Monster, Gewalt und Widerstand in Emil Ferris’ Comics
Von Sophie Bürgi
Kinderprostitution, Mord und die Nachwirkungen der Shoah: Emil Ferris’ Werke My Favorite Thing Is Monsters, Band 1 (2017) und 2 (2024) sind keine leichte Kost. Genau und kritisch schildert sie darin die Gewalt, der marginalisierte Menschen im Chicago der 1960er Jahre ausgesetzt waren. Im Gespräch mit Annette Gehrig, Direktorin des Cartoonmuseums, und Dominique Grisard von Art of Intervention erzählt sie im Literaturhaus Basel aus ihrem Leben, von ihrem Werk und ihrer aktuellen Ausstellung Between Selves im Cartoonmuseum Basel.
Hexenhaft, wertschätzend und charismatisch
Als Kind habe Emil Ferris kein Geld für neues Spielzeug gehabt. Stattdessen sei sie in die Heilsarmee gegangen, die eine riesige Kiste mit billigem, gebrauchtem Spielzeug bereitstellte. Alle Sachen darin waren schon beschädigt – so habe sie die Figuren einfach neu zusammengesetzt, Arme und Beine, Bäuche und Hüte ganz nach ihrer Fantasie verbunden. Sie habe dies als eine grosse Freiheit empfunden, der sie auch heute noch nachgeht: Ihr Studio sei voller solcher Figuren. Einige davon sind auch in der Ausstellung zu sehen.
Bereits bei der sommerlichen Vernissage im Cartoonmuseum, die sie mit einem schwarzen Hexenhut bestritt, fiel mir Ferris’ charismatische, bescheidene Art auf. Sie trägt eine grosse Wertschätzung in sich für die Arbeit, die Menschen rund um die Ausstellung für sie leisten. So erwähnt sie im Gespräch im Literaturhaus sichtlich gerührt, wie beeindruckt sie von der Ausstellungsgestaltung durch Anette Gehrig war: «I don’t cry but I could. (…) I feel seen by her.»[1]
Bevor sie die erste Stelle aus dem Comic vorliest, gibt sie zu bedenken, dass sie «ihre Karen» nicht geübt habe – der folgenden lebhaften Performance ist dies jedoch in keiner Weise anzumerken. «Ihre Karen», damit ist die Hauptfigur gemeint, die Ferris für ihre Bücher entwickelte. Doch dazu später mehr.
I think as I draw!
Emil Ferris
Wie Ferris zum Comic kam
Ihren ersten Comic kreierte Emil Ferris mit über 50 Jahren, als die US-amerikanische Illustratorin und Spielzeugdesignerin das Zeichnen nach einer schweren Erkrankung wieder neu lernen musste. Damals realisierte sie: «I think as I draw!»[2], wie sie im Gespräch erzählt. Das Zeichnen sei für sie deshalb essenziell gewesen, um wieder zurück zu ihrem Denken zu finden. Am Anfang stehe immer die Zeichnung, dann folge der Text. Sie beginne mit einer Zeichnung, die sie selbst oder ihre Leser*innen vielleicht gerne sehen würden, erklärt sie. Meistens hasse sie ihre Zeichnung ungefähr bis zum ersten Drittel des Prozesses: Wichtig sei, dass man dann nicht aufhöre, sondern einfach weitermache. Fehler gehören bei ihr zum Prozess dazu: «Let the mistakes guide you somewhere!»[3]
Protagonistin von Ferris Bücher ist das Werwolf-Mädchen Karen, das im Chicago der 1960er Jahre den Tod seiner Nachbarin und Holocaustüberlebenden Anke detektivisch erforscht. Gezeichnet ist das Werk mit Kugelschreiber – so, wie Emil Ferris bereits als Kind kreativ tätig war. Sie habe nur ein liniertes Notizbuch sowie einen blauen und einen schwarzen Kugelschreiber gehabt. Dieses «humble set of tools»[4] hätten ihr die Freiheit gegeben, ihren eigenen Raum zu kreieren, die Linien des Buches und der Gesellschaft zu durchbrechen. «Karen is braver and smarter than me»[5], berichtet Ferris über ihre Hauptfigur. Gleichzeitig sind die Figuren stark von ihrem Aufwachsen im Chicago der 60er Jahre inspiriert.
Das Monströse als Überlebensstrategie
Eine gruselige Stimmung charakterisiert die Grossstadt in Ferris’ und Karens Kindheit: Pompöse Theater und Kinos wurden dem Zerfall anheimgegeben. «The vampires moved in: The real estate developers»[6], scherzt Ferris. Mord und sexualisierte Gewalt waren Teil ihres Alltags. Im Umfeld der Autorin waren mehrere Menschen direkt von den Taten von Serienmördern betroffen, und in ihrer Nachbarschaft sah sie immer wieder Kinderprostitution: «This horror was part of our lives»[7]. In ihrem fiktiven Comic nutzt Ferris ihren lebhaften, plastischen Stil, um den Horror besser erträglich zu machen: «I took most of the horror out of my book»[8].
Monster waren für sie eine Art, sich selbst zu finden und in einer diskriminierenden Welt zu behaupten.
Gleichzeitig war das Horrorgenre für sie in ihrer Jugend ein Ort der Repräsentation. Als queere Person mit Behinderung habe sie ihre Lebensrealität nie in Dramen oder Romanzen gespiegelt gesehen, sehr wohl aber in Horrorfilmen und -Comics. So erinnert sie sich genau an die Andeutung eines lesbischen Kusses in einem Vampirfilm über Draculas Tochter, der ihr ein Bild dafür gegeben habe, was sie damals für ein anderes Mädchen empfand: «Horror helped me begin to understand myself»[9]. Als Kind habe sie sich stark mit der Figur des Werwolfs Larry Talbot identifiziert, der anders war und als monströs wahrgenommen wurde, genau wie sie. Monster waren für sie eine Überlebens- und Widerstandstrategie, eine Art, sich selbst zu finden und in einer diskriminierenden Welt zu behaupten.
Künstlerische Perspektiven auf Gewalt
Die Figur Deeze, der grosse Bruder von Karen, sei stark von ihrem Vater inspiriert. Er arbeitete als Künstler und besass umfassendes kunsthistorisches Wissen, gleichzeitig sprach er wie ein «truck driver», ein Lastwagenfahrer. Ferris habe als Kind sehr offen mit ihm über Kunst diskutieren können. Sie verbrachte zudem viel Zeit im Art Institute of Chicago. Dieses nimmt im Comic eine prominente Rolle ein, der viele berühmte Werke aus dessen Museum zeigt, etwa das Gemälde der heroischen biblischen Figur Judith von Jan Sanders van Hemessen (ca. 1540), die den General Holofernes enthauptete. Sie ist als riesige Zeichnung auch im Cartoonmuseum ausgestellt – für Ferris symbolisiert sie den Bruch, die subversive Veränderung, den Widerstand, der unerlässlich wird, wenn die eigenen Grenzen gewaltsam überschritten wurden.

Enthauptete Figuren sind im Comic ebenfalls ein wiederkehrendes Element. So ist zum Beispiel in einem Bild neben Karen eine kopflose Person versteckt. Ferris setzt solche unheimlichen Gestaltungselemente bewusst sein, um auf Gewalterfahrungen hinzuweisen, in diesem Fall Kinderprostitution und sexuelle Übergriffe. Sie ist selbst Überlebende von sexuellem Missbrauch und erzählt, warum sie diese Erfahrung als eine Enthauptung darstellt: Man könne nicht mehr denken und müsse einen Weg zurück finden ins eigene Selbst.
«Creating another world is the solution!»
Für Ferris sind Museen zentrale Orte, um über sich selbst und die Gesellschaft nachzudenken, oder, wie sie es formuliert: «To come to a conclusion by yourself that the culture hasn’t agreed on»[10]. Deshalb sei das Art Institute so prominent in ihren Comics vertreten. Und deshalb sei sie begeistert von Basels Museumskultur, berichtet sie voller Freude.
Sie sehe ihre Aufgabe als Künstlerin darin, Dinge in Opposition zur Realität zu imaginieren, alternative Welten und Communities zu schaffen in dieser krisenhaften Zeit: «Creating another world is the solution!»[11]. Wir dürfen gespannt sein, welche gespenstischen und empowernden Welten sie uns in ihrem nächsten Comic – eine Vorgeschichte zu My Favorite Thing Is Monsters – eröffnen wird.
Save the Date!
Dana Von Suffrin: Toxibaby
Die letzte Veranstaltung der Serie «Körper erzählen»
Mi, 21.10., 19 Uhr | Literaturhaus Basel | DE
Emil Ferris: Between Selves
Noch bis am 15.11. | Cartoonmuseum Basel
Bemerkungen
Beitragsbild: Portrait von Emil Ferris. Foto: Derek Li Wan Po, © Cartoonmuseum Basel, «Emil Ferris. Between Selves», 2026.
[1] Auf Deutsch: «Ich weine nicht, aber ich könnte. (…) Ich fühle mich von ihr gesehen.» Alle Übersetzungen durch die Redaktion.
[2] Auf Deutsch: «Ich denke durch das Zeichnen!»
[3] Auf Deutsch: «Lass dich von den Fehlern leiten!»
[4] Auf Deutsch: «Bescheidene Werkzeug-Set».
[5] Auf Deutsch: «Karen ist mutiger und klüger als ich.»
[6] Auf Deutsch: «Die Vampire zogen ein: Die Immobilienentwickler».
[7] Auf Deutsch: «Dieser Horror war Teil unseres Lebens».
[8] Auf Deutsch: «Ich entfernte den grössten Teil des Horrors aus meinem Buch».
[9] Auf Deutsch: «Das Horror-Genre half mir, damit zu beginnen, mich selbst besser zu verstehen».
[10] Auf Deutsch: «Um eigenständig zu einer Schlussfolgerung zu gelangen, auf welche sich die Kultur noch nicht geeinigt hat».
[11] Auf Deutsch: «Die Lösung besteht darin, eine andere Welt zu erschaffen!»




