Von Aline Vogt. Ein Eintrag für das «Lexikon der Intervention».

Hinweis: In diesem Beitrag geht es u. a. um Rassismus und Sexismus, dabei werden explizit rassistische und sexistische Bilder benannt.


Der Begriff «Tier» fungiert häufig in Abgrenzung zum Begriff «Mensch». Ähnlich wie aus dem Begriff «der Mann» weiblich definierte Eigenschaften ausgelagert und auf «die Frau» als «das Andere» übertragen werden, gibt es Eigenschaften, die wir als besonders tierisch verstehen, etwa «Trieb» oder «Natur», während andere wie «Vernunft» oder «Kultur» häufig als spezifisch menschlich verstanden werden. Welche Eigenschaften dabei welchem Begriff zugeordnet werden, ist aber nicht universell, sondern je nach Ort und Zeit spezifisch. Aus dieser Zuordnung lassen sich Hierarchien sowie Wert- und Normvorstellungen ableiten. In diesem Beitrag zeichne ich anhand punktueller Beispiele nach, wie sich diese Hierarchien je nach Zeit und Kultur unterschiedlich gestalteten.

So gehen beispielsweise Indigene im Amazonasgebiet davon aus, dass Mensch und Tier eine gemeinsame «Kultur» oder Innenleben teilen, während sie sich in Bezug auf ihre «Natur» oder ihre Körper unterscheiden.[1] In modernen westlichen Gesellschaften verhält es sich dagegen genau umgekehrt. Dort teilen Mensch und Tier ihre «Natur», beispielsweise den Körper oder die Biologie, während nur dem Menschen die Fähigkeit zugesprochen wird, eine «Seele», «Vernunft», «Kultur» oder «Geschichte» zu haben. Aber auch in der europäischen Geschichte wurde wiederholt darüber diskutiert, inwiefern nicht auch Tiere über menschenähnliche Seelen, Emotionen oder gar Vernunft verfügten.[2]

Obwohl der Mensch selbst ebenfalls ein Tier ist, wird durch diesen Abgrenzungs- beziehungsweise Abwertungsprozess «der Mensch» sprachlich überhaupt erst laufend hergestellt.

Trotz dieser historisch und kulturell spezifischen Ontologie werden tierische Eigenschaften im Vergleich zu menschlich markierten Fähigkeiten in westlichen Denkweisen häufig abgewertet, ähnlich wie dies für weiblich markierte Eigenschaften oder Konzepte der Fall ist. Obwohl der Mensch selbst ebenfalls ein Tier ist, wird durch diesen Abgrenzungs- beziehungsweise Abwertungsprozess «der Mensch» sprachlich überhaupt erst laufend hergestellt. «Man» könnte auch sagen, gerade weil Menschen und andere Tiere sich so ähnlich sind, wird diese Abgrenzung notwendig, um die menschliche Tiernutzung – nicht zuletzt die moderne Massentierhaltung – zu rechtfertigen.[3]

Was ist «der» Mensch?

Gleichzeitig wird die Übertragung von tierlich markierten Begriffen oder Beschreibungen auf bestimmte Menschen auch als Abwertung und Andersmachung derselben genutzt. Ein bekanntes Beispiel ist der rassistische Vergleich von Schwarzen Menschen mit Affen.[4] Giorgio Agamben hat diesen Prozess der sprachlichen Herstellung des Menschen im Allgemeinen und bestimmter Menschengruppen im Besonderen in Anlehnung oder Abgrenzung zum Tier auch als «anthropologische Maschine» bezeichnet.[5]

Obwohl die Abgrenzung zwischen Mensch und Tier mit anderen Abgrenzungsmechanismen, etwa in Bezug auf Geschlecht oder Race, eng verwoben ist, ist die Geschichte dieser Zusammenhänge äusserst komplex. Während Frauen in der europäischen Vormoderne zum Beispiel häufig mit «Natur» und dem «Tierischen» gleichgesetzt wurden,[6] war dies nicht immer der Fall. Gerade im 18. Jahrhundert wurde weissen Frauen in Europa vielmehr spezifisch menschliche Eigenschaften wie Zivilisierung oder Kultur zugeschrieben, während ein unkontrollierter Sexualtrieb, wie er damals bei Tieren angenommen wurde, vermehrt männlich markiert wurde. Dieser Prozess trug dazu bei, die modernen Geschlechterrollen zu naturalisieren und zu legitimieren. Männliche Gewalt wurde als «natürlich» und damit unveränderbar verstanden, während weissen Frauen die Verantwortung für die Zivilisierung dieser animalischen Gewalt zugeschrieben wurde.

[D]ie Komplementarität der Geschlechter wurde gar grundlegend für das Konzept «Mensch» überhaupt.

Gleichzeitig wurden Schwarze Frauen und Männer weiterhin animalisiert. Diese Unterschiede sind unter anderem auf eine neue Definition von «Spezies» als heterosexuelle Fortpflanzungsgemeinschaft zurückzuführen.[7] Weil es nach dieser Definition immer eine Frau (beziehungsweise Weibchen) und ein Mann (beziehungsweise Männchen) brauchte, die sich langfristig miteinander fortpflanzen konnten, gehörten die beiden Geschlechter nun stärker als «Spezies Mensch» zusammen. Die Spekulation darüber, ob Frauen im Allgemeinen Tiere seien, wurde so haltloser, da beide Geschlechter nun stärker als Spezies zusammengedacht wurden – die Komplementarität der Geschlechter wurde gar grundlegend für das Konzept «Mensch» überhaupt. Weisse Frauen wurden damit «menschlicher», die Abgrenzung zwischen Mensch und anderen Tieren wurde leichter umsetzbar, die Ausbeutung von Tieren als «Andere» oder «Nicht-Menschen» erhielt zusätzliche Legitimation. Gleichzeitig wurden queere Geschlechter oder Sexualitäten weniger denkbar und akzeptabel, da sie dieser Vorstellung einer klar abgrenzbaren Spezies über die heterosexuelle Fortpflanzung als Naturgesetz nicht entsprachen. Schwarze Frauen und Männer wurden zudem weiterhin paarweise von weissen Frauen und Männern abgegrenzt, indem Europäer*innen weiterhin darüber spekulierten, ob diese sich – anders als weisse Menschen – mit Affen fortpflanzen konnten. Letzteres diente nicht zuletzt der Aufrechterhaltung kolonialer Macht- und Gewaltverhältnisse.

Frauen- und Tierrechtsbewegungen

Weil Mensch-Tier-Vergleiche historisch häufig eine Abwertung implizierten, ist die Beziehung der feministischen Bewegung zur Tierrechtsbewegung heute kompliziert. Dabei kann es ebenso wenig zielführend sein, eine «natürliche» Nähe zwischen Frauen und Tieren anzunehmen, wie eine sprachliche und politische Verbindung zwischen der Abwertung von Frauen und bestimmten Tierarten völlig zu negieren.[8] So hat Carol Adams beispielsweise eindrücklich gezeigt, wie Frauen und Tiere in der Werbung westlich-moderner Industriegesellschaften auf ähnliche Weise zu Konsumobjekten gemacht werden, indem ihre Subjektivität hinter dem dargestellten «Fleisch» verschwindet.[9] Adams spricht davon, dass Frauen und Tiere zu «absent referents» gemacht werden, wenn sie auf die Konsumierbarkeit ihrer Körper reduziert werden.

Es gilt deshalb, gerade auch aus einer feministischen Perspektive, die Selbstverständlichkeit zu hinterfragen, mit der einige Tiere heute objektiviert und nutzbar gemacht werden.

Es gilt deshalb, gerade auch aus einer feministischen Perspektive, die Selbstverständlichkeit zu hinterfragen, mit der einige Tiere heute objektiviert und nutzbar gemacht werden. Neben der oben angesprochenen Objektivierung, in der eine konkretes Tier nicht mehr als solches wahrgenommen wird, sondern zu einem Objekt wird, deutlich beispielsweise in Ausdrücken wie «Filet» etc., bei denen man nicht mehr an konkrete Lebewesen denkt, werden einige Tiere zusätzlich auf geschlechtsspezifische Weise ausgebeutet. Dies gilt etwa für Kühe, die zum Zweck der Milchproduktion befruchtet und anschliessend von ihren Kälbern getrennt werden. Dabei sollten wir aber auch nicht vergessen, dass es sich bei solchen Verbindungen zwischen strukturell benachteiligten menschlichen Gruppen und «Tieren» beziehungsweise bestimmten Tierarten um historisch konstruierte Verbindungen handelt, die je nach Zeit, Ort und intersektionaler Verwobenheit unterschiedlich funktionieren. Dies bedeutet aber auch: Wenn diese Verbindungen nicht «natürlich» und «universell» gegeben sind, wie lange behauptet wurde, dann können wir sie verändern. So können wir uns fragen, wie wir unsere Beziehungen zueinander, aber auch zu anderen Tieren und Lebewesen, in Zukunft gestalten wollen und können.


Fussnoten

Bild: Symboldbild für Tierrechtsbewegungen, hiermit soll keine spezifische Bewegung oder Haltung hervorgehoben werden. Quelle: Wikimedia Commons, Public Domain.

[1] Castro, Eduardo Viveiros de: «Perspektiventausch. Die Verwandlung von Objekten zu Subjekten in indianischen Ontologien», in: Albers, Irene; Franke, Anselm (Hg.): Animismus. Revisionen der Moderne, Zürich 2012, S. 73–93; Descola, Philippe: Jenseits von Natur und Kultur, Berlin 202– 2.

[2] Vogt, Aline: «Von Sadismus bis Seelenwanderung. Die vielfältigen Ontologien im Mensch-Tier-Verhältnis der französischen Aufklärung», in: Historische Anthropologie 33 (1), 2025, S. 52–77.

[3] Vgl. hierzu Carrington, Damian: «Humans just 0.01% of all life but have destroyed 83% of wild mammals – study», in: The Gurardian, 21.05.2018. Ritchie, Hannah und Fiona Spooner (2025): «Almost all of the world’s mammal biomass is humans and livestock», in: OurWorldinData.org. Vogt, Aline: «Zu viel Mitleid? Die Schweiz befindet über die Abschaffung der Massentierhaltung». In: Geschichte der Gegenwart, 21.09.2022. Vogt, Aline: «Wer hat Angst vor dem bösen Wolf?». In: Geschichte der Gegenwart, 27.09.2020.

[4] Vgl. u.a. Mills, Charles W.; Sebastiani, Silvia; Hund, Wulf D. (Hg.): Simianization. Apes, Gender, Class, and Race, Wien 2015; Haraway, Donna Jeanne: Primate Visions. Gender, Race, and Nature in the World of Modern Science, New York [etc.] 1989.

[5] Agamben, Giorgio: Das Offene. Der Mensch und das Tier, Frankfurt a. M. 2011; Vgl. auch Derrida, Jacques: Das Tier, das ich also bin, hg. v. Sedlaczek, Markus; Engelmann, Peter, Wien 2010.

[6] Merchant, Carolyn: The Death of Nature. Women, Ecology, and the Scientific Revolution, New York 1993.

[7] Vogt, Aline: Die Schöpfung zähmen: Mensch-Tier- und Geschlechterverhältnisse in der französischen Aufklärung, Frankfurt, Weinheim 2025, Open Access.

[8] Vgl. z. B. Roscher, Mieke: «‹What will they be doing next, educating cows?› Überlegungen zur Nutzung der Frau-Tier-Natur-Gleichsetzung», in: Witt-Stahl, Susann (Hg.): Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen. Beiträge zu einer kritischen Theorie für die Befreiung der Tiere, Aschaffenburg 2007, S. 233–253; Birke, Lynda: Feminism, Animals and Science. The Naming of the Shrew, Buckingham et al. 1994.

[9] Adams, Carol J.: The Sexual Politics of Meat. A Feminist-Vegetarian Critical Theory, New York 2015.

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