Queerness im Kunstmuseum Basel?

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«The First Homosexuals» im Kunstmuseum Basel.

Von Cléa Barbier


Mit einem Notizblock in der Hand und einer guten Menge an Skepsis steige ich die Treppen herunter in den «Keller» des Neubaus des Kunstmuseum Basels. Mit jeder Stufe wird meine Neugier grösser; wie sehr wird sich die Ausstellung trauen, Queerness zu verhandeln? 

Unter «Queerness» verstehe ich nicht bloss als Sammelbegriff für Geschlechtsidentitäten oder sexuelle Orientierungen, die von der cis-heterosexuellen Norm abweichen, sondern als Bezeichnung für eine Positionierung, welche der dominanten Sichtweise, wonach Identitäten klar abgrenzbar und unveränderlich sind, widerspricht. Queerness dient in diesem Zusammenhang also nicht bloss als (Selbst-)Bezeichnung, sondern macht widerständige Praktiken sichtbar und vertritt ein alternatives Verständnis von Identitäten als ambivalent und prozesshaft. 

Queerness dient in diesem Zusammenhang also nicht bloss als (Selbst-)Bezeichnung, sondern macht widerständige Praktiken sichtbar und vertritt ein alternatives Verständnis von Identitäten als ambivalent und prozesshaft.

Durch den Titel der Ausstellung und den dazugehörigen Flyer haben sich bereits gewisse Vorannahmen in mir gebildet. Auf dem Flyer ist ein Gemälde von Gustave Courtois dargestellt, das den Schweizer Ringkämpfer Maurice Deriaz in Szene setzt. Oberkörperfrei, seine Muskeln betonend, blickt er an uns vorbei in die Ferne – in erster Linie nichts, was für mich Queerness andeuten würde. Auch dem Titel gegenüber war ich zunächst skeptisch: Warum das verstaubte Wort «Homosexuals» verwenden? Wird es bloss, wie Titel und Flyer suggerieren, um Schwulengeschichte gehen?

Portrait de Maurice Deriaz, Gustave Courtois 1907. Credit: Commune de Baulmes. Ausstellungsansicht «The First Homosexuals. Die Entstehung neuer Identitäten 1869-1939», Kunstmuseum Basel, 2026, Foto: Julian Salinas.

Doch mit einem zweiten Blick auf das Poster und nach einem Besuch in der Ausstellung wird mir klar: Es steckt viel mehr dahinter. Im Porträt von Maurice Deriaz wird das Aufkommen einer neuen Identität verhandelt. Durch die Erfindung des Wortes «Homosexualität» verfestigt sich das gesellschaftliche Verständnis von Sexualität als eine neue Kategorie, wobei dieses sich klar von «Heterosexualität» abgrenzen lässt. Homosexualität wird Teil der eigenen Identität und schreibt sich in die Körper der Menschen ein. So verändert sich in der Kunst zunehmend die Darstellung von schwulen Männern. Nebst den feminin codierten «Jünglingen» kommt eine neue Darstellungsform zum Vorschein: Schwule Männer werden vermehrt muskulös und mit männlich codierten Attributen dargestellt. 

Der Titel der Ausstellung macht auf diesen Wandel aufmerksam: Durch das Nachzeichnen, wie die Erfindung des Begriffs «Homosexualität» die Darstellungen queerer Menschen verändert hat, wird die Konstruktion der homosexuellen Identität offengelegt. Es wird sichtbar, dass Homosexualität – wie auch andere Formen von Queerness – diskursiv hergestellt wird und keine naturgegebene Tatsache ist. Begriffe wie «Homosexualität», «Heterosexualität», «Cis-» und «Transgeschlechtlichkeit» haben eine Geschichte und erst durch ihre Erfindung entstanden diese Identitäten. Bevor es sie gab, wurde zwischen trans Personen und gleichgeschlechtlich-liebenden Personen kein Unterschied gemacht. Dies wird in der Ausstellung etwa anhand der Werke von Gerda Wegener und Lili Elbe thematisiert. Lili Elbe war eine trans Frau und Gerda Wegener ihre langjährige Partnerin. 

In der Ausstellung wird auch beleuchtet, welche Rolle der Kolonialismus bei der Verbreitung und Verfestigung des Begriffs «Homosexualität» gespielt hat. Es wird beschrieben, wie er als Waffe gegenüber nicht-europäischen Gesellschaften gebraucht wurde, die zum Teil einen freieren Umgang mit gleichgeschlechtlicher Sexualität und Gender-Fluidität hatten. Die Zuschreibung «homosexuell» machte es leicht, sie als «unzivilisiert» und ungezügelt abzustempeln. Dies war Teil der umfassenden Mission, die enorme Gewalt, die an ihnen ausgeübt wurde, zu legitimieren. 

Juan José Cabezudo y un Amigo, zugeschrieben an Fancisco Javier Cortés, ca. 1827. Quelle: Wikimedia Commons.

Während diese Strategie massgeblich zur Globalisierung von Homophobie beitrug, bedeutet dies bei Weitem nicht, dass Menschen in (ehemaligen) Kolonien aufhörten, sexuelle und geschlechtliche Fluidität zu leben. Das Werk von Francisco Javier Cortés kann als Zeugnis für ihre Widerständigkeit verstanden werden und dafür, dass sie – zumindest manchmal – nach wie vor breit akzeptiert wurden. Das vorliegende Bild zeigt Juan José Cabezudo (ca. 1800–1860), eine laut dem Booklet zur Ausstellung «gefeierte afroperuanische Persönlichkeit, die offen genderqueer lebte und häufig Frauenkleidung trug. Diese Tatsache stand Cabezudos gesellschaftlichem Ansehen jedoch nicht im Wege» (Booklet, S. 26).

Die Ausstellung traut sich, Queerness nuanciert und mit Widersprüchlichkeiten darzustellen.

Die Ausstellung scheut sich nicht davor, die Schattenseite der Geschichte des Begriffs «Homosexualität» zu erzählen. Sie ist von Ambivalenzen und Widersprüchen geprägt: Einerseits konnten sich homosexuelle Menschen nun mit einem Wort beschreiben, sie wurden sichtbar. Andererseits wurden sie aber dadurch in eine feste Kategorie gesetzt und auf ihre sexuellen Handlungen reduziert. Diese Ambivalenzen zeigen sich in der Ausstellung. Nicht immer ist unmittelbar klar, ob die Künstler*innen und ihre Motive als Ausdruck von Queerness zu verstehen sind. Es gilt, die versteckten Zeichen und Codes zu entziffern, zum Beispiel eine Vase mit Veilchen, welche im 19. Jahrhundert als Code für lesbische Beziehungen genutzt wurde. Auf diese Weise spielt die Ausstellung eventuell mit dem anfänglichen Unbehagen der Besucher*innen. Ich selbst ertappte mich dabei, dass ich klare Antworten und grosse Statements erwartete. Die Ausstellung zeigt auf, dass solche eindeutigen Aussagen erstens nicht möglich, und zweitens nicht erstrebenswert sind.

Dies wird mir erst nach dem Gang durch die Ausstellung mit ihren lila gestrichenen Wänden und sanften, runden Sitzmöglichkeiten bewusst: Sie traut sich, Queerness nuanciert und mit Widersprüchlichkeiten darzustellen, die dunklen als auch die Glanzseiten der queeren Geschichte herauszuarbeiten. Als erste Ausstellung dieser Art im Kunstmuseum Basel nehme ich sie, meinen Vorannahmen entgegen, tatsächlich als queere Intervention wahr, die das Potential besitzt, Kunstmuseen mit ihren festen Normen und Gewohnheiten wachzurütteln, indem sie sich unmissverständlich politisch positioniert und die Instabilität von Geschlecht und Sexualität aufzeigt.


Noch bis zum 2. August im Kunstmuseum Basel!

Referenzen

Beitragsbild: Ganz rechts: Lili und Gerda auf der Terrasse (Porträt von Lili und Gerda in Anacapri), Lili Elbe, 1929. Direkt daneben: Lili med fjerkost, Gerda Wegener, 1920. Ausstellungsansicht «The First Homosexuals», Kunstmuseum Basel. Foto: Cléa Barbier, 29.05.2026.

Booklet: The First Homosexuals. Die Entstehung neuer Identitäten 1869–1939, Kunstmuseum Basel, 2026.

Engel, Antke Antek (Antkek): «Hä, was heißt denn queer?», in: Missy Magazine, 2024.

Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Seminars «Geschlecht im Museum. Leitung Programmation und Care» bei Dominique Grisard.

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