Wenn viele Ichs singen und tanzen

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Fünf Fragen an Andrea B. Braidt

Von Dominique Grisard und Andrea Zimmermann


Andrea B. Braidt ist Privatdozentin für Film- und Medienwissenschaft am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien mit Forschungsschwerpunkten in Gender/Queer Film Studies, Filmgenreforschung und Erzählforschung. Sie ist seit 2020 Vorsitzende des Kuratoriums der Albertina Wien sowie (seit 2023) Universitätsratsvorsitzende der Kunstuniversität Linz. Im Rahmen ihrer Forschung befasst sie sich u.a. mit der Rezeption von Emily Brontës Roman Wuthering Heights in Film, Musik und Literatur sowie den Themen, die darin verarbeitet werden.

Wie erklärst Du Dir den Kultstatus des Musik-Videos von Kate Bush zum Song Wuthering Heights fast 50 Jahre später? Wofür steht Kate Bush auch heute noch? 

Als Kate Bush ihr Debut Wuthering Heights veröffentlichte, landete sie sofort einen absoluten Nummer 1 Hit. Der Song, und das gilt auch heute noch, ist musikalisch ungewöhnlich, geprägt von Bushs großer tonalen Range, und natürlich von dem – man möchte meinen «verstaubten» – Bezug zu einem der grössten Klassiker der Weltliteratur. Es ist ja oft so, dass sich in der Popkultur genau das einprägt, was besonders ungewöhnlich ist. Und natürlich: seit die Serie Stranger Things den Song so prominent eingebaut hat, kennen ihn selbst die Millennials… 😉

Im Musikvideo zu Wuthering Heights von 1978 inszeniert sich Kate Bush als Geist in der Rolle von Cathy des gleichnamigen Romans von 1847. Was ist die Faszination mit Geistern und ihrer Heimsuchung in der queer-feministischen Theorie? Und: wer «heimsucht» hier eigentlich wen?

Während wir im Roman die Heimsuchung durch den Geist Cathys aus männlicher Perspektive präsentiert bekommen, erzählt Bush den Geist aus der Ich-Perspektive. Sie richtet sich an Heathcliff direkt, aber natürlich auch gewissermaßen an uns, die Zuhörenden, bzw. Zuschauenden. «Haunting» wurde zu einem wichtigen Begriff in vor allem postkolonialer queer-feministischer Theorie, er bezeichnet unter anderen Dingen die Traumata kolonialer, patriarchaler, homophober Gewalt – eine Variante der «Wiederkehr des Verdrängten».

Du bezeichnest den TMWHDE als «Reenactment». Was ist die besondere, performative Kraft von Reenactments aus queer-feministischer Perspektive?

Queerness wird sehr oft mit brüchiger Wiederholung, mit Camp, Pastiche in Verbindung gebracht, und insofern sind Reenactments ja immer Zitate, die Wiederaufführung oder Performanz von etwas, das es bereits gegeben hat. Reenactments verweisen auf die Zitathaftigkeit, die Judith Butler auch mit der Performativität von Geschlecht in Verbindung gebracht hat. Schließlich ist das Wort «queer», wie wir es heute gebrauchen, ein Zitat eines Schimpfworts, mit dem LGBTIQA*-identifizierte Personen über Jahrhunderte hinweg im Englischen Sprachgebrauch beschimpft wurden. In der Aneignung des Begriffs liegt die Kraft.

Das stellt eine Kollektivität her, die nicht nur etwas Affirmatives hat, sondern auch – dadurch – politisch gedacht werden kann, eine Mikropolitik des Gemeinsamen vielleicht.

Dich interessieren die Affekte, die der weltweite Flashmob von The Most Wuthering Heights Day Ever auslöst. Was passiert da?

Die Unheimlichkeit wird im Flashmob in der Regel in etwas sehr Fröhliches übersetzt. Wir werden das sicherlich auch in Basel erleben. Ein rotes Kleid anziehen, eine Choreo einüben, zum Hit von Kate Bush tanzen, mit Fremden, im Freien: das stellt eine Kollektivität her, die nicht nur etwas Affirmatives hat, sondern auch – dadurch – politisch gedacht werden kann, eine Mikropolitik des Gemeinsamen vielleicht.

Durch den Flashmob passiert – wie du beschreibst – eine Affektumkehr: Wie transformiert der Flashmob die im Roman und im Popsong zentralen Affekte von Furcht, Sehnsucht und unheimlicher Heimsuchung in kollektive Freude, queere Lust und spielerische Camp-Ästhetik?

Aus einem singulären «Ich» (des Songs) wird ein kollektives «Wir»: wenn viele Ichs singen, sagen, tanzen, dann falten sich diese Ichs zu einer Gemeinsamkeit auf, die eine Form von Affektivität zeitigt. Die Ebene der Rezeption verschwindet, denn alle werden zu Performer*innen (klar gibt’s auch noch Zuschauende, aber die sind in dem Setting des Flashmobs zunächst irrelevant und bekommen erst in der medialen Verbreitung eine Rolle). Eine der gruseligsten und auch von Gewalt durchdrungenen Szenen der Weltliteratur bekommt etwas absolut Leichtes und Freudvolles. Come and see for yourselves!!


Mach mit!

Queere Affektverschiebungen

19. Mai, 16 Uhr | Zentrum Gender Studies, Universität Basel

Graduierten-Workshop mit Andrea B. Braidt: Ausgehend von Emily Brontes Roman Wuthering Heights, fokussiert der Workshop die Frage nach der Affizierung des Publikums in der Rezeption des Textes, seiner diversen Filmadaptionen sowie in der performativen Aneignungen des Stoffes durch Kate Bushs Musikvideo zum gleichnamigen Song (1978) sowie der Flashmobs The Most Wuthering Heights Day Ever (ab 2013).

Dieser Workshop richtet sich an Masterstudierende, Mitglieder des Graduiertenprogramms Gender Studies Basel (GGSB), des IDP sowie der Graduate School for Social Sciences (G3S). Plätze sind noch verfügbar!

Beitragsbild: © David Krems.

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