«Alle meine Mütter» von Lena Gorelik im Literaturhaus Basel
Von Anais Sommer
Der Saal im Literaturhaus Basel ist voll. Es sind fast ausschliesslich weiblich gelesene Personen anwesend – das fällt auf, noch bevor Moderatorin Andrea Zimmermann und Autorin Lena Gorelik das Wort ergreifen. Als würde das Thema des Abends bereits Regie führen: Wer kommt, wenn jemand über Mütter spricht? Die Antwort steht im Raum, bevor die erste Seite aufgeschlagen wird. Wen geht das etwas an, wenn jemand öffentlich fragt, was hinter dem Wort «Mutter» steckt? Eigentlich alle Menschen. Ob Mütter oder nicht, ob Töchter mit guten oder schwierigen Geschichten, ob Männer – das Thema packt einen, bevor es überhaupt angesprochen wird. Gorelik weiss das. Es war, sagt sie an diesem Abend, eine interessante Erfahrung nach der Veröffentlichung ihres Buches: dass kaum jemand professionellen Abstand hält. Dass immer jemand von sich und der Beziehung zur eigenen Mutter erzählen will.
Lena Gorelik, 1981 in Leningrad (heute: St. Petersburg) geboren, kam als Kind mit ihrer Familie nach Deutschland und lebt heute in München. Sie zählt zu den markantesten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur – bekannt für ihre Fähigkeit, das Persönliche mit dem Politischen zu verweben, das Intime mit dem Gesellschaftlichen. Zuletzt wurde sie mit dem Preis der Literaturhäuser ausgezeichnet. In Alle meine Mütter, das im März erschien, nähert sie sich einer der Positionen, die in unserer Gesellschaft besonders aufgeladen ist mit Normen, Anrufungen, Erwartungen: der Mutter. Gorelik hat einen wissenschaftlichen Anspruch an sich selbst: Sie erforscht, indem sie schreibt. Sie beginnt mit einer Google-Suche des Begriffs «Mutter», angezeigt werden ihr ausschliesslich strahlende Frauen, die stets engen, beschützenden Körperkontakt mit ihrem Nachwuchs haben; schützend für die Kinder, nie für die Frau und ihre eigenen Bedürfnisse.
Auf diese Weise entsteht eine Konstellation an Geschichten und Formen, die sich um die Position «Mutter» legen, die doch nie abschliessend erzählt werden kann.
Sie hatte von Beginn an geplant, den Komplex «Mutter» aus verschiedenen Blickwinkeln und mit verschiedenen Geschichten zu erforschen, aus der Perspektive von Müttern, Töchtern und einer Auswahl von jenen, die nicht Mütter sind oder sein können. Sie schreibt über die intimsten und verletzlichsten Momente des Frauseins, die es überhaupt gibt, etwa über den Gang zum Schwangerschaftsabbruch. Dass sie sich selbst dabei ausklammern wollte, schien zunächst Voraussetzung, berichtet Gorelik. Dann erkrankte ihre eigene Mutter an Brustkrebs. Gorelik merkt: Sie kann sich nicht enthalten, während sie andere literarisch seziert – es wäre fast unethisch. So beginnt sie, sich selbst mittels eines lyrischen «Ichs» einzuweben, in Kapiteln mit der Überschrift «Ich». Gorelik schildert im Gespräch mit Zimmermann zudem, wie wichtig ihr beim Schreiben Empathie ist. Sie lasse die Figuren entscheiden, wie weit sie hereingelassen werde, führe für manche Kapitel viele Gespräche und schreibe anschliessend dutzende Varianten desselben Kapitels, bis es den Frauen darin gerecht werde. Stets ist sie sich der Verletzlichkeit ihrer Figuren (und der Menschen dahinter) wie auch der eigenen bewusst. Auf diese Weise entsteht eine Konstellation an Geschichten und Formen, die sich um die Position «Mutter» legen, die doch nie abschliessend erzählt werden kann.
Ein Panoptikum von möglichen Beziehungen zur Position des Mutterseins entsteht: Julia, die sich gegen Kinder entscheidet und deren Vater anschliessend nicht um das Vergangene weint, sondern «um alles, was nicht war». Die Frau auf dem Weg zum Schwangerschaftsabbruch in der Sowjetunion der 1950er Jahre, über die kaum Quellen existieren, obwohl der Staat 1920 Abtreibungen als erster legalisierte – Gorelik spricht von einem «Vorhang des Einen-nicht-wissen-lassen-wollens». Die Mütter von Kindern mit Beeinträchtigungen, deren Geschichten so vielfältig sind, dass Gorelik sich für ein chorisches Kapitel entscheidet: 36 Varianten, zu einem Stimmengeflecht verdichtet. Frauen, die das Scheinwerferlicht nicht gewohnt sind. Frauen, von denen dennoch – oder gerade deshalb – erzählt werden muss.
Frauen werden oft in zwei Kategorien aufgeteilt, stellt Gorelik fest: Mütter und Nicht-Mütter. Ihr Buch verweigert diese Vereinfachung – nicht, indem es die Kategorie abschafft, sondern indem es die verschiedenen Beziehungsmöglichkeiten zu der Position «Mutter» auslotet. Durch die Beziehung zu einer Mutter sind schliesslich alle verbunden. «Die Wege sind gepflastert mit dem, was eine Mutter zu sein hat», sagt sie während der Lesung – und meint damit nicht nur die Erwartungen an Mütter, sondern die gesellschaftliche Vereinnahmung, die den weiblichen Körper stets begleitet. Denn dieser Körper, so Gorelik, ist selten einfach nur der eigene. Er ist von früh an ein Körper für andere: für das Begehren, für die Fürsorge, für die Reproduktion. Mit der Geburt eines Kindes verschiebt sich diese Zuschreibung ein weiteres Mal – der Körper der Frau wird zum Körper der Mutter. Gorelik stellt schliesslich eine Frage: «Wann kriegt sie ihn eigentlich wieder zurück?»
«Alle meine Mütter» ist auch der Versuch, gegen diese Vereinnahmung des Körpers anzuschreiben, ihn zurückzugeben, den eigenen Körper wieder für sich zu besetzen.
Alle meine Mütter ist auch der Versuch, gegen diese Vereinnahmung des Körpers anzuschreiben, ihn zurückzugeben, den eigenen Körper wieder für sich zu besetzen: Figur um Figur, Geschichte um Geschichte, in all den Formen und Zuständen, in denen ein Körper sein kann. Erst dann, wenn der Körper der Mutter nicht mehr funktioniert, wie er sollte – wenn er gebrechlich wird oder erkrankt – kehrt er wieder ins Bewusstsein zurück, zeigt Gorelik auf. Der Körper der Frau scheint in der gesellschaftlichen Wahrnehmung in zwei Aggregatszuständen zu existieren: als fruchtbarer, strahlender – oder als brechender. Beides sind Zustände, in denen einem der eigene Körper nicht ganz gehört, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.
«Wir haben alle eine Mutter, auch wenn wir sie nicht kennen» – einer der frühen Sätze Goreliks am Abend im Literaturhaus. Ich denke daran, wie Gorelik davon erzählt, dass viele Menschen beim Sterben im allerletzten Moment nach ihrer Mutter rufen. Was sie bei ihrer eigenen Grossmutter beobachtet und im Buch festhält, spiegelt sich in meinen eigenen Erfahrungen gleich zweimal: bei meiner Urgrossmutter und bei meiner Grossmutter, eine Dekade später. Auch die Passagen, in denen Gorelik ihre Mutter durch die Krebstherapie begleitet, berühren wohl eine jede Tochter, die ihrer Mutter auf demselben Weg die Hand gehalten hat.
Als der Abend endet, bleibt der Saal noch einen Moment beisammen. Fast ausschliesslich weiblich gelesene Personen, die das Thema, wie Gorelik es beschrieben hat, am eigenen Leib tragen: als Mütter, als Töchter, als Nicht-Mütter, als Frauen, deren Körper irgendwann aufgehört hat, ihnen ganz zu gehören. Der Abend ist vorbei, die Fragen, Überlegungen und Einsichten, sind es nicht. Das ist vielleicht das Treffendste, was man über Alle meine Mütter sagen kann: dass das Buch, wie das Thema selbst, einen packt und schwer wieder loslässt.
Save the Date!
Beitragsbild: Andrea Zimmermann (l.) und Lean Gorelik (r.). Foto © Anais Sommer.


