schaufenstern abschalten sollte, dann fühlt sich das demütigend an.
Emcke unterscheidet zwei verschiedene Arten der Marginalisierung, welcher die LGBTIQ-Community ausgesetzt ist: Die eine Form, die offen diskriminiert und verletzt und Hass sät. Und die andere Form, die einfach so tut, als gäbe es Queer-Feindlichkeit inzwischen gar nicht mehr. Dazu zählen etwa ignorante Aussagen, wie «das ist mir doch völlig egal, dass du homosexuell bist», oder «heutzutage ist das doch kein Thema mehr, es braucht keine Coming-Outs mehr».
Am Anfang steht ein Nein
Wahrhaftig sein und queer sein haben viel gemeinsam, erklärt Carolin Emcke. Beides habe damit zu tun, sich selbst nicht belügen zu können. Queer sein bedeute, die Vorgaben, Codes, Erwartungen und Zuschreibungen, die an einen herangetragen werden, für sich zu prüfen, sich zu fragen «stimmt das für mich?». Immer wieder sei da ein Unbehagen, ein Nicht-einfach-hinnehmen-können, was von einem erwartet werde, das Gefühl, «Stoffe oder Erwartungen an mir zu spüren, die ich unweigerlich von mir halten wollte». Jedes innere Coming-Out, jede queere Identitätsfindung beginne mit irgendeiner Form von «Nein».
Da muss ich stutzen, denn wenn ich diese Aussage für mich selbst prüfe, würde ich nicht so sehr sagen, dass am Anfang meiner (inneren) Coming-Out Story ein «Nein» stand, sondern viel mehr ein schüchternes und später immer deutlicheres «Hell yes!» zu Frauen und TINA-Personen[1]. Natürlich geht damit zwangsläufig ein Nein zum gesellschaftlich erwarteten Lebensentwurf in einer heteronormativen Welt einher, doch in meiner Erinnerung oder meinem Gefühl stand eher das «Ja» am Anfang. Ist dies nicht das zugleich Tragische wie auch Schöne am queer sein? In der Bejahung der eigenen Existenzweise, des eigenen Begehrens ist unausweichlich auch Widerstand und Störung enthalten.
In der Bejahung der eigenen Existenzweise, des eigenen Begehrens ist unausweichlich auch Widerstand und Störung enthalten.
Emcke fährt fort, das Nein könne auch in Form eines «nicht ganz», eines «nicht so» oder eines «auf gar keinen Fall» kommen, aber immer mit einem Nein. Sie macht eine Sprechpause und jemand möchte einen Zwischenapplaus anreissen, der aber nicht zu Stande kommt. Emcke kommentiert dies mit «Go for it!». Diese Veranstaltung ist wirklich eine Performance. Die Bühnenpräsenz von Carolin Emcke ist eindrücklich. Wie jedes Wort in ihrem Text mit Bedacht gewählt und gelesen wird, ist eindrücklich. Die Intensität ihrer Worte trifft genauso wie ihre Botschaft direkt ins Herz.
Es geht nicht immer um Liebe
An verschiedenen Stellen fällt mir auf, dass Emcke spezifisch wird, wenn sie über queere Liebe und Begehren spricht, beispielsweise wenn sie sagt: «ich bin nicht nur queer, weil Frauen mich erregen, (…)». Es ist eher selten, dass queere Erotik gezielt in einer öffentlichen Rede an- und ausgesprochen wird. Häufig wird mit der Phrase «Love is love» ein Narrativ bedient, das so etwas sagt wie «es kann ja wohl niemand etwas gegen Liebe haben», so im Sinne von «wenn es Liebe ist, kann es ja irgendwie nicht falsch sein». Das ist selbstverständlich nicht unwahr. Doch damit wird queeres Begehren auch ein wenig damit entschuldigt, dass es «halt um Liebe geht».
Gleichzeitig aber wird queere Sexualität eher tabuisiert mit Aussagen wie «solange ich es mir nicht vorstellen muss», oder «die können ja in ihren Schlafzimmern machen was sie wollen», oder «ich habe einfach Mühe, es mir vorzustellen». Mit solchen Aussagen wird queeres Begehren in eine schambehaftete Ecke gestellt. Dies haben wir so tief internalisiert, dass auch viele queere Menschen diese Scham bezüglich ihrer Sexualität zuerst «entlernen» müssen. Nein, es geht nicht nur und nicht immer um Liebe. Es geht auch um Begehren. So ist es für mich besonders, wenn Carolin Emcke als gefeierte Intellektuelle vor einem gefüllten Saal steht und über lesbische Lust spricht.
Leben «als ob»
Queere Menschen sind, im Vergleich zu ihren heterosexuellen, bzw. cisgeschlechtlichen Mitmenschen, vermehrt von Gewalt betroffen. Aber wir leben nicht die ganze Zeit im Bewusstsein dessen, dass uns jederzeit Gewalt widerfahren könnte. Vielmehr, so Emcke, leben wir «als ob» wir vollständig akzeptiert wären und nichts befürchten müssten. Bis dann doch etwas geschieht. So erzählt sie vom Anschlag auf die Schwulenbar Tepláreň in Bratislava im Jahr 2022, bei dem zwei Menschen getötet wurden. Im Anschluss an diesen Anschlag fuhr sie ohne Plan und ohne Auftrag nach Bratislava, weil sie gerne dort sein wollte, um den Menschen beizustehen und Anteilnahme zu zeigen. Mit Poesie und Wortgewalt beschreibt sie, wie sie sich mit den Betreibern der Bar, queeren und Menschenrechtsaktivist*innen sowie Freund*innen der Opfer dort traf. Sie berichtet vom Schockzustand und der Trauer und dem, was trotz allem, lebensbejahend bleibt: «Jeder von uns hatte so lose Fäden aus Lust und Schmerz, die aus uns heraushingen und die wir nach und nach aufgenommen und miteinander verflochten haben.»
Es ist eine Geschichte von Gewalt, Hass und Schock, aber auch von Zusammenhalt, Trost und queerer Solidarität. Von Community. Queer sein bedeute auch, solche Geschichten zu erzählen zu haben. Mit dieser Botschaft wird die Lesung auch enden: Emcke erzählt von der Fähigkeit queerer Menschen, «uns die Heimat, die wir brauchen, selbst zu schaffen». Noch vor 40 Jahren wurden viele queere Menschen nach ihrem Coming-Out vollkommen aus ihrem sozialen Netz und dem Familiengefüge ausgeschlossen. Teilweise passiert dies immer noch. So kommt es, dass der Begriff der Wahlfamilie seit jeher für die Community ein sehr wichtiger ist. Viele queere Menschen hatten und haben keine andere Wahl, als sich gemeinsam ein zu Hause zu erschaffen. Dabei machen wir immer wieder die überlebenswichtige Erfahrung, dass es Menschen gibt, die einen akzeptieren und die eigene Lebensrealität teilen.
Viele queere Menschen hatten und haben keine andere Wahl, als sich gemeinsam ein zu Hause zu erschaffen.
Schliesslich sagt Carolin Emcke, sie sei nicht auf viele Dinge stolz, aber es erfülle sie zutiefst mit Stolz, Teil der LGBTIQ-Community zu sein. Die Geschichte der Community sei nicht nur eine Geschichte der Gewalt, sondern auch eine Geschichte der Lust, eine Geschichte des Protests – für Care, für Anteilnahme und Fürsorge. Bei dieser Auflistung muss ich an das eindrückliche Buch «Stone Butch Blues» von Leslie Feinberg denken, in dem alle diese von Emcke genannten Aspekte der Community und des Protests im Rahmen einer Lebensgeschichte thematisiert werden (eine grosse Leseempfehlung an dieser Stelle). Darin sagt der Gewerkschaftler Duffy zu Jess, der Hauptfigur:
«I’m not saying we’ll live to see some sort of paradise. But just fighting for change makes you stronger. Not hoping for anything will kill you for sure. Take a chance, Jess. You’re already wondering if the world could change. Try imagining a world worth living in, and then ask yourself if that isn’t worth fighting for» (Feinberg 1993/2014, S. 328).
Das bisher Erreichte sei ein ungeheures Glück, fährt Emcke fort. Sie appelliert an uns im Publikum, dieses errungene Glück zu geniessen und zu halten. In diesem Moment muss ich an ein anderes Zitat von ihr denken, das aus ihrer Rede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2016 stammt: «Ich bin homosexuell. Das ist nichts, was man sich aussucht. Doch es ist das, was ich, hätte ich die Wahl, wieder wählte zu sein. Nicht, weil es etwas Besseres wäre, sondern weil es mich glücklich gemacht hat.» Die Demonstrationen zum Christopher Street Day werden auch «Pride» genannt. Weil es nicht nur «okay» ist, homosexuell oder trans, bisexuell oder aromantisch zu sein, weil wir nicht nur toleriert werden wollen, sondern gefeiert: weil es genau richtig ist, so zu sein. Weil wir stolz darauf sind. Lange habe ich den Stolz unserer Community nicht so direkt gespürt wie in diesem Moment. Emcke kommt zum Ende ihrer Performance, die eine einzige Wucht ist. Nach minutenlangem Applaus steht der ganze Saal auf. Draussen nach der Veranstaltung sagt eine Kollegin zu mir: «Die Welt ist gerade so schön.»
Bemerkungen
[1] TINA: trans, inter, nicht-binär, agender
Bild: Carolin Emcke bei der Erika Mann Lecture 2024. Foto: Amrei-Marie, zur Verfügung gestellt via Wikimedia Commons, CC BY 4.0.


