Mehr Geld für Kunst!

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Die Podiumsveranstaltung «Fair-PLAY beim Fair-PAY» von Visarte Region Basel

Von Chris Zinsstag


Nimm die Notwendigkeit fairer Arbeitsbedingungen für Künstler*innen und Kurator*innen ernst: Mit dieser Forderung von Sascia Bailer, Autorin von Caring Infrastractures (2024), eröffnet Dominique Grisard, Geschlechterforscherin und Co-Leiterin von Art of Intervention, den Soirée Visionnaire. Das wiederkehrende Format von Visarte Region Basel, der regionalen Vertretung des Berufsverbandes der visuell schaffenden Künstler*innen, Kurator*innen und Architekt*innen in der Schweiz, trägt dieses Jahr den Titel «Fair-PLAY beim Fair-PAY».

Thema des heutigen Abends ist der Kern dessen, was den Zweck eines Berufsverbandes ausmacht: die neue Leitlinie zu Honoraren für Künstler*innen und Kurator*innen, die Visarte in diesem Jahr herausgegeben hat. Das ganze Jahr über finden schweizweit Veranstaltungen statt, die sich mit den Inhalten dieser Leitlinien befassen – so auch dieses Podium im Projektraum M54 in Basel. Der Ort wird normalerweise für Ausstellungen genutzt, so auch heute Abend: überall im Raum sind Poster aufgehängt, die von Visarte-Mitgliedern gestaltet wurden. Diese wurden am Tag der Arbeit durch die Strassen von Basel getragen.

Schnell wird deutlich, dass allen Teilnehmenden bewusst ist, wie prekär die meisten Kunst- und Kulturschaffenden finanziell aufgestellt sind.

Der Besucherandrang und die geladenen Podiumsgäste zeigen, wie sehr das Thema bewegt – einige von ihnen haben auf das Honorar für ihre Teilnahme verzichteten. An die vierzig Zuhörende sitzen in diesem grossen, etwas zugigen Raum und hören sich an, was Julia Baumgartner, Grossrätin der SP, Katrin Grögel, Leiterin der Abteilung für Kultur Basel-Stadt, Ozan Güngör, Künstler*in, Kurator*in, Dozent*in und Mitglied der Unofficial Hiking Society, Eva-Maria Knüsel, Leiterin der Stadtgalerie Bern, und Irene Maag, Co-Präsidentin von Visarte Region Basel, zu sagen haben. Dominique Grisard leitet durch den Abend. Ebenfalls Teil des Podiums ist ein leerer Stuhl: Zuhörer*innen können sich während des Gesprächs melden, wenn sie darauf Platz nehmen und etwas sagen wollen.

All dies verspricht einen ernsten, inhaltlich dichten Abend. Denn schnell wird deutlich, dass allen Teilnehmenden bewusst ist, wie prekär die meisten Kunst- und Kulturschaffenden finanziell aufgestellt sind und wie wichtig es ist, dagegen etwas zu unternehmen. Sie alle betonen bei der Vorstellungsrunde, dass sie sich im Bereich ihres Möglichen darum bemühen, die Situation zu verbessern.

Kulturschaffen heisst, mit wenig Geld auskommen

Während ich an meinem Platz sitze und auf den Beginn der Veranstaltung warte, muss ich daran denken, wie ich mich gegen Ende meines Bachelor-Studiums in Fine Arts mit einer Mitstudierenden über die finanziellen Bedingungen des Kunstschaffens unterhielt: Sie erklärte mir nüchtern, dass sie sich darauf einstelle, ihr Leben an der Armutsgrenze zu verbringen. Sie könne und wolle sich keine andere Arbeit vorstellen, als freischaffend tätig zu sein. Sie wolle keine*n Chef*in über sich. Sie wolle Kunst machen und dies bedeute nun mal mit wenig Geld auszukommen.

Wie man* das ändern kann, soll an diesem Abend diskutiert werden. Die erste Frage, Wie nutzt du die Honorarleitlinien?, geht an Irene Maag. Die Co-Präsidentin von Visarte Region Basel weist auf den Zeitpunkt hin – der Berufsverband feiert in diesem Jahr sein 160. Jubiläum – und auf die Kulturbotschaft 2025-2028 des Bundesamts für Kultur, das explizit die „Sicherstellung einer angemessenen Entschädigung professioneller Kulturschaffender und Verbesserung der beruflichen Rahmenbedingungen und der Chancengleichheit“ als eines von sechs Handlungsfeldern benennt.

Kulturpolitische Arbeit brauche einen langen Atem, erklärt Maag. Es gehe nicht um Schuldzuweisungen, sondern um gemeinsames Handeln. Die Leitlinien sollen Kunstschaffenden als Instrument bei Honorarverhandlungen helfen, jedoch sei das Geld in der Kulturbranche generell knapp verteilt – auch bei Veranstalter*innen, die oft zusätzliches Fundraising betreiben müssen. Selbst Visarte Region Basel schaffe es oft nicht, die eigenen Honorarleitlinien einzuhalten, so gerne sie das auch täten.

Oft braucht es Zeit, bis neue Honorare in einem Budget eingeplant und umgesetzt werden können. Zeit, in der die Lebenskosten weiter steigen.

Maags Beobachtung hallt bei Eva Knüsel und Katrin Grögel nach, die beide darauf hinweisen, dass die Institutionen und auch die Politik den Lebensrealitäten der Menschen und den daraus entspringenden Forderungen nachhinken. Kaum habe man* Wege gefunden, sich an jüngsten Forderungen anzupassen, seien neue da. Oft braucht es Zeit, bis neue Honorare in einem Budget eingeplant und umgesetzt werden können. Zeit, in der die Lebenskosten weiter steigen.

Grögel verweist zudem auf das Thema der Verhältnismässigkeit. Es sei schwierig, wenn nur für eine Gruppe die Honorare steigen, und für andere nicht. Wie soll eine Institution, in der eine Vielzahl unterschiedlicher Berufe ausgeübt werden, damit umgehen? Wie könne sie Lohnerhöhungen für die einen rechtfertigen und für die anderen nicht? Sie wünscht sich, dass die verschiedenen Sparten und Branchen besser miteinander kommunizieren würden. In einer Branche jedoch, in der, wie es scheint, das Geld ohnehin schon knapp bemessen ist, stellt sich die Frage, ob bessere Kommunikation das Problem tatsächlich lösen würde. Macht es Sinn, dass Künstler*innen etwa mit Techniker*innen und Kulturmanager*innen über Lohnforderungen verhandeln? Bräuchte es eine Gewerkschaft für alle, die in irgendeiner Form in der Kulturbranche tätig sind? Wo wäre da die Grenze? Und was ist mir Berufen, die zwar nicht in Kunst und Kultur tätig sind, aber ähnliche Arbeit leisten? Eine Jury zum Beispiel oder auch das Putz- und IT-Personal. Während Grögels Kommentar Einsicht in die Komplexitäten ihrer Arbeit gewähren, so scheinen sie keine Einwände gegen die Leitlinien von Visarte zu sein. Vielmehr erklären sie, weswegen die Kulturpolitik auf gewisse Forderungen nicht eingehen kann, auch wenn sie das Anliegen teilt.

Budgets spiegeln die Wertvorstellungen einer Gesellschaft

Etwas, das sich in der Kulturpolitik jedoch verbessert hat, ist, dass Budgets nicht genehmigt werden, wenn Honorare für Kunstschaffende nicht eingeplant sind. Dies macht deutlich, dass es immer noch nicht selbstverständlich ist, dass Künstler*innen für ihre Arbeit konsequent entlöhnt werden. Dies ist ein positives Zeichen, auch wenn von institutioneller Seite klar der Eindruck herrscht, dass die neuen Forderungen von Visarte hoch angesetzt sind. Kritik kommt jedoch auch von Kunstschaffenden. An einer Stelle in der Leitlinie wird als Beispiel ein fiktionales Jahreseinkommen einer bildenden Künstlerin aufgelistet, das auf den stolzen Gesamtbetrag von CHF 123’000 kommt. Dies entspreche schlicht nicht der Realität, erklärt eine Person aus dem Publikum, nicht nur bezüglich des Betrags, sondern auch bezüglich der Produktivität. Vielleicht ist dies ein Beispiel dafür, was der Berufsverband anstrebt?

Im Verlauf des Abends entsteht zunehmend der Eindruck, dass es kulturpolitisch zwar Fortschritte gibt, dass es jedoch nach wie vor enorm schwierig ist, die gesamte Arbeit, die Kunstschaffende leisten, sicht- und bezahlbar zu machen. Die Zeit etwa, die es braucht, um eine Idee zu entwickeln, eine neue Technik zu erlernen oder die notwendigen Materialien zu präparieren. Ich denke an eine Freundin und die Zeit, die sie gebraucht hat, um ihre eigene Farbe aus Sedimenten zu kreieren. Ein so herausfordernder wie poetischer Prozess.

Die Frage nach dem fairen Lohn fliesst in die Frage nach fairer Finanzierung über.

Allen, die in der Kulturbranche tätig sind, faire Löhne zahlen – um dem Anspruch gerecht zu werden, könnten Institutionen damit beginnen, weniger Programmpunkte zu organisieren und mehr Kooperationen einzugehen, so eine Beobachtung der Podiumsteilnehmenden. Dies könnte dazu führen, dass die Bezahlung für Kunstschaffende sich zwar verbessert, jedoch die Anzahl an Beteiligunsmöglichkeiten sinkt. Doch: Ständig Fundraising betreiben zu müssen sei sozial und finanziell auch nicht nachhaltig und bedeute gerade für kleinere Institutionen und Kunsträume viel unbezahlte Arbeit, erklärt Knüsel.

Die Frage nach dem fairen Lohn fliesst also in die Frage nach fairer Finanzierung über: Wie kann mehr Geld für die Kulturbranche im Allgemeinen generiert werden? Visarte hat Vorschläge für einen «Bauprozent» und eine «Kulturtaxe» entwickelt, die Anreize schaffen sollen, um Gelder aus der Baubranche und dem Tourismus herüberzuleiten. Schliesslich, so die Überzeugung, ist eine lebendige und vielfältige Kultur ein gesamtgesellschaftliches Anliegen. Ob dies in der Baubranche und im Tourismus auf offene Ohren stösst, ist eine andere Frage. Vielleicht eine, bei der die Kulturpolitik an den Verhandlungstisch bitten kann?

Wie sieht ein Kunstfeld aus, in dem Fair-Pay eine Realität ist?, so lautet die letzte Frage von Grisard an die Runde. Knüsel und Güngör greifen nochmals Sascia Bailer auf: der Weg zu Fair-Pay bedeute De-Growth in der Kulturbranche, die Priorisierung von fairen Honoraren für alle Beteiligten und die Pflege eines sorgenden Miteinanders. Maag, Baumgartner und Grögel betonen nochmals die wichtige Rolle der Öffentlichkeit: die Erkenntnis, dass die gemeinschaftliche Investition in Kultur auch eine Investition in eine lebendige Demokratie und Räume für Begegnung und Austausch bedeutet. Basel hat hier mit der «Picasso-Abstimmung» von 1967 einen historischen Präzedenzfall, der Hoffnung gibt.


Beitragsbild: Poster von Visarte Region Basel bei der Demonstration am Tag der Arbeit 2026. Foto © Chris Zinsstag.

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05.11., 18 Uhr | online | Eintritt frei, mit Anmeldung

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