Jede Geburt eine Einzelausstellung

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galerie asterisk*: ein feministischer Platzhalter im Lebenslauf

Von Karin Lustenberger im Gespräch mit Christina Stark


Die Vereinbarkeit von Kunst und Care-Arbeit ist im Kulturbetrieb nach wie vor von strukturellen Ungleichheiten geprägt. Die Mitgliederbefragung «Kunst und Kind» des Berufsverbands Visarte zeigte bereits 2018 deutlich auf, unter welchem Druck viele Kunstschaffende mit Fürsorgeverantwortung stehen. Dies zeigte sich besonders eindeutig an der Feststellung, dass Künstler*innen aus Angst vor finanzieller Unsicherheit oder einem Karriereeinbruch bewusst auf Kinder verzichteten.

Gerade im vermeintlich progressiven Kunstfeld werden damit Mechanismen sichtbar, die Fürsorgearbeit bis heute erschweren: prekäre Arbeitsbedingungen, mangelnde soziale Absicherung, projektbasierte Förderlogiken und die anhaltende Erwartung permanenter Sichtbarkeit. Themen wie Fair Pay, Chancengleichheit oder Diversitätsförderung gewinnen deshalb zunehmend kulturpolitische Relevanz.

Wer für Angehörige sorgt, hat es im Kunstbetrieb schwer, eingebunden und sichtbar zu bleiben.

Die Kunstwissenschaftlerin Larissa Kikol formuliert es treffend: «Nicht die Mütter müssen sich ändern, sondern die Welt um sie herum.»[1] Aber trotz neuen Mindsets und Absichtserklärungen existieren bis heute nur wenige konkrete Strukturen, die die Vereinbarkeit von künstlerischer Praxis und Elternschaft nachhaltig unterstützen. Es zeigt sich, dass die mangelnde Vereinbarkeit von künstlerischer Arbeit und Fürsorgeverantwortung Menschen je nach Geschlecht, sozialer sowie kultureller Herkunft und Familienform unterschiedlich stark trifft. So kommt es, dass die mangelnde Vereinbarkeit von künstlerischer Arbeit und Fürsorgeverantwortung die Inklusivität von Kunsträumen und damit die Diversität von Kunstschaffenden negativ beeinflusst. Grundlegend gilt: Wer für Angehörige sorgt, hat es im Kunstbetrieb schwer, eingebunden und sichtbar zu bleiben. Das beeinflusst, welche Werke und Perspektiven gesellschaftlich wahrgenommen und welche Narrative von wem, aber auch für wen, getragen werden. Aus dieser Erkenntnis heraus entstehen künstlerisch-aktivistische Projekte, die diese eingeschränkte Präsenz thematisieren und dafür einen kritisch-spielerischen Umgang finden.

Eines dieser Projekte ist die galerie asterisk*, initiiert von der Berliner Künstlerin Christina Stark. Die Online-Galerie funktioniert als einfache partizipative Intervention: Für jedes geborene Kind kann eine kunstschaffende Mutter rückwirkend eine virtuelle Einzelausstellung erhalten. Durch das Einreichen eines Bildes entsteht ein wachsendes Ausstellungsarchiv, das Künstler*innen kollektiv verbindet. Im Gespräch erzählt Christina Stark von der Entstehung der Galerie Asterisk*, vom «Dranbleiben» zwischen Kunst und Care-Arbeit und davon, weshalb öffentliche Wahrnehmung nicht ausschliesslich von «geleisteter Präsenz» abhängen darf.

Christina, die galerie asterisk* wird oft als Beispiel genannt, wenn über Care-Arbeit und die berühmten «Lücken» in künstlerischen Lebensläufen gesprochen wird. Wie ist das Projekt entstanden?

Mir persönlich war es immer elementar, meine künstlerische Praxis weiterzuführen, während meine Kinder noch klein waren. Ausgehend von der Bildhauerei entdeckte ich Sprache als zwischenmenschliches, skulpturales Material. Deshalb entschloss ich mich damals zu einem Linguistikstudium. Es gab mir eine äussere Struktur, die sich dem Familienleben gegenüber einfacher verteidigen liess. Zugleich bot mir das Studium einen Raum für Weiterentwicklung, die meine künstlerische Position stärkte.

Ohne die Kinder in der Vita nennen zu müssen wird deutlich, dass ich andere zeitliche und örtliche Bedingungen habe. Daraus entstand die Idee: Warum nicht genau diese Zeit sichtbar machen?

Die ganze Kraft floss in dieses «nicht aufgeben, nicht loslassen, sondern weiterarbeiten» und dadurch weniger in öffentliche Ausstellungen. Meine Vita war mehr oder weniger leer, rückblickend steht nur ein Stipendium in der Zeit drin: im Künstlergut Prösitz, eine der ersten Residencies mit Kinderbetreuung. Rundherum blieb jedoch vieles unsichtbar. Dieses Stipendium erklärt genau diese Leere drumherum, ohne die Kinder in der Vita nennen zu müssen wird deutlich, dass ich andere zeitliche und örtliche Bedingungen habe. Daraus entstand die Idee: Warum nicht genau diese Zeit sichtbar machen? Warum nicht die Geburt eines Kindes selbst zur Einzelausstellung krönen?

2020 erhielt ich vom Berufsverband Bildender Künstlerinnen Berlin eine Förderung für den Aufbau eines Webauftritts. Mit diesen Ressourcen konnte ich gemeinsam mit einem Webentwickler die Intervention galerie asterisk* realisieren.

Die galerie asterisk wirkt gleichzeitig humorvoll und sehr politisch. War das von Anfang an so gedacht?

Ja, absolut. Für mich war das Projekt eine Art Befreiungsschlag. Ich merkte irgendwann, wie viel Kraft ich zusätzlich in politische Arbeit und strukturelle Kämpfe investiere und dass diese Kraft wiederum meiner eigenen künstlerischen Arbeit fehlt. Mit der galerie asterisk* konnte ich beides verbinden.

Gleichzeitig steckt darin natürlich auch Humor. Ich schleiche uns ja ein und untergrabe die Idee, dass kontinuierliche Sichtbarkeit und Einzelausstellungen so unglaublich wichtig sind.

Du würdest trotzdem eher davon abraten, Mutterschaft direkt im künstlerischen CV sichtbar zu machen. Warum?

Ich bin da nicht ganz eindeutig, aber finde schon, dass es privat ist und nicht in die Vita gehört. Ausserdem ist die Diskriminierung real. Bei Männern wird Familie oft positiv gelesen. Bei Frauen ist das anders. Wenn ich als Frau Kinder im Lebenslauf angebe, wird sofort mitgedacht, dass ich weniger verfügbar bin. Deshalb wollte ich keine direkte Markierung schaffen, sondern eher einen subtilen Platzhalter. Wer wissen möchte, was galerie asterisk* ist, kann nachschauen. Und wer nicht nachschaut, sieht einfach eine Einzelausstellung.

Wenn ich als Frau Kinder im Lebenslauf angebe, wird sofort mitgedacht, dass ich weniger verfügbar bin. Deshalb wollte ich keine direkte Markierung schaffen, sondern eher einen subtilen Platzhalter.

Das Subtile scheint generell wichtig für deine Arbeit zu sein?

Ja. Mich interessiert diese Ambivalenz. Die Galerie macht einen Missstand sichtbar und schafft gleichzeitig eine Art Sichtschutz. Ich wollte nie eine moralische Forderung formulieren, sondern eher eine Verschiebung. Einen kleinen Eingriff in die üblichen Strukturen.

Die Galerie funktioniert bewusst sehr einfach. War das auch Teil des Konzepts?

Total. Wir sind alle ausgelastet mit Care-Arbeit, Geldverdienen und Kunst. Deshalb musste die Struktur möglichst einfach sein. Die Website ist bewusst reduziert aufgebaut. Ich überprüfe eigentlich nur kurz, ob die Person existiert und künstlerisch arbeitet. Mehr nicht.

Mittlerweile gibt es mehrere hundert Einzelausstellungen in der Galerie. Was bedeutet dir dieses Archiv?

Das Archiv macht die Ausstellungen auffindbar. Vielleicht taucht irgendwann in einer Jury-Situation mehrmals der Name galerie asterisk* auf und jemand fragt sich: Was ist das eigentlich? Genau das interessiert mich, dass rund um diese «Lücke» plötzlich ein Zusammenhang sichtbar wird.

Du sprichst oft vom «Dranbleiben». Warum ist dieser Aspekt so wichtig?

Weil genau das die eigentliche Arbeit ist. Viele arbeiten weiter, obwohl die Bedingungen schwierig sind. Dieses Weitermachen wird aber selten sichtbar gemacht oder anerkannt. galerie asterisk* versucht genau das sichtbar zu machen – nicht heroisch, sondern eher still.

Du hast später auch weitere Interventionen entwickelt, etwa solidary:WE. Was interessiert dich an solchen selbstorganisierten Formaten?

Mich interessiert, wie wir uns gegenseitig stärken können – wie durch kleine solidarische Gesten Strukturen entstehen. Bei solidary:WE ging es beispielsweise darum, eigene Ressourcen weiterzugeben: ein Atelier, ein Stipendium, Sichtbarkeit. Fast wie kleine Hacks innerhalb des Systems der Kunst- und Kulturbranche.

Heute arbeite ich an einem ähnlichen Projekt, einer selbstorganisierten kollektiven Kunstsammlung. Wie bei galerie asterisk* geht es darum, bestehende ausschliessende Strukturen zu unterlaufen und anzueignen, hier arbeite ich mit den Mechanismen öffentlicher Kunstankäufe – allerdings als kollektive Praxis.

«Asterisk» steht namentlich für das Sternchen-Symbol (*). Hast du eine leuchtende Vision, die du dir mit dem Projekt in Zukunft wünschst?

Ja, für mich wäre es schön, wenn die Galerie sich verselbständigt und zu einem Begegnungsraum würde. Spannend fände ich es, wenn losgelöst von mir asterisk*-Kunstschaffende sich über die Galerie hinaus zusammentun und kleine soziale Netze aufbauen, ein gemeinsames Ausstellungsprojekt umsetzen, miteinander kollaborieren würden. Oder was hiesse es, die Galerie einmal auf einer Kunstmesse zu präsentieren. Wer präsentiert und was und wie?

Vielen Dank für das spannende Gespräch.


Christina Stark ist Künstlerin und Linguistin. Sie lebt in Berlin und ist vernetzt mit Aktivistinnen von kunst+kind berlin und kunst+care – faire share! Sichtbarkeit für Künstlerinnen. Stark arbeitet überwiegend mit partizipativen künstlerischen Interventionen. Meist mit dem Fokus auf sprachlicher Interaktion will sie Verbindung, Austausch und Netzwerk in spielerischer und alltäglicher Weise provozieren und etablieren. Sie schafft Situationen und Räume für gemeinsames Denken, geteilte Fürsorge, geteilte Autor*innenschaft.

Fussnote

[1] Bosbach, L., Ristow, S. und U. Theißen: kunst + care: Fürsorge als Chance und Risiko im aktuellen Kunstbetrieb, 2025, S. 66.

Referenzen

Beitragsbild: Screenshot der galerie asterisk*, 2026.

1. Sablonier, P.: Kurzbericht zur Auswertung der Mitgliederumfrage «Kunst und Kind». Zürich: Visarte Schweiz, 8.12.2018.

2. Bosbach, L., Ristow, S. und U. Theißen: kunst + care: Fürsorge als Chance und Risiko im aktuellen Kunstbetrieb, 2025.

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