Neue und vertraute Stimmen am 60. Montreux Jazz Festival
Von Jasmin Goll
Windmaschine und Zebra-Outfit geben nur den letzten Schliff. Durchströmt von Lebensfreude und Selbstbewusstsein schreitet die brasilianische Sängerin Liniker zu den Latinrhythmen ihrer Tracks über die Bühne des Montreux Jazz Lab. Sie tanzt Samba, twerkt, wirft die Beine nach oben, schwingt die Hüften, als gäbe es kein Morgen. Zusammen mit ihrer Band samt Bläsercombo und vier Background-Sänger*innen klettert sie in ihren Songs, die Soul, Jazz, Pop und Samba verquicken, in souligen Runs von sonoren Tiefen grazil in die Höhen. Die High-Energy Performance – die man sich ebenso von den Klimaanlagen gewünscht hätte – bringt die Menge zum Tanzen, Springen, Mitsingen, Duettieren. Liniker verbindet sich mit ihren Fans und denen, die es gerade geworden sind. Es ist ihr erster Auftritt beim Montreux Jazz Festival und der sei bedeutend für Brasiliens Geschichte, so Pianist Amaro Freitas, der in Linikers Konzert einen Gastauftritt hat. Liniker, die als erste trans Frau einen Latin Grammy Award gewann und gerade im transfeindlichen Klima Brasiliens zu den meistgestreamten Künstler*innen des Landes zählt, steht auf einer der bedeutendsten Bühnen Europas und fordert uns auf, die Geschichte des Festivals zu «leben».
Das Montreux Jazz Festival war nie nur das Festival «am Genfer See». Schon Gründer Claude Nobs in den 1960ern ging es wie seinen Nachfolger*innen immer darum, Montreux als symbolischen Ort zu verstehen: als Ort der Erneuerung, der Inspiration, der Kooperation, als Ort, an dem strikte Genre-Definitionen versagen, an dem ein «musikalisches Ökosystem» gedeihen konnte – so zumindest das Narrativ einer Ausstellung zum 60-jährigen Festival-Jubiläum dieses Jahr. Dieses Erbe und die grossen Namen des Jazz, R&B, Soul, Rock, gebannt im UNESCO-geschützten riesigen Festivalarchiv, umwehen den Genfer See bis heute – und viele Acts der 60. Jubiläumsausgabe greifen es auf, schreiben sich in diese Geschichte ein und machen das Montreux-Erbe noch vielgestaltiger und diverser.

Eröffnungsact und Host dieser Jubiläumsedition ist keine lang etablierte Legende, sondern die 28-jährige britische Sängerin RAYE, die genau auf dem Weg dahin ist. Zusammen mit einer üppig besetzten Band gedenkt sie der Festivalgeschichte mit Songs von James Brown, Ella Fitzgerald oder Prince und ihren eigenen – mit Stimmgewalt, schnell perlendem Jazz-Vibrato und unerschöpflicher Kreativität. Mit Alicia Keys und Mark Ronson als unangekündigten hochrangigen Überraschungsgästen lässt sie neue Versionen und Songs direkt auf dieser Bühne entstehen.
Diese Chance des Live-Moments, sich im Hier-und-Jetzt in die Musikgeschichte, die Montreux schreibt, einzureihen, schöpfen die Künstler*innen ganz verschieden aus. Permanent mit Basecap und Sonnenbrille, zwar cool aber auch etwas distanziert, geht KWN (ausgeprochen: kay one) auf der Bühne des Jazz Lab gemächlich von links nach rechts. Nonchalant und genussvoll besingt die Künstlerin, die sich selbst als «girl who likes girls» bezeichnet und genaue Labels für sich eher zurückweist, in Tracks wie «Risk It All», «Touch Myself» oder «Good Girl» sexuelle Lust und Masturbation. Sie gibt dem Teil des Publikums, das bei diesem Doppelkonzert eher für den zweiten Act (Sienna Spiro) gekommen ist, unverblümt zu verstehen: «If you don’t know me, my songs are about sex.» Sie formt R&B-typische Runs à la Chris Brown und spielt durch Samples wie Nellys «It’s Getting Hot in Here» oder «Pony» (neu bekannt geworden durch den Stripperfilm «Magic Mike») mit machohafter, sexualisierter Maskulinität, die auf ihre Lyrics zu queerem Begehren treffen. Autotune ist für ihre Musik essenziell: Sie nutzt es als kreatives Tool, um ihren Tracks die kantenlosen flowigen Melodien zu verleihen, die sie auszeichnen. Autotune läuft daher verständlicherweise in Echtzeit mit, was ihre Performance leider zur Wiedergabe eines Tracks werden lässt. So büsst sie ein Moment des Unerwarteten, des Improvisatorischen ein, was Montreux als Ort für kreative Spontaneität doch gerade ausmacht.
Diese Chance des Live-Moments, sich im Hier-und-Jetzt in die Musikgeschichte, die Montreux schreibt, einzureihen, schöpfen die Künstler*innen ganz verschieden aus.
Das Festival untersagt eigentlich das Mitfilmen und Fotografieren der Konzerte, verweist eben genau auf das Im-Moment-Sein. Aber natürlich wird der Auftritt von Tyla von Smartphones umringt, weil er fast wie ein Musikvideo daherkommt. Die südafrikanische Sängerin, bekannt geworden durch den Track «Water» samt TikTok-Dance-Challenge, liefert in Montreux eine durchchoreografierte Pop-Performance. Sie hat zum globalen Boom von Amapiano beigetragen, dem südafrikanischen Genre mit seinen charakteristischen Log Drums, das vor allem durch weibliche Akteurinnen vorangetrieben wird. Tylas Musik verbindet Amapiano mit der R&B-Ästhetik der 2010er und ist vor allem Rihanna stark verhaftet. Ohne Musiker*innen auf der Bühne, stattdessen mit einer Horde Tänzer*innen legt sie eine spektakuläre Show hin, die mit riesigen Videoprojektionen im Hintergrund wie ein perfektioniertes R&B-Musikvideo, ja gar wie ein Werbefilm daherkommt. Man wünscht sich auch hier noch mehr Mut zu Kreativität und Musikalität, die im Moment entsteht.

Selbstbewusst zeigen sich die cis-männlichen Künstler, die in der zweiten Festivalwoche im Auditorium Stravinski auftreten. Zumindest äusserlich gibt der US-amerikanische R&B-Sänger GIVĒON den bossy Star. In Anzug, Lederhandschuhen und seinem signature-Pelzmantel, den er lässig über die Schultern legt, sowie der Live-Übertragung der Bühne in elegantem Schwarzweiss, spielt GIVĒON visuell mit Justin Timberlakes «Suit & Tie»-Ära der 2010er Jahre. Zunächst performativ etwas hölzern und unsicher dreht er dem Publikum immer wieder den Rücken zu und dirigiert seine Band mit ausgebreiteten Armen. Stimmlich verbindet er etwa die Eleganz eines Frank Sinatra mit der tief-sonoren, warmen Stimmfülle eines Barry White. In seinen Songtexten zeigt er jedoch Zerbrechlichkeit und betont auf der Bühne, wie vulnerabel er sich als Mann fühlt, über solche Gefühle zu singen. Mit seiner sanften Stimme, die leider manchmal in der Abmischung und dem dominanten Schlagzeug untergeht, füllt er seine Herzschmerz-Songs wie «Heartbreak Anniversary» und wird von kreischenden Fans bejubelt.
John Legends Konzertdramaturgie, «A Night of Songs and Stories», schildert mit einer fast Powerpoint-artigen Projektion seinen Lebensweg. Das hat ein paar Längen und kommt trotz Augenzwinkern manchmal etwas prahlerisch daher, etwa wenn er schildert, wie er sich den «Legendenstatus» einst selbst in den Namen schrieb, beim ersten Plattendeal abgezockt wurde, aber später Grammys erhielt. Er thematisiert aber auch schwierige Lebensphasen sowie sein soziales Engagement und umhüllt das Publikum mit seinem samtigen und souligen Stimmklang. Permanent am Klavier sitzend improvisiert er, spielt virtuos mit seiner Stimmmasse und den vielen Stimmfarben, die ihm zur Verfügung stehen. Durch seine prägenden Kindheitsjahre in einer Pentecostal Church in Ohio weiss er das Publikum durch «Call and Response» zum Mitschwingen und Duettieren zu bringen.
Viele der Musiker*innen, die in Montreux auftreten, würden ihr letztes Hemd für die Musik geben.
Viele der Musiker*innen, die in Montreux auftreten, würden ihr letztes Hemd für die Musik geben. Den Eindruck hat man zumindest bei den Konzerten der Soul-Sängerinnen aus Grossbritannien, Sienna Spiro und Sasha Keable. Wie auch RAYE knüpfen die beiden klar an Soul-Grössen der 60er wie Aretha Franklin, Nina Simone oder Etta James an, die alle Montreux mitgeprägt haben. Alle standen sie schon in ihrer Zeit für Black Empowerment und Feminismus mit ihren Lyrics, ihrem Engagement und nicht zuletzt ihren kraftvollen Stimmen ein. An Sasha Keables sämige stimmliche Textur, die eine dunkle, roughe Farbe in den R&B der 2020er einbringt, sowie ihrem permanent flatternden Vibrato kann man sich gar nicht satt hören, so grossartig ist das. Trotz ihres resoluten, selbstbewussten Auftretens gibt sie gleich zu Beginn ihres Gigs ihre frische Trennung von ihrer Freundin zu und sucht nach queerer Solidarität im Publikum.
Die 20-jährige Sienna Spiro would «die on this hill», wie ihr bekanntester Song sagt. Und zwar in ihrer charakteristischen Tongebung – rau, heiser, on the edge, als würde jede Emotion nochmal durch ihren Körper fahren und ihr vielleicht im nächsten Moment die Luft abschnüren. Die Echtheit und Ernsthaftigkeit dieser Emotionen, die sie mit uns teilt, macht den Live-Moment aus. Ihre Song-Arrangements (etwa «Need Me») und die Präsenz ihrer Stimme erinnern an Adele. Sie selbst erwähnt explizit den denkwürdigen Auftritt von Nina Simone in Montreux vor 50 Jahren. Spiros Konzert fühlt sich trotz ihrer stimmlichen Präsenz an wie ein Sepia-Foto, das von einem Film von Nostalgie und Vintage-Optik überzogen ist. Diese Nostalgie hat aber nichts Verstaubtes, sondern etwas Dankbares gegenüber den Künstlerinnen, die vor ihr den Weg hierhin geebnet haben – in Montreux, wo Geschichte eben weitergeschrieben wird.
Beitragsbild: Liniker am 60. Montreux Jazz Festival, 2026. Foto © Emilien Itim.




