Identitäten für alle?

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Ein Gespräch zum Stück «James Brown trug Lockenwickler»

Von Aline Vogt und Orina Vogt


Das Stück «James Brown trug Lockenwickler» der bekannten Dramatikerin Yasmina Reza feierte am 6.12.2024 seine Schweizer Erstaufführung in der Regie von Stephan Kimmig an den Bühnen Bern. Fünf grossartige Schauspielende erwecken in diesem Stück über Identität und Verschiedenheit eine Reihe grundsätzlich sympathischer und nicht selten komischer Figuren zum Leben: Céline, die sich für Céline Dion hält, von deren Eltern aber Jacob genannt wird (und keinen familiären oder sonstigen Bezug zur bekannten Sängerin hat), Philippe, der, obwohl weiss,[1] sich als Schwarze Person identifiziert, die Eltern von Jacob/Céline, die nicht so recht mit der Transformation ihres Kindes umzugehen wissen, und eine Psychiaterin, die Philippe und Céline – aber auch ein bisschen die Eltern – zu betreuen versucht. Aline Vogt (Historikerin) und Orina Vogt (Dramaturgin und Kulturjournalistin) sprechen gemeinsam über das Stück:[2]

O. V.: Wie hat es dir gefallen?

A. V.: Gut, ich habe das Gefühl, man wird gut abgeholt. Ausserdem gibt es zum Thema «Identitäten» im Moment viele schwere Sachen. Ich fand es oft lustig, leicht und anschlussfähig. Ich glaube, die Thematik «Identität» tangiert alle Menschen. Alle kämpfen mit Zuschreibungen und Erwartungen und versuchen dabei ihren eigenen Weg selbstbestimmt zu gehen. Das hat das Stück gut gezeigt.

Die Figur der Therapeutin geht nicht wirklich auf allfällige Unterschiede zwischen den zwei Patient*innen ein, was für mich eine Leerstelle hinterlässt.

O. V.: Ging mir auch so, die witzigen Momente zogen sich durch den gesamten Abend. Ich hatte mir allerdings erhofft, dass die Unterschiede zwischen den beiden Protagonist*innen Céline und Philippe noch stärker thematisiert werden. Ich weiss nicht, ob man den Vergleich zwischen einer trans Frau, die sich als berühmte weisse Sängerin identifiziert, und einem weissen Mann, der sich als Schwarz identifiziert, einfach so stehen lassen kann.[3] Die Figur der Therapeutin geht nicht wirklich auf allfällige Unterschiede zwischen den zwei Patient*innen ein, was für mich eine Leerstelle hinterlässt. Ich dachte, Reza würde da noch weiter gehen. Wie ging es dir? Hast du auch die ganze Zeit gedacht, können wir mal darüber sprechen…

A. V.: …dass diese eine Person eigentlich weiss ist – oder zumindest von den Zuschauer*innen so gelesen wird?

O. V.: Ja!

A. V.: Im Programmheft, dass wir vor uns haben, wird als Referenz für das Stück der Fall von Rachel Dolezal erwähnt, die 2015 als weiss geoutet wurde, obwohl sie der Ortsgruppe der National Association for the Advancement of Colored People in Spokane, Washington vorstand und sich als Frau of Colour engagierte. Einige verstanden Dolezal damals als «transracial». Sie gingen also ähnlich wie bei der Geschlechtsidentität davon aus, dass race-Identitäten ebenfalls veränderbar sein können. Selbstverständlich sind sowohl race als auch gender keine biologischen Konstanten, sondern historisch jeweils unterschiedlich konstruierte Kategorien, die dementsprechend veränderbar sind und neu angeeignet werden können. Allerdings ist dieser Aneignungsprozess je nach Person und Kontext durch spezifische Machtverhältnisse beeinflusst. Zudem führen Überschneidungen von race und gender zu spezifischen Marginalisierungserfahrungen. Und nicht zuletzt haben unterschiedliche Aneignungspraktiken von race und gender unterschiedliche historische Konnotationen, was wohl dazu beiträgt, dass das Beispiel Dolezal so kontrovers diskutiert wird.[4] So sehr thematisiert das Stück diese Debatte aber gar nicht, das geschieht zum Beispiel im Roman «Identitti» von Mithu Sanyal viel mehr.

O. V.: Ein Unterschied, der im Stück ebenfalls nicht thematisiert wird, ist der Umstand, dass Céline sich nicht bloss als trans outet, sondern sich als eine spezifische Person identifiziert. Diese Anlage mutet ein wenig absurd an und wirkt schon etwas konstruiert, aber das darf Theater ja auch und ich finde es wichtig, wie ernst die Figur in Bern trotzdem genommen wird. Zudem trägt die «richtige» Céline Dion dadurch keinen Schaden davon.

A. V.: Aber wusstest du eigentlich von Anfang an, dass Philippe dem Stück zufolge weiss sein soll? Ich meine, es hätte ja auch sein können, dass das Theater einfach eine weisse Person castet, die eine Schwarze Person spielt.

O. V.: Ja stimmt, eigentlich weiss man das als Zuschauerin erst sehr spät mit Sicherheit. Aber grundsätzlich casten Theater nach Möglichkeit schon Schwarze Personen, um Figuren zu spielen, die nach dem Text des Stückes explizit Schwarz sind, wenn also die Kategorie race für die Figur und ihren Hintergrund relevant ist. Das passiert sowohl aus inhaltlichen als auch theaterpolitischen Gründen, da die Ensembles im Moment noch zu wenig divers sind. In diesem Fall ist es ja auch relevant, dass Philippe nach dem Stück eben eigentlich weiss ist. Andererseits kann man zum Beispiel für ein Stück wie «Romeo und Julia» unabhängig von der Hautfarbe casten, da die Geschichte ja unabhängig vom historischen Kontext für verschiedene Zusammenhänge adaptiert werden kann und die Hautfarbe für die Story nicht zwingend relevant ist.

Dort wird für mich deutlich, dass für das Stück eigentlich nicht die Identitäten selbst das Problem sind, sondern vielmehr die Ansprüche, die gestellt werden, um diesen Identitäten gerecht zu werden.

A. V.: Aber nochmals zurück zum Stück: Ich glaube, es geht gar nicht so sehr darum, welche Identitäten jetzt wie problematisch oder gerechtfertigt sind. Die Psychiaterin beschreibt in einer Rede, wie sich die Stiefschwestern von Aschenputtel die Zehen abschneiden, um in ihren Schuh zu passen und den Prinzen zu bekommen – man könnte auch sagen, einem bestimmten Anspruch an Weiblichkeit gerecht zu werden. Dort wird für mich deutlich, dass für das Stück eigentlich nicht die Identitäten selbst das Problem sind, sondern vielmehr die Ansprüche, die gestellt werden, um diesen Identitäten gerecht zu werden. Und das ist ein Problem, dass uns alle betrifft, im Stück zum Beispiel auch den Vater von Céline. Dieser kämpft an einer Stelle mit einer Erinnerung daran, wie er der Familie bei einem Ausflug keinen Liegestuhl besorgen konnte, weil er sich mit den sozialen Gepflogenheiten nicht auskannte.

Auch der Vater ringt also mit seiner Identität, weil er dem männlichen Ideal des Familienoberhaupts – möglicherweise aufgrund seines sozialen Hintergrundes – nicht gerecht werden kann. Insofern versucht die Psychiaterin auch nicht, Céline und Philippe von ihren Identitäten zu «heilen», wie das vielleicht noch in pathologisierenden Kliniken des 20. Jahrhunderts der Fall gewesen wäre, sondern sie zu ermächtigen, nicht so hohe Ansprüche an sich zu stellen und selbstbestimmt zu leben.

O. V.: Mich hat diese Rede der Psychiaterin formal etwas irritiert, aber stimmt, inhaltlich hat sie den Kontext auf jeden Fall erweitert. Man könnte auch sagen, Céline und Philippe setzen sich wenigstens mit ihren Identitäten und den damit verbundenen Unsicherheiten auseinander, im Gegensatz zu Célines Eltern. Am Schluss dreht sich die psychische Situation der Figuren ja dann auch sozusagen um. Céline ist sehr gefestigt in ihrem neuen Leben und es sind nun vielmehr die Eltern, die die Realität nicht mehr sehen, weil sie denken, Céline käme jetzt nach Hause, was sie aber nicht tut.

A. V.: Es ist eigentlich ein etwas tragischer Schluss, gerade weil die Eltern auch sympathisch gezeichnet werden. Zum Beispiel haben sie zu Hause Weihnachtslichter aufgehängt, um Céline willkommen zu heissen. Wir wissen jetzt nicht, wie alt Céline ist, aber es kommt schon auch eine etwas traurige Stimmung auf, vielleicht auch gar nicht wegen Céline selbst, sondern eben wegen der Eltern.

O. V.: Ja, im Verlauf des Abends wird deutlich, dass die Eltern ein anderes Verständnis von psychischer Gesundheit haben. Sie können nicht wirklich damit umgehen, wie es ihnen selbst eigentlich geht. Für sie ist es fast alltäglich, dass nicht alles gut läuft, aber sie überspielen das, während eine jüngere Generation vielleicht eher mal in Therapie geht.

Die Beziehung von Céline und Philippe ist dafür sehr schön, man hat den Eindruck, sie sind sehr ehrlich miteinander. Vielleicht hätte man den Schluss umdrehen können: Der Abschied zwischen Céline und Philippe, der zuerst kommt, war nämlich viel schöner als diese tragische Versteinerung der Eltern, was ja das Schlussbild war. Diese Solidarität und bedingungslose Liebe zwischen den beiden Freund*innen war für mich eigentlich das Stärkste am Stück.

A. V.: Hast du ein Schlusswort?

O. V.: Das Stück regt auf jeden Fall dazu an, darüber nachzudenken, wie die Kategorien Geschlecht und race zusammenwirken und Menschen auf unterschiedliche Art und Weise beeinflussen. Zudem werden wir von den beiden Protagonist*innen dazu aufgerufen, die Aneignung von Identitäten als Chance zu sehen, sich von Zuschreibungen zu distanzieren. Vor allem aber ist es ein Aufruf dazu, sich durch Identitäten und über Differenzen hinweg mit anderen zu verbünden und solidarisch zu sein. Ob man sich jetzt schon länger mit dem Thema Identität beschäftigt oder sich diesen Diskursen bisher eher entzogen hat, so können ambivalente Stücke wie dieses im besten Fall zum Dialog anregen. Das hat es bei uns ja auch getan!


Bemerkungen

[1] Im Folgenden wird «Schwarz» gross, «weiss» hingegen klein und kursiv geschrieben. Diese Schreibweise macht darauf aufmerksam, dass es sich um konstruierte Kategorien handelt, die aufgrund historisch entstandener Machtverhältnisse gleichwohl bedeutsam sind. Die Schreibweise ist in aktivistischen Kontexten üblich und entspricht der Selbstbezeichnung vieler Schwarzer Menschen, sie wird mittlerweile aber auch von einigen wissenschaftlichen Publikationen und universitären Leitfäden aufgegriffen. Vgl. Burke, Fork et al. (Hg.): I Will Be Different Every Time. Schwarze Frauen in Biel, Biel 2020; Empfehlungen für geschlechterinklusive und diversitätssensible Sprache. Hg. von der Goethe Universität Frankfurt, Frankfurt a.M. 2020. Vgl. auch den Text von Sophie Bürgi «Verkörperte Narrative und revidierte Archive» für Art of Intervention, Mai 2024, insb. Fussnote 2.

[2] Orina Vogt ordnet das Stück für SRF ein: «James Brown trug Lockenwickler»: Stück von Yasmina Reza in Bern, Audio & Podcasts, SRF.

[3] Inwiefern die beiden Protagonist*innen intersektional geprägt sind, ob also beispielsweise Philippe cis ist oder Céline weiss, wird im Stück nicht abschliessend deutlich. Die Frage nach Intersektionalität stellt sich bei dem Thema aber durchaus.

[4] Während Dolezal von der einen Seite Blackfacing vorgeworfen wird, argumentieren andere, Dolezals pauschale Verurteilung sei vielmehr eine Form des Policing, wie sie auch trans Frauen erfahren müssten. Vgl. z. B.: Bey, Marquis; Sakellarides, Theodora: «When We Enter: The Blackness of Rachel Dolezal», in: The Black Scholar 46 (4), 2016, S. 33–48; Perez, Jasson, 2015: «The Blackface Politics of Rachel Dolezal», in: The Feminist Wire, Stand: 07.11.2025; Green, Kai M., 2015: «‹Race and gender are not the same!› is not a Good Response to the ‹Transracial› / Transgender Question OR We Can and Must Do Better», in: The Feminist Wire, Stand: 07.11.2025.

Bild: «James Brown trug Lockenwickler», Foto © Florian Spring, 2024, courtesy Bühnen Bern.

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