Ein Gespräch zum Stück «my ten favorite ways to undress» von Beatrice Fleischlin aka Jimmy.
Von Hannah Pfurtscheller und Luzia Schuler
L. S.: Liebe Hannah, letzten Herbst habe ich im Hafen von Basel my ten favorite ways to undress von Beatrice Fleischlin im Rahmen des Lust*Streifen Film Festivals gesehen. Zusammen mit meiner Begleiterin stopften wir uns regelrecht in den kleinen Holzbau, der gefühlt nur für 20 Personen Sauerstoff bereithielt, mit circa der vierfachen Menge an Personen rein. Der beinahe fensterlose Raum schien nicht rechtwinklig gebaut und hatte unterschiedliche Ebenen. Eine davon, die Bühne, war nach hinten, vom Publikum weg geneigt und wie ein Schaukasten in einer Wand eingelassen, während der Bühnenboden ein wenig in den Raum hineinragte. Eingeklemmt sassen wir im hintersten Drittel auf einer Bank, einer der wenigen Sitzgelegenheiten im Raum, die an der Seitenwand entlang verlief. Ich musste meinen Hals nach rechts verdrehen, um Blick auf die Bühne zu haben.
Da war viel Gespräch im Raum, bilaterale Gespräche unter Freund*innen und auch Angebote an Fremde, noch Platz freizumachen, damit jede*r Platz findet. Viele sassen auf dem Boden. In dem Moment ergriff Beatrice Fleischlin aka Jimmy das Wort und hatte gleich meine Aufmerksamkeit. Sie brauchte Hilfe bei dem Stück und beschrieb drei Rollen, die es zu besetzen galt: ein*e Garderobièr*e, ein*e DJ für die Umziehpausen und Jemensch, der eine Matte, die sie für einzelne Acts benötigt, wieder aufräumt und für den nächsten Einsatz bereithält. Die Rolle der Garderobière, das heisst Sichtschutz in Form eines goldglänzenden Flittervorhangs an einer Holzstange montiert zu halten, sprach mich sehr an. Ich meldete mich und fädelte mich zwischen vielen sitzenden Körpern hindurch nach vorne und nahm auf einem etwa 1.70m erhöhten Podest Platz, das gleich an die Bühne angrenzte.
Wie in einem Rabennest fühle ich mich da oben und habe neu eine komplett andere Perspektive auf, ja Rolle in, dem Stück.
Wie in einem Rabennest fühle ich mich da oben und habe neu eine komplett andere Perspektive auf, ja Rolle in, dem Stück. Von da aus mustere ich auch das Publikum. Da sind junge Menschen und solche mittleren Alters, Menschen, denen ich Queerness zuschreibe, und viele, denen ich eine stereotype hetero-Genderperformance andichte. Beatrice Fleischlin hat mitunter einen der ältesten Körper im Raum.
Sie setzt erneut an und sagt, dass sie dieses Stück seit 15 Jahren zum ersten Mal wieder spielt, dass sie nach der Pandemie einen gesundheitlichen Crash hatte und eine lange Phase von akuten Schmerzen und dass sie gerade lernt, dass freudvolles Leben auch mit einer chronischen Krankheit möglich ist.
Und jetzt sollte ich vom Stück an sich erzählen. Ich merke, wie ich mich davor drücke, weil ich so viel von der Atmosphäre im Raum mitteilen möchte, weil sie so wichtig war an dem Abend.
Wie war denn die Atmosphäre da, wo du my ten favorite ways to undress gesehen hast?
H. P.: Danke Luzia, für diese lebendige und nahe Beschreibung, und deine sorgfältig gefundenen Worte, die ich hier auf meinem Bildschirm zu lesen bekomme! Du machst mir Lust, auch zu schreiben. Ich erinnere mich noch sehr gut an die Bilder und Gefühle, die du bei mir ausgelöst hast, als du mir damals, ein paar Tage nach deinem Performance-Erlebnis, davon berichtet hast: Ein Innenraum, in dem Vertrauen, ein gegenseitiges Aufeinander-Achten, Neugierde, Grosszügigkeit und Sanftheit im Miteinander die Atmosphäre bestimmen. Mir wurde wohlig im Bauch, als du davon erzählt hast, und ich wünschte mir, ich wäre dabei gewesen: Beatrice aka Jimmy als Gastgeber*in und Performer*in in einem Setting, das einlädt, sich und die Welt zu befragen. Ich dachte an einen Club oder an ein Wohnzimmer, gedimmtes Licht, persönlichen Austausch, und dennoch einen Rahmen, der klare Regeln und Konsens ermöglicht – also nichts Bedrängendes, nichts Unbehagliches. Ich dachte an eine kleine zauberhafte Party.
Ungefähr ein halbes Jahr später, als gerade nochmal der Winter einbrach (nachdem eigentlich doch der Frühling eingezogen war), eilte ich, auch mit einer Begleiterin, in den Hinterhof des SALTS in Birsfelden, um selbst einer weiteren Performance von my ten favorite ways to undress im Rahmen der Basler Dokumentartage beizuwohnen. Wir kamen an, die Sonne war dabei, unterzugehen, und versammelten uns mit einem kleinen Haufen Menschen in der Mitte des kleinen Platzes. Nach und nach wurden ein paar Stühle hingestellt, wir fragten nach Tee, als klar wurde, die Performance findet unter freiem Himmel statt. Also, zumindest wir als Publikum waren die ca. 30 Minuten, die die Performance dauerte, draussen angesiedelt, und wir blickten in einen Raum hinein, der ähnlich einer Garage an einer Seite offenstand. Ein Kasten also, in den wir von aussen hineingucken durften.
Wir erfuhren, dass hier früher einmal eine Metzgerei gewesen war, die Räumlichkeiten also eine Geschichte mit sich brachten. Wir befanden uns inmitten eines ehemaligen Handwerksbetriebs, in welchem Fleischprodukte hergestellt, verarbeitet und verkauft worden waren. Mir war kalt und ich dachte an die Tiere, die geschlachtet werden, um von Menschen gegessen zu werden. Also das Gegenteil der Stimmung, die ich nach deinen Erzählungen erwartet hatte. Wir waren froh um den Tee und entschieden, nicht zu sitzen, sondern zu stehen, um uns ein bisschen schunkelnd bewegen zu können, falls uns kalt wird. Ich sorgte mich ein wenig, ob es für die Performance nicht zu kalt würde, aber in diesem Garagen-artigen Raum wirkte es einigermassen warm.
Ich weiss heute aber: damals habe ich mich in ihren Charme, ihre Präsenz, ihren Humor, ihre Grosszügigkeit und in ihre so ehrliche, direkte und mutige Sanftheit verliebt.
Worin meine Erwartungen nicht enttäuscht wurden, war die Präsenz der Künstler*in. Beatrice / Jimmy hatte, wie auch bei dir, gleich meine Aufmerksamkeit, als sie in den Hof trat. Und umso mehr, als sie zu sprechen begann. Ich habe sie schon oft auf der Bühne erlebt, das erste Mal war ungefähr 2012 in den voll gedrängten Sophiensaelen in Berlin. Nachdem sie dort beim 100 Grad Festival eine Weile lang mit ihrer Performance-Kollegin küsste, erinnere ich mich an das Angebot an uns Zuschauer:innen, einzeln nach vorne zu treten, um die Performer*innen auch zu küssen. Ich werde den Moment nie vergessen. Tatsächlich weiss ich auch noch sicher, dass ich mich bis nah zu Antje und Beatrice nach vorne getraut habe. Aber ob es zu einem Kuss zwischen uns kam, kann ich dir nicht sicher sagen. Ich weiss heute aber: damals habe ich mich in ihren Charme, ihre Präsenz, ihren Humor, ihre Grosszügigkeit und in ihre so ehrliche, direkte und mutige Sanftheit verliebt.
Diesmal begann der Abend mit einer Bemerkung, die sie machte, um die Arbeit einzuordnen und Hintergrundinformationen zu geben. Sie machte uns klar, dass es Zeiten gab, in denen sie nicht sicher war, ob sie aufgrund ihrer degenerativen chronischen Rückenerkrankung jemals wieder auf der Bühne stehen würde. Aber hier stand sie vor uns, und berührte damit stärker denn je.
Wie ist es dir mit Beatrice aka Jimmy ergangen, in deiner Rolle als ihre Garderobiere?
L. S.: Liebe Freundin, danke für deine beschreibenden Worte – so anders das Setting auch war.
Als Garderobière habe ich mich während des klar getakteten Stücks sehr gut gefühlt. Der Titel des Stücks ist straight forward auch das, was man formal zu sehen kriegt: zehn Lieblingsarten, sich zu entkleiden. Mal akrobatisch, mal lustvoll, mal geheimnisvoll, mal theoretisch, aber immer mit unglaublich viel Charme und Verbundenheit mit dem Publikum. Dazwischen musste sich Beatrice aka Jimmy immer wieder ankleiden, damit das Spiel von vorne losgehen kann. Da kam dann mein paradoxer Einsatz, Sichtschutz zu bieten, obwohl sie Momente vorher nackt auf der Bühne gestanden hatte und auch bald wieder so dort stehen würde.
Dieser Fokus auf das Ent- und notgedrungen auch das Bekleiden des Körpers liess in mir, trotz der vertrauten Stimmung im Raum, ein fragendes Gefühl aufkommen, ein Blick auf mich selbst.
Dieser Fokus auf das Ent- und notgedrungen auch das Bekleiden des Körpers liess in mir, trotz der vertrauten Stimmung im Raum, ein fragendes Gefühl aufkommen, ein Blick auf mich selbst. Als alltäglicher Akt ist für mich das Ausziehen eher eine pragmatische Sache, bei der sich mein Körper komisch krümmt und angreifbar wird und mancherlei Körperteile in jeglichen Winkeln, die Kleidung so mit sich bringt, stecken zu bleiben droht. Das Hinauszögern dieses Zwischenraumes, zwischen an- und ausgezogen, vermeide ich lieber, speziell, wenn ich nicht allein bin und es potenziell als Performance verstanden werden kann. Wie Beatrice Fleischlin zeigt, gibt es viele Wege sich auszuziehen und daraus ein Spiel zu machen. Das Stück, so leicht und heiter es von statten ging, schuf so eine weitere Ebene für mich, ging mir näher als erwartet und ich stelle mir Fragen zu meinem eigenen Körper und meinem und anderer Menschen Blick auf ihn. In diesem Raum, wo Blicke voller Freude und Wohlwollen auf Körper trafen.
Nach den zehn liebsten Arten sich zu entkleiden und bei mittlerweile gefühlt 100 Grad im Raum, lud Beatrice / Jimmy das Publikum ein, sich auf der Bühne gemeinsam auszuziehen, jede*r so viel oder so wenig wie gewünscht. Darauf folgte ein weiterer augenblicklicher Zwischenraum, in dem nochmals so viel Verletzlichkeit im Raum schwebte, bis sich die ersten Körper in Richtung Bühne in Bewegung setzten und die Performance zur effektiven kleinen zauberhaften Party aus deiner Vorstellung wurde. Zu hotter Musik und sich langsam ausbreitenden Nebelschwaden entkleideten sich amüsiert Körper, mehr oder weniger, so viel wie gewollt. Ein wunderbarer, sehr verbindender und hoffnungsvoll-utopischer Moment für mich.
Was ist dir während dem Stück durch den Kopf gegangen?
H. P.: Liebe Freundin, in meinem Kopf drehten sich beim Lesen deiner Schilderungen Fragen darüber, was hier – bei dieser Performance und danach – eigentlich passiert. Wer hier wie guckt, was wer sieht und was von den unterschiedlichen Menschen im Publikum auf den Körper projiziert wird. Wie diese Performance uns alle – wenn auch unterschiedlich – betrifft. Was bedeutet es, in Zeiten von erstarkendem Antifeminismus, Misogynie und Queerfeindlichkeit, diesen, also Beatrice’ / Jimmys, Körper mit Lust und Humor in seiner Verletzlichkeit zu zeigen?
Wie entkommt ein weiblich gelesener Körper in der Öffentlichkeit einer patriarchalen Gesellschaft dem männlichen, objektivierenden Blick?
Ich dachte darüber nach, wie Beatrice / Jimmy in Verbindung mit ihrem Publikum steht und dieses gleichzeitig führt und für sich gewinnt. Wie schafft sie es, diesen Humor herzustellen? Wie entkommt ein weiblich gelesener Körper in der Öffentlichkeit einer patriarchalen Gesellschaft dem männlichen, objektivierenden Blick? Mir kommt das Adjektiv «entwaffnend» in den Sinn – ein militärisches Vokabular, das vielleicht passend sein könnte, wenn ich hier auch einen queer-feministischen Kampf hineinlesen möchte. So sehr Beatrice Fleischlin die Beziehungen und Abhängigkeiten im Aufführungsmoment gestaltet und transparent macht, wirkt sie auf mich unabhängig, frei in ihrem Spiel. Sie spielt mit uns, erklärt ihre Idee, die Regeln, lädt einzelne Zuschauende ein, zu aktiven Mitspieler*innen zu werden.
Ich habe mich – wie du – gefragt, ob ich mich mit meinem weiblich gelesenen Körper überhaupt gerne ausziehe. Und wie ich das mache: möglichst so, dass es nicht auffällt, möglichst schnell, möglichst unbemerkt. Sich bewusst und verspielt in einer spezifischen Art auszuziehen, und sich im Anschluss mit Freude über sich selbst in Pose zu setzen, sich sicher und frei zu präsentieren, sich zu verbeugen: es hat in mir Scham und Bewunderung zugleich ausgelöst. Wenn ich das mit derselben Haltung tun könnte, wie Beatrice Fleischlin, es würde mir guttun.
Beitragsbild: my ten favorite ways to undress von Beatrice Fleischlin aka Jimmy im Rahmen der Basler Dokumentartage, März 2026. Foto © Boris Nikitin.


