Hannah Häffner und Julia Weber im Literaturhaus Basel
Von Louisa Behr
Es ist mühsam, sich gegen gesellschaftliche Erwartungen zu wehren und ständig in heteronormativen Machtstrukturen behaupten zu müssen. Vor allem, wenn man nicht so richtig reinpasst. Manchmal schwindet die Hoffnung und dann bleibt das Träumen. Das finden auch die Autorinnen Hannah Häffner und Julia Weber. Sie nutzen die Kraft der Literatur, um aus feministischer Perspektive Welten zu erschaffen und alternative Formen von Gemeinschaft zu imaginieren.
Anfang Juni stellten Hannah Häffner und Julia Weber im Literaturhaus Basel ihre jüngsten Romane im Rahmen der von Art of Intervention organisierten Reihe «Körper erzählen» vor. Abwechselnd lasen sie Passagen und diskutierten sie im Gespräch mit den Moderatorinnen Maria Marggraf und Leadora Illmer. «Weil ich Ruth bin» ist Julia Webers dritter Roman und erschien im Frühling 2026. Mit «Die Riesinnen» publiziert Hannah Häffner ebenfalls 2026 nach drei Krimis nun einen Roman, der in einem kleinen Dorf im Schwarzwald spielt.
Die Vorbildfunktion der Protagonistinnen, von der die Autorinnen erzählen, wirkt noch lange nach: Weber und Häffner verraten nicht, ob sie ihre Figuren bewusst mit Persönlichkeitsmerkmalen ausgestattet haben, von denen sie sich selbst gerne etwas mehr wünschen würden. Ruth, Liese, Cora und Eva sind mutig und unbeugsam und emanzipieren sich jede auf ihre eigene Weise von Erwartungen. Das bedeutet nicht, dass die Autorinnen ihrerseits nicht mutig und unbeugsam und emanzipiert sind. Vielmehr geht es darum, dass das Ausdenken von stärkenden Geschichten und Figuren als willkommener Ausweg begrüsst wird, um dem ewigen Kampf gegen die Windmühlen des Patriarchats zu entfliehen.
Indem Weber und Häffner fabulieren, erschaffen sie eine Welt voller unbegrenzter Möglichkeiten.
Indem Weber und Häffner fabulieren, erschaffen sie eine Welt voller unbegrenzter Möglichkeiten. Eine Welt, in der Webers Ruth aus «Weil ich Ruth bin» sich nicht kleinkriegen lässt und dank ihrer Zauberkräfte erfolgreich gegen den gewaltvollen Umgang mit Frauen kämpft. Vielleicht, weil sie selbst aufgrund ihrer Andersartigkeit gewaltvolle Erfahrungen gemacht hat? Eine Welt, in der die drei Frauen aus Häffners Roman «Die Riesinnen» nicht vor der konservativen Dorfgemeinschaft einknicken, sondern sich in ihrer matriarchalen Familienstruktur gegenseitig Halt geben. Die Realität sieht oft anders aus. Gerade deswegen schreiben die Autorinnen ihren Figuren Willensstärke und Kraft ein, wodurch sie ihnen neue Handlungsspielräume eröffnen. «Die Riesinnen» und «Weil ich Ruth bin» sind zwei wunderbar feministische Romane, von denen sich bestimmt viele Leser*innen gesehen fühlen.
Sowohl Häffner als auch Weber statten ihre Protagonistinnen mit – laut Lesungsabend – fantastischen Merkmalen aus: Bei Häffner sind es die Riesinnen, die übermenschlich gross sind, und bei Weber ist es Ruth, die mit einem Fell zur Welt kommt. Die «Abnormalitäten» führen dazu, dass sie sich gegen den gesellschaftlichen Ausschluss behaupten müssen. In diesem Sinne erzählen ihre Körper – passend zur AoI-Reihe – wortwörtlich von einem Leben abseits der Norm. «Zu gross sein» und «zu viele Haare haben» sind mehr oder weniger klassische Ausschlusskriterien, wenn es um den begehrenswerten «perfekten» Frauenkörper geht. Möglicherweise werden den Figuren gewisse Stereotype zugeschrieben, als dass sie «fantastische» Merkmale besitzen. Handelt es sich – ausser bei Ruths Zauberkraft – nicht viel eher um Frauen, die aufgrund ihres Andersseins einen beschwerlichen Weg zurücklegen müssen, um einen Platz in der Gesellschaft zu finden?
Die Riesinnen in Häffners Roman heissen so, weil sie nicht nur im übertragenen, sondern auch im wörtlichen Sinne über die Erwartungen an sie hinauswachsen.
Am Lesungsabend erzählt Hannah Häffner, dass sie Liese, Cora und Eva mit einer solchen Grösse ausgestattet hat, um bewusst auf das Klischee anzuspielen, mit dem sich Frauen, die sich gegen Unterdrückung behaupten, konfrontiert sehen: sie werden als zu gross, zu laut, zu viel wahrgenommen. Die Riesinnen in Häffners Roman heissen so, weil sie nicht nur im übertragenen, sondern auch im wörtlichen Sinne über die Erwartungen an sie hinauswachsen. Das leuchtet mir ein.
Die Gemeinsamkeit von Julia Webers und Hannah Häffners Romanen ist das Neuschreiben von gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen. Auch beim Leseabend wird explizit von Frauen gesprochen. Der Abend wirkt mit seiner Thematik recht binär und Themen wie Mutterschaft, Mann-Frau-Beziehungen oder Mutter-Tochter-Beziehungen stehen im Fokus. Also die Frau und ihre Rolle als Mutter, Ehepartnerin, Freundin – vor allem eben die Frau in Bezug auf den Mann. Dieser Gedanke drängte sich während der Veranstaltung im Literaturhaus auf und ich muss zugeben – ich konnte mich nicht unbedingt mit Ruth, Liese, Cora oder Eva identifizieren. Aber das schmälert keinesfalls die inspirierenden Gedanken, die während des Abends geteilt wurden. Schliesslich ist es quasi unmöglich, einen Text zu schreiben, von dem sich jede Person repräsentiert fühlt. Die Autorinnen fabulieren Biografien, in denen es vor allem um das Finden eines individuellen Lebenswegs geht – und davon können wir uns alle etwas abschauen.
Nicht verpassen!
Beitragsbild: v.l.n.r.: Leadora Illmer, Hannah Häffner, Julia Weber, Maria Marggraf. © Literaturhaus Basel.




