Was passiert, wenn zwei feministische Kollektive aus unterschiedlichen geopolitischen Kontexten, eine gemeinsame Performance entwickeln und dabei versuchen, einander gerecht zu werden?
In Wait to be seated treffen das südindische Sandbox Collective und das Kollektiv She She Pop aus Deutschland aufeinander. Der Abend ist als Spiel angelegt, als Versuchsanordnung, die sich entlang von Regeln der Gastfreundschaft entfaltet. «It’s a game, but also a competition», heisst es zu Beginn. Was folgt, ist ein Parcours aus übertitelten Szenen, in denen sich die zwei Kollektive aneinander abarbeiten. Begegnung findet nicht einfach statt, sondern wird kontinuierlich hergestellt, korrigiert und ausgestellt.
Die Bühne ist in Zonen gegliedert: vorne links eine Festtafel, dahinter eine Musik-Stage, hinten rechts eine Garderobe mit glitzernden Kleidern, davor eine Art Catwalk mit rotem Teppich. Zusammen mit der über allem strahlenden Discokugel und einer auf der ganzen Bühne verschiebbaren Videoleinwand verheissen diese Elemente eine lustvolle Materialschlacht. Alles wirkt zunächst offen einsehbar, humorvoll und ist gerahmt von den zu erprobenden Regeln, die niemandem so ganz klar zu sein scheinen. Gastfreundschaft wird hier als verwirrendes System unausgesprochener Codes inszeniert, das Orientierung verspricht und zugleich Unsicherheit produziert. Nichts ist festgeschrieben, alles kontextabhängig – und dennoch scheint klar, dass «ein_e gute_r Gastgeber_in» gegen keine dieser unausgesprochenen Regeln verstossen darf.
Das Paradox scheint darin zu liegen, einen neutralen Auftritt herstellen zu wollen, der unerreichbar bleibt. Nicht, weil er noch nicht gefunden ist, sondern weil es ihn nicht gibt.
In der Szene Dress for Success wird deutlich, wie wenig Halt diese Codes geben. Outfits werden anprobiert, verworfen, kommentiert. Die Suche nach einem angemessenen Auftritt kippt in ein Abtasten stereotyper Zuschreibungen: nicht zu viel Haut, nicht zu angepasst, keine vermeintlich kulturellen Zeichen verwenden, die du nicht verstehst. Das Paradox scheint darin zu liegen, einen neutralen Auftritt herstellen zu wollen, der unerreichbar bleibt. Nicht, weil er noch nicht gefunden ist, sondern weil es ihn nicht gibt.
Die Szene Meeting and Greeting verdichtet dieses Paradox zu einer choreografierten Annäherung, in der der erste Eindruck sitzen muss: Kleidung, Gesten, Blicke werden minutiös verhandelt. Die «erste Begegnung» zwischen zwei Delegierten der beiden Kollektive ist kein spontaner Moment, sondern ein Prozess ständiger (Selbst-)Beobachtung. Nähe entsteht hier nicht, sie wird simuliert und damit infrage gestellt.
Teleprompter führt diese Dynamik weiter. Während die Performer_innen an der festlich gedeckten Tafel sitzen (was visuell an ein politisches Bankett oder gar an da Vincis «Letztes Abendmahl» erinnert) und an einem gemeinsamen Satz im Sinne einer kollektiven Aussage bauen, läuft auf der Leinwand hinter ihnen eine zweite Ebene mit: eine «ehrliche Übersetzung», die das Gesagte kommentiert, unterläuft und unausgesprochene Spannungen entlarvt. Der diplomatische, bemüht höfliche Ton des Gesagten zerfällt im Subtext. Verständigung scheitert hier nicht einfach an einem Mangel an Klarheit, sondern am Übermass unausgesprochener Erwartungen im permanenten Aushandlungsprozess.
(Feministische) Selbstkritik mit angezogener Handbremse
Im weiteren Verlauf kreist die (Ver)Handlung um Diskurse über Macht, ökonomische Abhängigkeit und eine vermeintlich kulturelle Asymmetrie. Der Begriff «soft power» fällt – und verhallt folgenlos im Raum. Eine Auseinandersetzung mit Privilegien wird sichtbar, aber erschöpft sich in ihrer eigenen Artikulation: Es wird benannt, gezögert, sinniert. Konsequenzen oder transformative Schritte bleiben aus.
Deutlich wird dies auch in der Szene Offering gifts. Eine intime Geste – das Öffnen eines Reissverschlusses und das darauffolgende Entkleiden – konnte bei den Vorstellungen in Indien so nicht gezeigt werden. In Basel geht die Szene bis zur vollständigen Entkleidung einer Performerin von She She Pop. Gleichzeitig reflektiert sie das künstlerische Mittel des Ausziehens als wiederkehrende Praxis feministischer Selbstermächtigung. Kann diese Geste nach Jahren der Wiederholung noch als Intervention gelesen werden, ist sie längst Teil eines vertrauten und sicheren Repertoires geworden oder gewinnt sie mit dem älter werden der Performerinnen sogar wieder politisches Gewicht?
Demgegenüber stellt Sandbox Collective die Fokussierung auf Nacktheit als radikale Geste in Frage und versteht sie vielmehr als spezifisch westliche Obsession. Der nackte Körper sei nicht per se subversiv, sondern dadurch, dass der Akt des Sich-Ausziehens als künstlerisches Mittel häufig von weiss-privilegierten Frauen in vergleichsweise geschützten Räumen stattfinde, verschiebe sich der politische Gehalt der Geste.
Wie weit kann eine feministische Praxis überhaupt tragen, die Differenz vor allem entlang eines «bei uns» und «bei euch» organisiert und damit «deutsche Kultur» und «indische Kultur» als hermetisch abgeschlossene Räume behauptet?
Dieser Kontrast fliesst jedoch nicht in einen gemeinsamen Dialog, der die Möglichkeit bieten würde, Asymmetrien aus einer intersektionalen Analyse zu behandeln: unterschiedliche Bedingungen von Sichtbarkeit, unterschiedliche Risiken, unterschiedliche Freiheiten. Die Szene bleibt in der Gegenüberstellung stehen – und mit ihr Überlegungen, was unter diesen Voraussetzungen überhaupt als gemeinsame Praxis denkbar wäre.
Wie weit kann eine feministische Praxis überhaupt tragen, die Differenz vor allem entlang eines «bei uns» und «bei euch» organisiert und damit «deutsche Kultur» und «indische Kultur» als hermetisch abgeschlossene Räume behauptet? Eine intersektionale Perspektive könnte eine solche essentialisierende Gegenüberstellung aufbrechen, die Verschränkung von Machtverhältnissen in den Blick nehmen, und sich weitergehend in gemeinsamer solidarischer Praxis eines global verbündeten Feminismus üben: Wer spricht unter welchen Bedingungen? Wer kann sich exponieren und wer nicht? Welche Formen von Sichtbarkeit sind geschützt, welche sanktioniert? Und welche Erkenntnisse folgen aus diesen Fragen?
Der von Homi K. Bhabha geprägte Begriff des «Third Space» beschreibt einen möglichen Ausweg aus solchen binären Ordnungen: einen Zwischenraum, in dem neue bzw. andere Bedeutungen entstehen, ohne Differenz zu glätten. Wait to be seated hätte Potential für einen solchen Raum, doch bleibt die Begegnung vielfach in der Gegenüberstellung stabiler Positionen verhaftet.
In der Szene Trying Togetherness sitzen die Performer_innen in identischen Kostümen an der Tafel, spielen Spiele, erzählen einander Witze und anekdotische Fakten über die jeweiligen Länder. Zwar bleibt der Austausch oft oberflächlich und kippt stellenweise in Klischees, doch gibt es auch Momente genuiner Gemeinsamkeit, die ein wenig Entspannung in die angestrengte und anstrengende Competition bringen.
Trying Togetherness öffnet auch Raum für Brüche: Einzelne treten aus der Szene heraus, formulieren Zweifel, reflektieren introspektiv ihr eigenes Sprechen, ihre Stellung in der Performance, in der Gruppe. Diese Momente unterlaufen die Inszenierung von Harmonie, erzählen, wie fragil jede Form von «Wir» bleibt und erlauben gleichzeitig die Rückkehr in den gemeinsamen Raum.
Diese Momente unterlaufen die Inszenierung von Harmonie, erzählen, wie fragil jede Form von «Wir» bleibt und erlauben gleichzeitig die Rückkehr in den gemeinsamen Raum.
So tritt eine Performerin vom Sandbox Collective während des Spiels «Simon says» aus dem Gruppenmoment heraus und stellt sich im Selbstgespräch die Frage «Who the fuck is Simon?!».
Damit trifft sie den Kern des Abends: Wer setzt die Regeln dieser Begegnung? Wer folgt ihnen? Und aus welchen Gründen? Und wer hat eigentlich festgelegt, dass es unbedingt eine Competition zwischen zwei vermeintlich homogenen Gruppen sein muss? Denn genauso, wie es die zu Beginn des Abends angestrebte neutrale erste Begegnung nicht geben kann, lässt sich auch nicht von einer homogenen deutschen oder indischen Kultur sprechen, die sich durch die wiederholte Aussage «Where I come from, we…» manifestiert – allein ein Blick auf die Vielzahl und Hybridität unterschiedlich positionierter Theatermacher_innen in beiden Ländern genügt.
Der Abend endet in Bewegung: Verstecken spielen im Dunkeln, Musik, Tanz. Für einen Moment entsteht so etwas wie kollektive Energie, vielleicht sogar Nähe. Doch bleibt diese ambivalent. Ist dies ein Moment tatsächlicher Verbindung oder eine ästhetische Überblendung? Die letzte gemeinsam gebaute Aussage des Abends deutet in beide Richtungen und bricht mitten im Satz ab: We believe that unconditional love and doubt go hand in hand, painfully. However…
Wait to be seated könnte als Experiment verstanden werden. Der Abend zeigt, wie hartnäckig Dichotomien sich halten können, selbst dort, wo sie reflektiert werden. Und er macht sichtbar, dass Selbstkritik allein noch keine Veränderung erzeugt. Denn wie kommen wir vom Benennen ins Handeln: zum transformativen Moment, in dem Reflexion Wirkung entfaltet?
Beitragsbild: © Richa Bhavanam.



