Alles da. Endoskopie und Campaigning mit situiertem Wissen

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Von Stefanie Manthey


Das Sammeln und Aufbereiten von Daten über Geschlechterverhältnisse, Machtverteilung und Repräsentation in Kunstinstitutionen ist ein feministisches Mandat und eine politische Praxis. Mit ihren Kampagnen haben die Guerilla Girls vor vierzig Jahren auf diesem Gebiet Grundlagenarbeit geleistet. Die Pflege ihrer aktivistischen Praxis wird von drei Organisationen gemeinsam unternommen. Das Archiv ihrer Kampagnen, für die sie Formate wie Poster, Standardbriefe und den Versand von Massen-Emails nutzten, um Diskriminierung im Kunstfeld zu thematisieren, wird im Getty Center in Los Angeles aufbewahrt. Es macht einen Teil der «Guerrilla Girls Records» aus. Anlässlich des vierzigjährigen Jubiläums widmet das Getty dem feministischen Kollektiv unter dem Titel How to Be a Guerilla Girl eine Ausstellung, die den Schwerpunkt auf ihre Strategien «anonymity, data gathering, protest actions, culture jamming and grassroots distribution» legt. Auch bei «Curating Difference – Curating Difference» bilden Daten eine wichtige Ausgangslage. Die Reihe wurde initiiert, um eine Frage in Kooperation mit Museen in der Schweiz regelmässig öffentlich zu stellen und zu diskutieren: Was sind Strategien, um Leitung und Programmierung von Kunstinstitutionen so zu gestalten, dass sie repräsentativer für die Schweiz der Gegenwart sind?

Gastgeberin der jüngsten Ausgabe dieses Formats war das Kunstmuseum Bern. Ihm ging ein Research Lab voraus, bei dem im kleineren Kreis die jüngsten Ergebnisse des Kooperationsprojekts zu Geschlechterverhältnissen und Diversität im Schweizer Kulturbetrieb des Interdisziplinären Zentrums für Geschlechterforschung (IZFG) mit dem Swiss Center for Social Research (CSR) und der Pro Helvetia (PH) vorgestellt wurden. Diese liefern das Fundament dafür, die operativen Aspekte systemischer Veränderungen, wie etwa notwendige Anpassungen in Organigrammen, Veränderungen von Leitungsstil und -formen sowie in der Programmplanung genau anzuschauen und kritisch zu diskutieren. Dadurch, dass sich externe Beratung und Kurse zwischenzeitlich etabliert haben, stellt sich immer häufiger die Frage, wann und wie nützlich diese Werkzeuge sind, um Projekte zu begleiten, die aus langfristiger Perspektive auf innere Erneuerung angelegt sind und daran gemessen werden wollen. Kennzeichen solcher Langzeitprojekte ist es, dass sie mit einer internen Untersuchung beginnt, bei der dafür sensibilisiert wird, wie Macht verteilt ist. Das Aufzeigen von Mustern und Funktionsweisen von Machtverhältnissen ist ein zentraler Schritt, um die Umverteilung von Macht einzeln und kollektiv denkbar zu machen. Etwas von der Intensität dieser Debatten blieb ebenso im Raum wie in den Zwischentönen und Fragen nach notwendigen Korrekturen in Selbstverständnis, Archivbildung, Geschichtsschreibung sowie der konkreten Umverteilung von Privilegien im professionellen Umfeld. Sie sind nur auf den ersten Blick unangenehm. Sie umreissen die Arbeit, die zu leisten ist, und der sich weltweit Menschen angenommen haben und annehmen.

«Welche Instrumente brauchen wir, um Kunstinstitutionen auf sozial nachhaltige Weise zu führen und sie von innen heraus zu verändern – auf persönlicher und struktureller Ebene?»

Situiertes Wissen spielt dabei eine entscheidende Rolle. Dessen Dichte variierte und vervielfältige sich durch die Menschen, die für die Long Table-Diskussionen am Abend gekommen waren, um in wechselnden Konstellationen die veranstaltungsübergreifende Fragestellung unter Anleitung von jeweils zwei Moderator*innen pro Table zu diskutieren: «Welche Instrumente brauchen wir, um Kunstinstitutionen auf sozial nachhaltige Weise zu führen und sie von innen heraus zu verändern – auf persönlicher und struktureller Ebene?» Die Moderator*innen waren als Expert*innen eingeladen worden, die Diskussionen der übergreifenden Frage anhand von insgesamt fünf Schwerpunkten vorzustrukturieren: «Kuratieren von Diversität?», moderiert von Kathleen Bühler und iLiana Fokianaki; «Unterstützende Strukturen & mächtige Verbündete», moderiert von Felicity Lunn und Christine Sandercock; «Soziale Nachhaltigkeit im Schweizer Kunstbetrieb, moderiert von Dorothea Strauss und Fabienne Schellenberg; sowie «Infrastrukturen und Care», moderiert von Sascia Bailer und Sarah Merten. Der Table zum Thema «Leitung & Macht», moderiert von Tasnim Baghdadi und Catherine Reymond, fiel leider krankheitsbedingt kurzfristig aus. Damit fehlte die Hands-On Perspektive aus dem Migros Museum für Gegenwartskunst als jener Institution, die intern und extern als Schweizer Beispiel für einen Wechsel vom hierarchischen Direktor*innenmodell zu einem mehrköpfigen Leitungsteam gilt.

Bemerkenswert war die Altersdurchmischung, sowohl beim Publikum als auch unter den Moderator*innen der Long Tables, darunter Akteur*innen mit Arbeitserfahrungen im Schweizer Kontext ab den 1990er-Jahren. Personen, die auf unterschiedliche Weise den Mut verkörpern, mit Ausdauer und aus Überzeugung etwas verändern zu wollen, konnten im Verlauf des Abends aufeinandertreffen und auf Augenhöhe miteinander ins Gespräch kommen. In einfachen Worten und übersetzt in Begriffe aus Diskursen, wurde bekräftigt, dass ein kooperationsinteressiertes Mindset, Empowerment, Beharrlichkeit und die Bereitschaft, konkrete Lösungen zu erproben, probate Werkzeuge sind, um den Prozess, mehr Zugänglichkeit zu schaffen, voranzutreiben.

Es stellte sich ein Konsens ein, der genaueres, aufmerksameres Zuhören ermöglichte und auch Stimmen zu Wort kommen liess, die blinde Flecken aufzeigen. So wurde am Table «Infrastrukturen und Care» angesprochen, wie stark Förderstrukturen und -instrumente im Kunstbereich auf Nationalität ausgerichtet sind. Und am Table mit dem Titel «Kuratieren von Diversität?» wurde Begriffskritik betrieben: «Diversität» und «Nachhaltigkeit» sind Begriffe, die in einer konjunkturähnlichen Halbwertszeit gebraucht, instrumentalisiert, diskreditiert und verbraucht werden, ohne dass sie die ihnen zugrundeliegenden Inhalte an Relevanz verlieren. Der Kontext entscheidet darüber, ob sie als Instrumente der (Selbst-)Verpflichtung und Anerkennung von Verantwortung Wirkung zeitigen können, als Angriff auf ein rechts-konservatives Weltbild wahrgenommen und als unsagbar markiert werden, oder als wohlklingende Schlagworte aufscheinen, um dann rasch wieder ausgewechselt zu werden.

Notiz auf dem Table «Kuratieren von Diversität?», Foto © Dominique Grisard.

«Diversität» und «Nachhaltigkeit» können durch neue Wortschöpfungen sowie der Übersetzung von Begriffen und Konzepten aus anderen Sprachen, wie etwa «soziale Nachhaltigkeit», für Dynamiken genutzt werden, aus denen heraus neue Assoziationen und Allianzen entstehen. Sie können der Notwendigkeit einer zielgerichteten Selbstbefragung Raum geben. Das innere Zusammenwirken einer Institution zu analysieren, und aus diesem Begreifen heraus Veränderungsmöglichkeiten zu schaffen, ist ein mögliches Resultat dieses Ansatzes. Diese Energie zu nutzen, wirft jede Institution und die darin arbeitenden Menschen auf sich selbst zurück: «An endoskopic view» kann dabei, wie iLiana Fokianaki anmerkte, helfen, nicht nur Daten zu gewinnen, sondern auch über unhinterfragte kulturelle Prämissen ins Gespräch zu kommen. Sie prägen, wie gedacht, gesprochen, wie koloniale Muster fortgeschrieben werden, wenn es zu keiner Unterbrechung kommt. Letztlich geht es um den Mut und das Vertrauen in die Gegenwart – darum, zu erspüren, was Kulturschaffende, Kulturinstitutionen und Öffentlichkeiten miteinander verbindet: Werte und Ziele, die geteilt werden und als Basis für Verständigung dienen, bei der Sprache nur eine von vielen Kommunikationsformen ist.

In Bern hätte es vermutlich eine noch vielstimmigere und aktuellere Diskussion gegeben, wenn die Veranstaltung in der Feuerwache, dem Kornhausforum oder in der Reithalle stattgefunden hätten, und sich darüber hinaus von der Einladung auch weisse cis Männer, Kulturschaffende aus anderen Feldern und anderen Kulturen sowie Menschen angesprochen gefühlt hätten, die sich nicht primär als kunstaffin bezeichnen. Jede nächste Veranstaltung in der Reihe schafft einen Anlass, eine Einladung auszusprechen und darüber Verbindungen zu stärken und zu vervielfältigen: Eine Stärkung nach Innen in einer Zeit, wo Widerstände und Angriffe gegen Kultur erstarken, die notwendigerweise durchlässig zum Alltag bleibt.


Bild: «Curating Difference – Curating Difference. Strategien zur nachhaltigen Veränderung von Strukturen: Diversität, Leitung, Programmierung» am 28.10.2025 im Kunstmuseum Bern. Foto © Dominique Grisard.

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