10 Gründe, Andrea Gibson neu zu lesen

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Von Christina Zinsstag


1. Das erste Gedicht von Andrea Gibson, dem ich begegnete, heisst «Andrew». Ich war damals achtzehn oder neunzehn Jahre alt und suchte im Internet nach Informationen über queer_sein. Auf YouTube fand ich ein Video, in welchem Gibson das Gedicht vorträgt. Mit klarer, lauter Stimme spricht they darin über theyren Nonbinarität, über das Verliebt sein, über Sexualität. Dieses Gedicht und Gibsons Stimme, mit all ihrer Dringlichkeit, ihrer Leidenschaft, ihrer Klarheit, blieben an mir haften. Die Zeilen: «I am living today as someone / I had not yet become yesterday / And tonight I will borrow only / Pieces of who I am today / To carry with me to tomorrow» zierten daraufhin die Caption meines damaligen facebook-Profilbildes. Im Rückblick war das Gedicht für mich eine Prophezeiung, eine Richtigstellung, ein Zauberspruch.

2. Andrea Gibson ist ein Rockstar der Lyrik.[1] They hat eine bemerkenswerte Karriere als Spoken Word Poet*in hingelegt, die in den 1990er Jahren mit Auftritten in Denver, Colorado, begann. Dort begegnete they zum ersten Mal Poetry Slam und war sofort begeistert. Allerdings hatte Gibson furchtbare Angst vor öffentlichen Auftritten. Der Schmerz über eine damalige Trennung half they, trotz oder eher mit dieser Angst aufzutreten, zittrig, roh und freimütig. Gibson war dermassen erfolgreich, dass sich bei they eine Agentin meldete, die normalerweise Musiker*innen vertrat. Daraufhin füllte Gibson mit theyren Auftritten regelmässig auch Rock Clubs und Konzertsäle in den USA und darüber hinaus!

Gibson gewann mehrfach Poetry Slam-Preise, darunter den ersten Womxn of the World Poetry Slam (2008), und Auszeichnungen für theyren sieben Publikationen. 2023 wurde Gibson zum Poet Laureate vom US-Bundesstaat Colorado ernannt. Dabei handelt es sich um eine Auszeichnung und ein besonderes Amt, das in einigen Ländern von Regierungen an Dichter*innen verliehen wird. Derzeit steht Andrea Gibsons Bekanntheit allerdings unter dem Stern von theyren Tod im Juli letzten Jahres.

3. Andrea Gibson starb am 14. Juli 2025 an Eierstockkrebs. They starb umgeben von geliebten Menschen, darunter theyren Partnerin Megan Falley, vier Exfreund*innen, theyren Eltern und vielen engen Freund*innen. Gibson und Falley wohnten zusammen mit ihren drei Hunden in einem Haus, das Gibson mit einer früheren Partnerin gekauft hatte. In ihrem Garten wohnen vier Eichhörnchen und eine trauernde Taube.

In Interviews und Posts berichten Freund*innen und Bekannte von Gibson, wie beeindruckt sie davon sind, wie Gibson mit der tödlichen Diagnose umgegangen ist. Mit wieviel Unerschrockenheit, Humor und Zuneigung they dieser Gewissheit begegnete. Gibson hat das Älterwerden zelebriert, sich über jedes graue Haar gefreut und war von jeder Falte im Gesicht zu Tränen gerührt. They wäre sehr gerne sehr alt geworden. Andrea Gibson hat das Leben geliebt.

Gibson benannte den Schmerz, feierte das gebrochene Herz und strebte stets nach Offenherzigkeit, Empathie und Liebe.

4. Gibson schrieb über Liebe und über queer_sein («Photograph», «A Letter To the Playground Bully (age 8)», «Queer Youth Are Five Times More Likely To Die By Suicide», um jeweils nur einige Gedichte zu nennen), über Depressionen und Panik-Attacken («Instead of Depression», «Every Time I Said I Want To Die»), über die Gebrechlichkeit des Körpers («Love Letter to the Tick that Got Me Sick», «Life Anthem»), über soziale Gerechtigkeit und Aktivismus («Homesick: A Plea for Our Planet», die von Gibson herausgegebene Anthologie «We Will Be Shelter. Poems For Survival», 2021), über Misogynie und sexualisierte Gewalt («Blue Blanket»), über white Privilege («Privilege Is Never Having to Think about It», «A Letter To White Queers, A Letter To Myself»), über Imperialismus und Krieg («For Eli», «Dive»). In vielen Gedichten ringt Gibson mit der Gleichzeitigkeit von Gewalt und Zartheit, Zerstörung und Wachstum, Ausbeutung und Solidarität in der Welt. Gibson benannte den Schmerz, feierte das gebrochene Herz und strebte stets nach Offenherzigkeit, Empathie und Liebe.

«And I want to grow
strong as the last patch of sage on a hillside
Stretching towards the lightning.
God has always been an arsonist.
Heaven has always been on fire.
She is a butterfly knife bursting from a cocoon in my belly.
Love is a half-moon hanging over Baghdad
promising to one day grow full,
to pull the tides through our desert wounds
and fill every clip of empty shells with the ocean.
Already there is salt on my lips.»

– Andrea Gibson, aus «Pole Dancer»

5. Im Dokumentarfilm «Come See Me in the Good Light» (2025) bemerkt Gibson, dass they eigentlich über ein sehr kleines Vokabular verfüge. Die Lektorin von theyrem ersten Buch habe kommentiert: das sind ja alles dieselben Worte, nur anders arrangiert. Gibson erklärt, they habe sich nie dafür interessiert, grosse Wörter zu lernen oder eine möglichst akademische oder künstliche Sprache zu verwenden. Wichtig sei dagegen, dass die Gedichte leicht verständlich, schnörkellos und ehrlich sind. Gibson fragt, «Why write a poem that’s over somebody’s head? Even more than that, over somebody’s heart?».

6. Was Gibsons Gedichte ausmacht: Sie verraten dir Wahrheiten (über dich selbst), die du zwar kennst, von denen du dennoch nichts weisst. Sie sprechen aus, wofür dir die Worte fehlen, denken zu Ende, was dir durch den Kopf ging, und stehen konsequent zu jenen Gefühlen, die du lieber vermeidest. Sie geben tiefen Überzeugungen und Gefühlen eine klare Sprache. Sie sind zu viel: zu kitschig, zu leidenschaftlich, zu intim, zu verletzlich, zu utopisch, zu engagiert. Wenn du sie liest, dann hast du das Gefühl, Jemand vertraue sich dir an. Wenn du sie mit Jemandem teilst, hast du auch mal das Gefühl, du hättest «zu viel» von dir selbst Preis gegeben.

Was Gibsons Gedichte ausmacht: Sie verraten dir Wahrheiten (über dich selbst), die du zwar kennst, von denen du dennoch nichts weisst.

7. Klischees und Kitsch gehören bei Gibsons Gedichten zur Leseerfahrung – manchmal so sehr, dass sich alles in dir kringelt. In «Come See Me in the Good Light» erklärt Falley, die ebenfalls Dichterin ist, dass sie und Gibson unterschiedliche Herangehensweisen im Umgang mit Klischees hätten. Während Falley möglichst versuche, Klischees zu vermeiden, würde Gibson sich direkt hineingeben und sie sogar noch verstärken. «I like my way and your way», erklärt Gibson und lächelt schelmisch, «but my way is a little bit more fun».[2]

8. Meine Empfehlung: Sieh‘ oder Hör‘ dir an, wie Gibson theyren Gedichte performt. So bekommst du ein Gefühl für theyren Herangehensweise. Du erhältst einen Eindruck davon, wie diese Gedichte gesprochen, gedacht, erlebt werden können. Auf der Bühne entfaltet das Klischee eine andere Wirkung.

Gibsons Gedichte sind nicht für die einsame Meditation gedacht und auch eine Lesung im klassischen Sinne würde ihnen wohl nicht gerecht werden. Diese Gedichte sind dafür gedacht, auf einer Bühne erlebt zu werden, umgeben von einer ergriffenen Masse an Menschen. Ich wünschte, ich hätte Gibson live auf der Bühne erlebt.

9. Kann ein*e Autor*in in Zeiten von KI überhaupt noch vergessen werden? Ja, in dem Sinne, dass es immer noch Menschen sind, die sich erinnern müssen. Nein, in dem Sinne, dass das Internet nicht vergisst und KI eine äusserst effiziente Möglichkeit bietet, es zu durchsuchen. Darüber hinaus ist es gut möglich, dass die KI dabei auch ein bisschen Fiktion generiert.

Gibsons ist derzeit allerdings auch noch aus einem anderen Grund sehr präsent. Der Dokumentarfilm «Come See Me in the Good Light» kam erst im letzten Jahr raus und wird derzeit an diversen Festivals und Screenings gezeigt. Darüber hinaus hat Megan Falley, Gibsons unerschütterliche Begleiterin in diesen letzten Jahren, theyren Newsletter übernommen und schreibt und postet regelmässig mit ihrem und theyrem Account Texte auf Substack und Instagram.

10. Gibson litt im Verlauf von theyren Leben immer wieder unter starken Depressionen und Angstzuständen. Es sind vor allem Gibsons Texte darüber, die mich in den letzten Jahren oft begleiteten. In «Every Time I Said I Want To Die» schreibt Gibson:

«[…] a difficult life is not less
worth living than a gentle one. Joy is simply easier
to carry than sorrow, and you could lift a city

from how long you’ve spent holding
what’s been nearly impossible to hold.
This world needs those who know

how to do that. Those who could find
a tunnel with no light at the end
of it and hold it up like a telescope

to show that the darkness contains
many truths that can bring the light
to its knees. Grief astronomer,

adjust the lens, look close. Tell us
what you see.»

Die Krebsdiagnose habe den depressiven Zuständen ein Ende bereitet, erklärt Gibson in «Come See Me in the Good Light». They habe in den letzten Jahren mehr gelebt als in der gleichen Zeitspanne davor. Auch Gibsons Gedichte veränderten sich: Es ging nun mehr um das Staunen ob dieser Welt. Darum, wie unfassbar und zugleich selbstverständlich es ist, zu leben. Darum, wie es ist, den Tod schon von Weitem kommen zu sehen und jeden Moment in seiner Einzigartigkeit wahrzunehmen. Darum, was es bedeutet, das Sterben zu erleben. Zum Schluss möchte ich die ersten Zeilen aus «Love Letter From The Afterlife» teilen, einem der letzten Gedichte Gibsons:

«My love, I was so wrong. Dying is the opposite of leaving. When I left my body, I did not go away. That portal of light was not a portal to elsewhere, but a portal to here. I am more here than I ever was before. I am more with you than I ever could have imagined. So close you look past me when wondering where I am. It’s Ok. I know that to be human is to be farsighted. But feel me now, walking the chambers of your heart, pressing my palms to the soft walls of your living. Why did no one tell us that to die is to be reincarnated in those we love while they are still alive? Ask me the altitude of heaven, and I will answer, How tall are you?»


Bemerkungen

[1] Eine wichtige Informationsquelle für diesen Text ist der Dokumentarfilm «Come See Me in the Good Light» (2025), den ich an dieser Stelle herzlich empfehle. Darin nennt Megan Falley Andrea Gibson «a rockstar of poets». Zudem der Artikel «A Wild and Precious Life: Remembering Andrea Gibson» von Amber Tamblyn, publiziert am 13.10.2025 auf der Website der Poetry Foundation, und die Episode «Andrea Gibson + Megan Falley» aus «It’s Ok To Ask Questions (S3:E1)».

[2] Eine Auswahl besonders «schlechter» Sätze und ein gutes Zeugnis von Gibsons Humor ist das Video «The Worst Lines I’ve Ever Written» auf YouTube.

Bild: Andrea Gibson, 2024. Quelle: Wikimedia Commons, CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication.

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