«If you had to reveal what’s inside of you, how would you do it?»

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Von Kian Amadeus H. und Sarah Calörtscher


If you had to reveal what’s inside of you, how would you do it? Mit dieser Frage beginnt das Spiel «INSIDE_OUT» und fordert das Publikum auf, sich für eine von drei Antwortmöglichkeiten zu entscheiden. Die Antwortmöglichkeiten für diese und weitere Fragen sind in Form von bewegten Bildern auf mehreren Stationen einer Videoinstallation zu sehen. Für ihre Antworten erhalten die Teilnehmenden Punkte, anhand derer sie am Schluss Persönlichkeitstypen zugeordnet werden. Das Versprechen: Wissen über sich selbst und die Welt, ein Preis, der das persönliche Wachstum manifestiert, und Vergnügen.

Das Format lässt sich beschreiben als die Kreuzung eines BRAVO-Persönlichkeitstests und der Kindershow «1, 2 oder 3», übersetzt in die Räumlichkeiten und Ko-Präsenz eines Theaters. Es knüpft an die Freude an, sich in aberwitzige Kategorien einzuordnen: Welche Disney-Prinzessin bist du? Welcher Kommunikationstyp? Welche Brotsorte? Entlang des Motivs verschiedener «Innen» und «Aussen» werden dabei Fragen von Zugehörigkeit und Ausschluss, (kollektiver) Identität und Othering verhandelt. Zudem geht es um die Relevanz und Fallstricke räumlicher Metaphern zur Sichtbarmachung von Diskriminierungserfahrungen. Ein queerer Persönlichkeitstest, der seine eigenen Prämissen ad absurdum führt. Das Spiel kreist um Häute. Hüllen. Oberflächen. Membranen. Schwellen. Ränder. Zentren. Innereien. Kerne.

Ein queerer Persönlichkeitstest, der seine eigenen Prämissen ad absurdum führt.

«INSIDE_OUT» bedient sich eines Potpourris aus Theorie und Popkultur: soziologische Konzepte kollektiver Identität (Delitz 2018), queerfeministische Überlegungen (Butler 2020, Loick 2021, Russel 2020), Crip Theory (Kafer 2013) und postkoloniale Ansätze (Said, 2002[1978]) sind darin collagiert mit Fragmenten aus Psychologie (Anzieu 1996), Sozialanthropologie (Douglas 2001[1966]) und Lyrics von Pop Songs: I am who I am. Cause you’re inside outside under my skin. Like a virus. I can feel you within.[1]

Eine Schlüsselrolle nimmt dabei Judith Butlers These einer nicht an Verwandtschafts-, Sprach- oder Landesgrenzen endenden Interdependenz und Interrelationalität ein, die Butler in The Force of Non-Violence (2020) entwirft:

«This I that I am is already social, already bound to a social world […]. I first become thinkable in the mind of the other, as You or as a gendered pronoun, and that phantasmatic ideation gives birth to me as a social creature. The dependency that constitutes what I am prior to the emergence of any pronoun underscores the fact that I depend on the ones whose definition of me gives me form. My gratitude is doubtless mixed with understandable rage. And yet, I am bound to preserve those conflicted bonds without which I myself would not exist and would not be fully thinkable.» (Butler 2020: S. 101)

«This is the conceit of language, where people assume if they can find a word to describe something, that this is the beginning of controlling it.»

Legacy Russel

Ebenfalls zentral sind Legacy Russels Überlegungen in Glitch Feminism (2020). Russel beschreibt darin, wie queere und andere marginalisierte Gruppen das Potential haben, als «Glitches» (auf Deutsch «Störungen», v.a. bei Computern) die «Betriebssysteme» unserer Gesellschaften offenzulegen (vgl. Russel 2020):

«A glitch is an error, a mistake, a failure to function. Within technoculture, a glitch is part of machinic anxiety, an indicator of something having gone wrong. This built-in technological anxiety of something gone wrong spills over when we encounter glitches in AFK[2] scenarios. Considering the systems that have been used to shape the machine of society and culture, gender is immediately identifiable as core cog within this wheel. A body that pushes back at the application of pronouns, or remains indecipherable within binary assignment, is a body that refuses to perform the score. The nonperformance is a glitch. This glitch is a form of refusal.» (Russel 2020: S. 15)

«New names are created to describe errors, capturing them and pinning down their edges for examination. All this is done in an attempt to keep things up and running; this is the conceit of language, where people assume if they can find a word to describe something, that this is the beginning of controlling it.» (Russel 2020: S. 74)

Den Denkbewegungen und Figuren dieser Texte sowie den sich wiederholenden Metaphern in der Auseinandersetzung mit (kollektiver) Identität folgend, wird das Publikum dazu angehalten, aus der eigenen Erfahrung heraus Position zu beziehen, mit Unwohlsein umzugehen, Perspektiven zu wechseln und sich selbst zwischen Grenzen, entgrenzt und ausgrenzend wahrzunehmen. «INSIDE_OUT» bietet einen experimentellen Rahmen, dem zu begegnen, was die Unterteilungen begleitet, in die Selbst, Welt und Mitmenschen geordnet werden: Die Lust, die Unausweichlichkeit, die Gewalt – und der Raum für Spiel und Veränderung.


Save the Date!

Bemerkungen

Beitragsbild: Foto © Klementine Medved.

[1] Hier sind unterschiedliche Lyrics collagiert, sie stammen aus: Virus von Björk, Inside Outside von Sophie Monk, I am Who I am von Teddy Pendergrass und eine Anspielung auf I am What I am von Gloria Gaynor.

[2] Die Abkürzung AFK steht für «away from keyboard» und wird online genutzt, um eine temporäre Abwesenheit zu kommunizieren.

Referenzen

Anzieu, Didier (1996): Das Haut-Ich. Berlin, Suhrkamp.

Butler, Judith (2020): The Force of Nonviolence: An Ethico-Political Bind. London/New York, Verso Books.

Calörtscher, Sarah; Schwabe, Kian (2023): INSIDE_OUT (Stücktext).

Delitz, Heike (2018): Kollektive Identitäten. Bielefeld, transcript Verlag.

Douglas, Mary (2001[1996]): Purity and Danger: An Analysis of Concepts of Pollution and Taboo. London, Routledge.

Kafer, Alison (2013): Feminist. Crip. Queer. Indiana University Press.

Loick, Daniel (2021): «Das Grundgefühl der Ordnung, das alle haben. Für einen queeren Begriff von Sicherheit». In: Laufenberg, Mike; Thompson, Vanessa (Hg.): Sicherheit. Rassismuskritische und feministische Beiträge. Münster, Westfälisches Dampfboot, S. 266–286.

Russel, Legacy (2020): Glitch Feminism. A Manifesto. London/New York, Verso Books.

Said, Edward W. (2003[1978]): Orientalism. London, Penguin Books.

Schwabe, Kian (2024): «Partizipation als künstlerische Strategie». In: Recht auf Wir.

Schwabe, Kian (2024): «INSIDE_OUT». In: Recht auf Wir.

Schwabe, Kian (2024): «Immersion als ‹im Affektiven wirksame Modalität von Macht›». In: In: Recht auf Wir.

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