Über das Buch Die schönste Version von Ruth-Maria Thomas.
Von Luzia Knobel und Franca Schaad
Auf den ersten Blick ist Die schönste Version ein Buch wie viele andere, girl meets boy, the trouble begins. Jella wächst im Ostdeutschland der 1990er-Jahre auf, die Wirren der Teenagerjahre, erste Lieben, oder was dazu verklärt wird.
Seit wir beschlossen haben, zusammen über Ruth-Maria Thomas’ Die schönste Version zu schreiben, wurde im Schweizer Parlament und in der Öffentlichkeit kurz aber heftig über eine zunächst abgelehnte zusätzliche Million für die Prävention von Gewalt gegen Frauen, für Hilfsangebote und Frauenhäuser diskutiert, dann verschwand das Thema wieder von den Frontseiten.
Der Debütroman der Deutschen Autorin Ruth-Maria Thomas bleibt ein wichtiges Buch in diesem Kontext. Es thematisiert Beziehungsgewalt, erzählt sie aber vom anderen Ende als die schreckliche Statistik, die vielen von uns bekannt ist: 27 Frauen und Mädchen wurden in der Schweiz 2025 durch ihren Ehemann, Lebensgefährten, Ex-Partner, Vater, Bruder oder Sohn getötet.
Die schönste Version erzählt vom Anfang dieser Geschichten. Von den vielen möglichen und tatsächlichen Anfängen von Beziehungen, die in Dominanz, Unterdrückung und Gewalt münden. Von den Anfängen, die vor der einzelnen gewaltvollen Beziehung liegen.

Jella Nowak also. Wir begleiten die Protagonistin von ihrer behüteten, aber nicht bruchlosen Kindheit in einer ostdeutschen Familie der Arbeiterklasse bis zum Studium in einer mittelgrossen westdeutschen Stadt. Wir begleiten ihre Jugend, erste Dates, ihre Freundinnenschaft mit Shelly, sexuelle Begegnungen, die erste längere Beziehung mit Yannick, die gemeinsame Wohnung, Klassenunterschiede, Konflikte. Die Gewalt in dieser Beziehung findet nicht im luftleeren Raum statt, sie kommt nicht plötzlich und nicht von nirgendwo.
Die schönste Version ist die Geschichte von unzähligen kleinen Momenten, von Abwertung, von Grenzüberschreitungen, von Schweigen, von nicht gehört werden, von nicht ernst genommen werden, von der Normalisierung all dessen durch die Protagonistin selbst.
«Yannick fragte mich, ob ich gern Gin Tonic trinken würde. Ich zuckte mit den Achseln, sagte: Ich bin eigentlich eher der Weisswein-Typ. Er fragte, ob er mir einen Gin Tonic bestellen dürfe. Ich nickte. Klar. Er wolle nicht so sein wie die Männer, die einfach über den Kopf der Frau hinweg entscheiden, was sie trinken oder essen. Ich sagte: Das ist nett von dir. Er orderte den Barkeeper mit einer lässigen Handbewegung an unseren Platz, fragte nach einem bestimmten Tonicwater.»
Ruth-Maria Thomas gelingt es, greifbare und glaubwürdige Bilder zu entwerfen, kleine Szenen, die aus dem Alltag gegriffen scheinen. Sie sind selten künstlich überfrachtet, und erzählen doch das grosse Ganze. Auf die Frage Yanniks nach der Anzahl ihrer bisherigen Sexualpartner: «Mit wie vielen Typen hast du denn geschlafen? Was ist dein Bodycount?» weiss Jella nur eine Sache instinktiv: Ihre Wahrheit bringt sie in Gefahr. Ihre Erfahrungen gehören kleingerechnet.
Ruth-Maria Thomas fasst in Worte, was nicht gesagt wird, was nicht gesagt werden kann, was Jella denkt und fühlt, während sie über ihre Beschämung, Herabwürdigung und radikale Infragestellung hinwegschweigt.
Einzeln mögen Episoden wie diese zunächst nichtig, unproblematisch erscheinen, und erweisen sich in ihrer Summe und Systematik doch von enormer Wirkmacht. Auch das Gewalt- und Unterdrückungspotential von Sprache wird schmerzhaft deutlich. Ruth-Maria Thomas fasst in Worte, was nicht gesagt wird, was nicht gesagt werden kann, was Jella denkt und fühlt, während sie über ihre Beschämung, Herabwürdigung und radikale Infragestellung hinwegschweigt.
Da ist zum Beispiel der erste Besuch der Protagonistin im Elternhaus ihres späteren Partners, im «Spiesserhaus», wie Yannick es nennt, während er das Leben in der Plattenbausiedlung verklärt. In dieser Szene verdichten sich mehrere Linien, die das Buch durchziehen, ohne dass Thomas sie je platt kaut. Es wird spürbar, dass zwischen Jella und ihrem Gegenüber ein Klassenunterschied besteht – nicht als offene Konfrontation, sondern als Atmosphäre. Als Frage von Selbstverständlichkeit, von Zugehörigkeit, von dem Gefühl, am richtigen oder falschen Ort zu sein.
Das physische Aufeinandertreffen, Jellas Körper in Yanniks materieller Welt, seiner hier hausgewordenen Herkunft, verstärkt eine Dynamik, die sich immer wieder zeigt: das leise, oft unausgesprochene Gefühl, sich anpassen zu müssen, um zu genügen. Die Welt des Partners erscheint als die gültige, als jene, zu der man aufschliessen möchte. Eigene Irritationen, Unbehagen, Zweifel werden relativiert. Nicht, weil sie nicht zu spüren wären, sondern weil sie als weniger legitim empfunden werden. Klassenverhältnisse, geschlechtsspezifische Sozialisation und Beziehungsmacht greifen ineinander.
Wichtig ist dabei, dass Die schönste Version nicht auf Eindeutigkeit setzt. Jella ist keine Figur, die konsequent «richtig» handelt. Sie erkennt manches, benennt es rückblickend – und trifft dennoch Entscheidungen, die Leser*innen irritieren können. Ihre Widersprüchlichkeit mag ärgern, einstweilen gar schmerzen, doch diese Irritation ist kein Mangel, sondern ein zentrales Moment des Textes. Sie verweigert die einfache Trennung in Einsicht und Handlung, Wissen und Konsequenz. Gerade darin liegt eine produktive Zumutung. Das Buch konfrontiert uns mit der eigenen Ungeduld, mit dem schnellen Impuls, Verantwortung zu individualisieren. Mit der Frage, warum jemand bleibt, warum jemand schweigt, warum sich jemand nicht verteidigt oder «einfach geht». Es konfrontiert uns mit der eigenen moralischen Selbstgewissheit. In diesem Unbehagen wird sichtbar, wie tief bestimmte Erwartungen sitzen – Erwartungen an Klarheit, an Stärke, an “die richtige” Reaktion. Erwartungen, die wenig Raum lassen für Ambivalenzen, für Abhängigkeiten und Hoffnungen.
Nicht zuletzt richtet Thomas den Blick auch auf die Verletzlichkeit von Freund*innenschaften.
Nicht zuletzt richtet Thomas den Blick auch auf die Verletzlichkeit von Freund*innenschaften. Zwischen Jella und Shelly scheitert das Erzählen von gewaltvollen Erfahrungen nicht an mangelnder Solidarität, nicht nur an internalisierter Misogynie, sondern auch an der Unschärfe des Erlebten:
«Shelly fragte genau ein Mal nach, was denn los sei […]
Hätte sie noch einmal nachgefragt, vielleicht
hätte ich nachgegeben, […]
hätte gestanden, gestanden? ja, gestanden,
dass da irgendwas war,
irgendwas passiert war,
dass sich gar nicht gut anfühlte,
hätte erzählt, wahrscheinlich gestammelt,
sicherlich geheult, bei dem Versuch zu beschreiben,
was passiert war.»
Ruth-Maria Thomas zeichnet nach, wie sich verinnerlichte Narrative gesellschaftlicher Disziplinierung – don’t be too much, no drama, klammere nicht, bleib locker – mit dem Wissen verschränken, dass Sprechen über Gewalt nach Eindeutigkeit verlangt, keinen Zweifel, keine zaghafte Verunsicherung zulässt. Solange das Erlebte keine klar benennbaren Konturen hat, kennt das Sprechen darüber keinen sicheren sozialen Ort. Leises Unbehagen und diffuse Gefühle vor der eskalierenden Gewalt bleiben zu häufig sprachlich unterversorgt, selbst unter Freundinnen.
Gewalt beginnt dort, wo Wahrnehmung systematisch in Frage gestellt wird, wo Grenzüberschreitungen sprachlich abgeschwächt, wo Konflikte umgedeutet werden.
Darin liegt die Stärke dieses Buches. Es verdeutlicht, dass Gewalt nicht mit einem Schlag beginnt. Nicht erst dort beginnt, wo sie eindeutig benennbar ist. Sie beginnt dort, wo Wahrnehmung systematisch in Frage gestellt wird, wo Grenzüberschreitungen sprachlich abgeschwächt, wo Konflikte umgedeutet werden. Und sie wirkt fort, weil sie sich in Selbstbilder einschreibt. Die schönste Version erzählt damit nicht nur von einer Beziehung, sondern von Strukturen, die solche Beziehungen ermöglichen und stabilisieren.
Das Lesen ist unbequem. Und zugleich notwendig. Deprimierend, weil es zeigt, wie vertraut diese Muster sind. Ermutigend, weil es eine Sprache dafür findet. Weil es sichtbar macht, was oft diffus bleibt. Und weil es vielleicht dazu beiträgt, dass andere Geschichten von Nähe, Begehren und Beziehung denkbar werden. Dieses Buch sollte gelesen werden, gerade weil es keine einfachen Antworten gibt. Weil es nicht beruhigt. Weil es nahekommt.
Denn es gilt noch immer: Das könnten wir sein. Das könnten unsere besten Freundinnen sein. Könnten – und sind es.
Bemerkungen
Bild: Portrait von Ruth-Maria Thomas. Foto © Urban Zintel.
Alle direkten Zitate im Text stammen aus Die schönste Version von Ruth Maria Thomas.
Die schönste Version von Ruth-Maria Thomas erschien 2024 beim Rowohlt Verlag und wurde für den Deutschen Buchpreis 2024 nominiert.




