Von Louisa Behr
Uno, Due, Tre: Schon Kay Matters simple Nummerierung der klimaktisch angelegten, dreiteiligen Theaterserie auf Italienisch erweckt in mir die Sehnsucht nach diesem Lebensgefühl, das sich einstellt, sobald ich mit dem Auto die erste Mautstation passiere und weiss: Ich bin auf dem Weg in die Ferien und werde von nun an Kilometer um Kilometer von italienischen Autos überholt, deren Fahrer*innen stets zu wissen scheinen, wo die Blitzer platziert sind. Da schleiche ich also mit meinem Schweizer Nummernschild die Autostrada entlang, trinke Espresso im Autogrill und merke, wie sich langsam eine gewisse Leichtigkeit in mir ausbreitet.
Ich vermute, dass es dem Protagonist Matteo aus Matters Trilogie «Stützliwösch Supertrans», die in der Spielzeit 2025/26 im Schauspielhaus Zürich Premiere feierte, anders geht. Matteo befindet sich mit seinem Vater Aldo und dem Chihuahua Ernesto ebenfalls auf der Autostrada in Italien. Statt in die Ferien begleitet er allerdings seinen Vater in das kleine katholische Heimatdorf – und zwar zum ersten Mal, seit Matteo seine hormonelle Transition begann. Bei seinem letzten Besuch wurde er noch als Isabella angesprochen und umging das Trans-Thema. Seit Matteo sich allerdings sichtbar verändert, kann und will er es nicht mehr vermeiden.
Zwei sich verändernde Körper, gefangen in einer Familiendynamik, aus der sie sich zu lösen versuchen.
Während «Uno» noch ein langsamer Roadmovie ist, bei dem Vater und Sohn ihre Beziehung zueinander aushandeln, entwickelt sich in «Due» und «Tre» rasant ein dynamisches Dorfdrama. Jede der drei Folgen wurde von einer anderen Regieposition inszeniert, die zwar je eigene Handschriften mitbrachten, sich aber dennoch auf einen roten Faden einigten. Matteos Konfrontation mit den entsetzten Nonnas wird im Laufe der Serie ebenso thematisiert wie Aldos Auseinandersetzung mit dem Altern und dessen körperlichen und finanziellen Konsequenzen – zwei sich verändernde Körper, gefangen in einer Familiendynamik, aus der sie sich zu lösen versuchen. Die Trilogie zeigt eine Trans-Coming-of-Age Geschichte, die sich komplexen Themen mit stilistischen Mitteln queerer Popkultur und Gen-Z-Ästhetik annähert.


Gleich am Anfang des ersten Teils muss Matteo auf dem Beifahrersitz schmunzeln, als die beiden an einem Lastwagen der Supertrans GmbH mit entsprechendem Schriftzug vorbeifahren. Der Ausgangspunkt der Geschichte ist gesetzt, als Aldo nicht versteht, was der Name der internationalen Spedition mit seinem Sohn zu tun hat. Auch für das Publikum ist der Ausgangspunkt gesetzt und wir verstehen, dass Matter und die Regisseur*innen mit queeren Alltagsreferenzen arbeiten. In allen drei Teilen werden Momente inszeniert, in denen Matteo etwas amüsant oder verwirrend findet, wovon Aldo wiederum gar keine Notiz nimmt – Matteo quittiert die Situation dann mit überzeichnetem Augenverdrehen und einem lauten «Ach, Papa». Das Spiel mit queerer Popkultur und heteronormativem Nichtverständnis zieht sich dramaturgisch durch «Stützliwösch Supertrans». Das übertriebene schauspielerische Ausagieren der Klischees dient dazu, sie als solche zu markieren.
Beispielsweise als die kleine Reisegruppe an einem Autogrill Halt macht und der mit hypermaskulinen Attributen ausgestattete Barista Matteo auscheckt, weil er ihn vermutlich als Twink liest, arbeitet die Inszenierung mit Codierungen queerer Subkultur. In einer anderen Szene teilen sich Matteo und sein Vater ein Zimmer in einem Motel – während Aldo tief und fest schläft, ist sein testosteronbedingt libidinöser Sohn auf einer schwulen Datingapp unterwegs. Matteo, der vor seiner Transition lesbisch lebte, ist augenscheinlich überfordert von schwuler Datingkultur und dem inflationären Gebrauch von Auberginen- und Wassertropfenemojis. Das Publikum liest die fingierten sexuell aufgeladenen Chats über eine Projektion im Bühnenraum mit. Die Herausforderungen, die Matteos Transition für seine ehemals lesbische Beziehung bedeutet, werden am Rande mitverhandelt – vordergründig thematisiert Matter Matteos aufkeimendes schwules Begehren sowie das daraus resultierende Gefühlschaos. In der Datingappsequenz und vielen anderen Szenen bedient sich «Stützliwösch Supertrans» szeneinterner Klischees lesbisch-schwuler Dating- und Sexkultur.
Ein cleveres Angebot für das Kennenlernen queerer Lebensrealitäten, das die Perspektiven von Angehörigen, die selbst nicht queer sind, miteinbezieht.
Die Dynamik im Publikumsraum entwickelt sich entlang zweier Gruppen: die Insider und die Outsider. Die queeren Besucher*innen, die bei entsprechenden Szenen laut auflachen, und diejenigen, die bisher weniger Berührungspunkte mit queerer Kultur haben. Sie werden weder exkludiert noch belehrt, sondern eingeladen gemeinsam mit Matteos Vater das bisher Unbekannte kennenzulernen. Die Figur Aldo fungiert wie ein Spiegel, denn er weiss mit gewissen Begrifflichkeiten, Styles, Avancen und Witzen auch nichts anzufangen. Wir schmunzeln derweil über Matteos Drag Performance, mit der er zugleich seinen ehemaligen Vornamen, den sogenannten «Deadname», beerdigt. Wenn es auf der einen Seite ein Spiel mit Codierungen queerer Subkultur gibt, dann gibt es auf der anderen Seite stets den Aufklärungsmoment für Aldo. Matteos Trans-Coming-of-Age Geschichte zeichnet das Neu-Kennenlernen zwischen Vater und Sohn in all seinen Facetten von Trauer, Wut, Schuld, missglückten Unterstützungsversuchen und allmählicher Annäherung nach. Darüber hinaus ist sie aber auch ein cleveres Angebot für das Kennenlernen queerer Lebensrealitäten, das die Perspektiven von Angehörigen, die selbst nicht queer sind, miteinbezieht.
«Stützliwösch Supertrans» schafft es, sich auf dem schmalen Grat zwischen didaktischer Vermittlung queerer Kultur und exkludierender Blossstellung der Nicht-Wissenden zu bewegen. Trotz humorvollem Unterton verliert die Trilogie die Ernsthaftigkeit der Thematik nicht aus dem Blick und genau darin liegt ihre Stärke. Die drei Teile vermögen es, einen Raum von und für queere Personen zu gestalten, der schwungvoll alle mitnimmt, die sich darauf einlassen wollen.
Beitragsbild: STÜTZLIWÖSCH SUPERTRANS UNO, Schauspielhaus Zürich. Foto © Philip Frowein.



