Ein Rückblick auf «The Most Wuthering Heights Day Ever»
Von Pia Holzer
«The Most Wuthering Heights Day Ever» (kurz: TMWHDE) ist ein weltweites Flashmob-Event, das von Kate Bushs Musikvideo zu Wuthering Heights inspiriert ist. Ein zentrales verbindendes Element ist die rote Kleidung der Tanzenden, die auf Bushs Kleid im Video verweist. In Basel fand die Veranstaltung am 20. Mai 2026 im Rahmen des Jubiläumsprogramms «25 Jahre Zentrum Gender Studies» statt und wurde vom Zentrum Gender Studies, kurz ZGS, in Kooperation mit Art of Intervention und dem queerfeministischen Tanzkollektiv femtak nach Basel gebracht.
Nach einer Probe im geschützten Rahmen im Raum «Anlieferung» im Neubau des Kunstmuseums Basel wurde der Flashmob auf dem Theaterplatz durchgeführt. Im Ankündigungstext wird erklärt, dass das spielerische Einüben und Überzeichnen der Choreografie einen Raum für «kollektive, ästhetische und affektive Erfahrungen von Gleichheit in der Differenz» eröffnen soll. Es ist dieses Spannungsfeld zwischen gemeinsamem Tanzen, sichtbarer Körperlichkeit und öffentlichem Raum, das auch meine Erfahrung an diesem Tag prägt.
An diesem warmen Mittwochnachmittag im Mai steht vor dem Zentrum für Gender Studies am Rheinsprung eine kleine Gruppe in roter Kleidung. Mit meinem roten Oberteil muss ich nicht erklären, weshalb ich mich selbstverständlich dazustelle. Wir begrüssen uns gegenseitig. Wir alle machen an diesem Tag bei dem Flashmob mit. Dabei werden wir zu Kate Bushs Song Wuthering Heights die dazugehörige Choreografie tanzen.
Kein schlechtes, aber ein ungewohntes Gefühl, durch die gemeinsame Erscheinung Blicke auf sich zu ziehen.
Auf dem Weg zum Treffpunkt stossen weitere Personen in roter Kleidung auf uns. Die Gruppe zieht bereits in ihrer kleinen Form Aufmerksamkeit auf sich. Kein schlechtes, aber ein ungewohntes Gefühl, durch die gemeinsame Erscheinung Blicke auf sich zu ziehen. Beim Kunstmuseum Basel angekommen werden wir durch das Sicherheitspersonal des Kunstmuseums in den Neubau hineingelassen. Hohe, massive Türen aus Metall kennzeichnen den Raum der Anlieferung. Nun geht die kleine rote Gruppe in eine grosse Gruppe über.
Die Sinneseindrücke sind vielfältig. Allein der grosse Raum mit seinen hohen Decken und den grossen Fenstern auf die stark befahrene Strasse lässt sich im Körper erfassen. Hinzu kommen die vielen Gesichter, manche neu, andere bekannt. Im Raum herrscht ein Gefühl der Aufregung, vielleicht über die Ungewissheit der kommenden Stunden, aber auch über die Gewissheit, dass das, was in diesem Raum entsteht, anschliessend in die Öffentlichkeit getragen wird.
Doris Leibetseder, Assistent*in am ZGS, und Dominique Grisard und Andrea Zimmermann von Art of Intervention begrüssen die Versammelten. «Sichtbar Raum einnehmen», nennt Leibetseder eines der Ziele der Veranstaltung. Mit lautem Applaus und glücklichen Ausrufen beginnen wir mit dem Einstudieren der Choreografie. Der politische Anspruch der Veranstaltung wird nun körperlich erfahrbar gemacht.

Dabei leitete Livia Kern als Choreografin von femtak uns an, wobei der Fokus auf dem eigenen Körper und der lustvollen Erfahrung von gemeinsamer, mehr oder weniger synchroner, Bewegung liegt. Die Übungen dazu zeigen mir, wie ungewohnt die meisten von uns Teilnehmenden es sind, Raum einzunehmen und sich zwischen und mit anderen Körpern zu verorten. Dabei sollen wir uns gegenseitig ansehen und spüren. Eine Sache die, wie mir auffällt, im Alltag meist vermieden wird. Daher auch die Gefühle des Unwohlseins und der Unsicherheit, die sich in Kopf und Körper breit machen. Nach und nach nehmen diese Gefühle jedoch ab, schmelzen im gemeinsamen Gelächter und der Freude an Bewegung.
Das selbstbewusste Einnehmen von Raum wird durch die von Bushs Musikvideo inspirierten Bewegungen der Choreografie besonders spürbar, ja regelrecht eingefordert. Die Arme greifen weit aus, der Blick ist intensiv, der Körper dreht und öffnet sich. Dadurch entsteht eine Körpersprache, die nicht zurückhaltend ist, sondern sichtbar, gross und eigenwillig.
Wir proben die Choreografie in Etappen ein und setzen sie dann zusammen. Dabei fühlen wir uns immer wohler und werden in unseren Bewegungen weicher und sicherer, unsere aufgeregten Körper strahlen Wärme ab. Das gemeinsame Proben erinnert mich daran, dass ich auf dieser Welt nicht allein bin, dass aus dem Kollektiv eine Kraft geschöpft werden kann, die sich allein nicht aufbringen lässt.
Das gemeinsame Proben erinnert mich daran, dass ich auf dieser Welt nicht allein bin, dass aus dem Kollektiv eine Kraft geschöpft werden kann, die sich allein nicht aufbringen lässt.
Während einer Probenpause macht Andrea Braidt, Forscherin im Bereich der Film- und Medienwissenschaft, eine Ansprache. Braidt erzählt, wie sie den TMWHDE in Wien, Österreich, mitorganisiert hat und warum dieses Format so gut zum Jubiläum des ZGS passt. Die Etablierung des ZGS vor 25 Jahren an der Universität Basel ist ein Meilenstein für die feministische Forschung in der Schweiz. Der Flashmob zelebriert die gemeinschaftlichen, körperlichen und lustvollen Dimensionen dieser Errungenschaft. Laut Braidt ermöglicht der TMWHDE etwas Besonderes: Menschen, die sich vorher nicht kennen, stellen gemeinsam etwas her und zeigen sich im öffentlichen Raum – dies ist eine Form von Empowerment. Braidt nennt es auch «Mikropolitik des Gemeinsamen».
Wenn wir Kate Bushs Bewegungen nachtanzen, so Braidt weiter, wiederholen wir nicht einfach eine festgelegte Choreografie, sondern wir nutzen unsere Körper und unseren Ausdruck, um eine gemeinsame Sichtbarkeit herzustellen. Dabei wird erfahrbar, dass Geschlecht nicht nur etwas ist, das uns zugeschrieben wird, sondern etwas, das wir durch Gesten, Bewegungen, Kleidung und Blicke immer wieder hervorbringen und – zumindest ein Stück weit – verändern können.
Auf dem Weg zum Theaterplatz ist die Energie in der Gruppe eine andere als zu Beginn der Proben. Es wird mehr gesprochen, wir fühlen uns miteinander so wohl, dass die Blicke von aussen kaum spürbar sind. Nun ist es mehr die Vorfreude als die Aufregung, die uns innerlich bewegt.
Jetzt bringen wir das Innere nach aussen. Wir tanzen vor Publikum, geleitet von Kate Bushs Worten bewegen sich unsere Körper. Während dem Tanzen verschwimmen die meisten Gesichter, meine Gefühle sind so stark, dass es schwer ist, klar zu sehen. Zwischendurch erfasse ich freundliche Augen, lächelnde Münder und energiegeladene Blicke. Mit unseren Körpern in diesem sicheren Umfeld und durch die expressiven Bewegungen von Kate Bush den öffentlichen Raum einzunehmen, fühlt sich befreiend und bestärkend an.
Für einen Moment wird der Theaterplatz zu einem Raum, in dem Körper nicht möglichst unauffällig und kontrolliert sein müssen. Der Flashmob ist eine kollektive Übung, Öffentlichkeit auf eine andere Weise zu gestalten, als sie an vielen Orten üblich ist. Wir besetzen den Theaterplatz durch geteilte Bewegung, gegenseitige Wahrnehmung und durch die Erfahrung, dass aus vielen einzelnen Unsicherheiten ein gemeinsamer, tragender Moment entstehen kann.

Dieser Text entstand im Rahmen des Seminars «Geschlecht im Museum. Leitung, Programmatik und Care» bei Dominique Grisard im Frühjahrsemester 2026 an der Universität Basel.
Beitragsbild: «The Most Wuthering Heights Day Ever», Basel 2026, Foto © Remo Schluep.


