Gewalt in Partnerschaften und ihre Verstärkung in sozialen Medien
Es ist ein regnerischer Sonntagabend. Im ROXY findet die letzte Aufführung von «LIARS» statt. Entwickelt wurde das Stück von Henrike Iglesias, einem zwischen Berlin und Basel tätigen Kollektiv, in Zusammenarbeit mit Olympia Bukkakis und Olivia Hyunsin Kim. Das Regenwetter passt zur Schwere der Thematik: sexualisierte und geschlechtsspezifische Gewalt in Beziehungen und ihre Verstärkung in den sozialen Medien am Beispiel des Gerichtsprozesses von Johnny Depp gegen Amber Heard. Wohlgemerkt: diese findet genauso an helllichten Sonnentagen statt.
Die Mitarbeitenden des ROXY, allen voran Zarah Mayer und Nele Gittermann, haben diesen Abend sorgfältig vorbereitet. Bevor es losgeht, gibt es im Foyer eine Einführung über das, was das Publikum zu erwarten hat – eine Relaxed Performance mit Audiodeskription, Kopfhörern, intensiven Momenten von Licht und Dunkelheit und die Thematisierung sexualisierter und körperlicher Gewalt gegen FLINTA-Personen. Die Ansprechperson der Opferhilfe Basel wird vorgestellt, die designierte Awareness-Person des Abends auch. Zudem wird auf das Kinderbetreuungsangebot an diesem Abend und auf die Möglichkeit zum «early boarding» hingewiesen: wer etwas mehr Zeit wünscht, um sich im Aufführungssaal zurecht zu finden, kann den Raum etwas früher betreten. Ich bin beeindruckt vom ernsthaften, einfühlsamen Engagement, diesen Abend möglichst barrierearm zu gestalten.
Ich nehme neben Anne-Béatrice Schmaltz Platz, Co-Geschäftsleiterin ad interim von Frieda und Leiterin der Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» in der Deutschschweiz. Art of Intervention hatte Schmaltz eingeladen, im Anschluss zusammen mit den Performer*innen über das Stück und geschlechtsspezifische Gewalt in der Schweiz zu sprechen. Dass die Situation bezüglich letzterem gelinde gesagt mangelhaft ist, konnte Schmaltz auch ohne den Tiefpunkt des darauffolgenden Tages eindrücklich schildern. Da wusste sie noch nicht, dass sich der Nationalrat am Montag gegen eine zusätzliche Million (insgesamt 8.2 Millionen Franken) zur Bekämpfung der Gewalt gegen Frauen entscheiden würde. «Schafe haben mehr Priorität als Frauen», empörten sich Tamara Funiciello und andere Politikerinnen, da in derselben Sitzung für den Schutz von Schafen 3.6 Millionen gesprochen worden waren. Sie fanden Gehör. Im Nu waren über 200’000 Unterschriften gesammelt. Um die Istanbul-Konvention tatsächlich umzusetzen, müsste der Bund allerdings laut BRAVA mindestens 300-500 Millionen Franken in die Hand nehmen. Dennoch ist die schnelle Mobilisation so vieler Menschen ein ermutigendes Zeichen. Aber zurück zu LIARS.
Vielstimmig, multimedial und mittels vieler Popsongs werden in LIARS Normalisierungsprozesse von geschlechtsspezifischer Gewalt in Partnerschaften und sozialen Medien verhandelt.
Ich ziehe die Kopfhörer an, nehme mein Notizheft hervor und blicke gespannt auf die vielen Screens, die im Saal an verschiedenen Streben montiert oder auf dem Boden platziert sind. Das Publikum sitzt verstreut im Raum rund um eine Bodenbühne, die mit niedrigen Plattformen bestückt ist. Auf den Boden wurde ein Art Kiesweg geklebt, darauf und darum herum liegen Teppiche in diversen Grössen, auch sie erinnern optisch an Steine, wirken zugleich aber sehr flauschig. Manche sitzen gleich neben einer der Performer*innen. Diese positionieren sich im Verlauf des Stücks immer wieder neu im Raum. Zu sehen sind sie dabei immer auch auf einigen Screens, denn sie filmen einander und sich selbst häufig mit ihren Handys.
Vielstimmig, multimedial und mittels vieler Popsongs werden in LIARS Normalisierungsprozesse von geschlechtsspezifischer Gewalt in Partnerschaften und sozialen Medien verhandelt. Wir, die Zuschauenden, werden als Publikum zum Spiegel der «Lurker» in den sozialen Medien und der «Fans» eines Schauspielstars. Anhand des Gerichtsprozesses von Johnny Depp versus Amber Heard wird darüber reflektiert, ob und wie wir den misogynen Geschlechterdiskurs durch unser Zuschauen stützen. Denn das besondere an diesem Prozess war, dass er live übertragen wurde. Plötzlich waren (vermeintlich) alle «Team Johnny». Werden die Errungenschaften von #MeToo gerade zurückgerollt?
Liars. «Perfekte Opfer» oder die Gewalt von Geschlechternormen
Als Amber Heard 2018 in der Zeitung The Washington Post einen Meinungsartikel über ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt veröffentlichte, las ich diesen als einen Beitrag an die #MeToo-Bewegung. Hollywood-Stars hatten seit geraumer Zeit ihre Bekanntheit genutzt, um auf die Verbreitung von geschlechtsspezifischer und sexualisierter Gewalt, besonders in Hollywood, aufmerksam zu machen. Kurze Zeit später verklagte Depp an einem britischen Gericht die News Group Newspapers Ltd wegen Verleumdung aufgrund eines Artikels in der Zeitung The Sun. Darin wurde behauptet, Depp habe Heard geschlagen. Im November 2020 entschied das Gericht gegen Depp. Das Urteil befand, Depp habe Heard in 12 der 14 mutmasslichen Vorfälle angegriffen und sie in Angst um ihr Leben versetzt. Zwei Jahre später kam es zum US-Gerichtsfall, mit dem sich LIARS beschäftigt. Depp reichte aufgrund von Heards Meinungsartikel in The Washington Post eine Verleumdungsklage gegen sie ein. Das Juryurteil fiel zu Gunsten von Depp aus. Heards Verweise auf geschlechtsspezifische Intimpartnergewalt in The Washington Post seien falsch und hätten Depp in böswilliger Absicht diffamiert.
Wie gesagt, das Spezielle an diesem Fall ist, dass er live übertragen wurde. Das Anwaltsteam von Depp hatte für absolute Transparenz plädiert. Sie hätten nichts zu verbergen, so die Botschaft. Heard hingegen wolle den Fall vor der Öffentlichkeit geheim halten. Heard wurde von der Gegenseite systematisch als Lügnerin und Nestbeschmutzerin gezeichnet, die ihre Schuld verstecken wolle. Zugleich hatte Depps Team erwirkt, dass das britische Urteil gegen Depp im US-Prozess mit keiner Silbe erwähnt werden durfte. Die vor britischem Gericht bewiesenen Fälle geschlechtsspezifischer Gewalt wurden somit unsichtbar gemacht. Damit wurde es für Heards Team enorm schwierig, das Ausmass der Gewalt aufzuzeigen, der sie in der Beziehung mit ihm ausgesetzt gewesen war. Gleichzeitig bot die vermeintliche Transparenz des Livefeeds allen Zuschauer*innen die Möglichkeit, intime Einblicke in die Privatsphäre von Heard und Depp zu erhalten (auch hier: es macht einen Unterschied, ob dir diese Art der Entblössung aufgezwungen wurde oder nicht) sowie die Gelegenheit, Heard moralisch zu verurteilen.
Anne-Béatrice Schmaltz vergleicht den Beschluss, den Prozess derart öffentlich zu machen, mit einem Streichholz, das in Sekundenschnelle ein Lauffeuer entfacht. Ein einziger Funke und die tiefsitzenden FLINTA-verachtenden Bilder und Denkweisen entfalten ihre Wirkung. Schmaltz unterstreicht, «wie einfach es ist, eine Explosion zu entfachen in unserer misogynen Gesellschaft».
Heard entspricht nicht dem Bild eines «perfekten Opfers». Sie ist zu selbstbewusst, zu klug, zu schön. Sie hat sich zudem gewehrt. Und ja, sie hat auch Dinge gesagt und getan, die fragwürdig und verwerflich sind. Eine «femme fatale» halt. Und dafür wird sie bestraft: «I spoke up against sexual violence – and faced our culture’s wrath», hatte sie in The Washington Post geschrieben.
In diesem Spiel kommt der Öffentlichkeit eine besondere Rolle zu: sie wird zum zentralen Mittel und Zweck der Täter-Opfer-Umkehr.
Bemerkenswert dabei: Depp wird in dem Artikel gar nicht beim Namen genannt. Dennoch hielt er es für notwendig, juristische Massnahmen gegen Heard zu ergreifen. Dahinter wird eine Strategie erkennbar, die bei Fällen sexualisierter und partnerschaftlicher Gewalt häufig vorkommt und als «DARVO» bezeichnet wird. Dies steht für deny (leugnen), attack (angreifen), reverse victim and offender (Täter und Opfer umkehren). Ziel dabei ist es, die Glaubwürdigkeit des Opfers in Frage zu stellen – mehr noch, Heard soll als eigentliche Täterin «entlarvt» werden. In diesem Spiel kommt der Öffentlichkeit eine besondere Rolle zu: sie wird zum zentralen Mittel und Zweck der Täter-Opfer-Umkehr. Wem geglaubt wird, wer abgestraft werden soll wird gerade in diesem hyperpublizierten Fall zu einer Frage der öffentlichen Meinung. Heard kann dabei eigentlich nur scheitern.
Die Vorstellung, dass Opfer sexualisierter, geschlechtsspezifischer und partnerschaftlicher Gewalt eine bestimmte Verhaltensweise aufzeigen müssen, damit das, was ihnen angetan wurde, als Unrecht anerkannt wird, ist so falsch wie sie weit verbreitet ist. Die Performer*innen wissen aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt, nicht dem Idealbild des Opfers zu entsprechen. Performerin und Choreografin Olivia Hyunsin Kim erzählt, wie das «Nein» von asiatisch und weiblich gelesenen Personen gar nicht erst gehört werde, so tief sitze das sexotisierende Bild der unterwürfigen Asiatin.
Was passiert, wenn man nicht dem Idealbild des Opfers entspricht, thematisiert Kim zudem am Beispiel der Südkoreanerin Choi Mal-ja. Vor 60 Jahren wurde die damals 18-Jährige von einem Gericht wegen schwerer Körperverletzung verurteilt. Sie hatte sich gegen ihren Angreifer gewehrt und ihm dabei ein Stück seiner Zunge abgebissen. Daraufhin wurde sie für «schwere Körperverletzung» verurteilt und erhielt eine längere Gefängnisstrafe als ihren Angreifer, der nie für versuchte Vergewaltigung verurteilt wurde. Kim verweist damit auf die lange und ebenfalls weit verbreitete Geschichte der Täter-Opfer Umkehr.
Doch es gilt nicht nur einem spezifischen Bild des Opfers zu entsprechen. Im Nachgespräch betont Schmaltz, dass auch der Art und Weise, wie die erfahrene Gewalt erzählt wird, unmöglich enge Parameter gesetzt werden. Schildert die Betroffene das Geschehene drastisch oder emotionalisiert, würde sie der Übertreibung oder Lüge bezichtigt. Wird hingegen die Erfahrung distanziert oder in (nicht chronologischen) Versatzstücken beschrieben, werde wiederum der Wahrheitsgehalt angezweifelt. Wer ist glaubwürdig? Und wer entscheidet darüber?
Lurker und Fans. «Guter» Pop oder die Normalisierung von Hassrede
Im Nachgespräch vergleicht Dragqueen und Choreografin Olympia Bukkakis den Fall von Depp vs. Heard mit einem Popsong: Alle kennen ihn, tratschen belustigt darüber und hinterfragen dabei nicht, wie die Kombination von Text, Bild und Ton geschlechtsspezifische und sexualisierte Gewalt romantisiert und normalisiert. Dieser Vergleich hat mich überzeugt. Wie bei einem «guten» Popsong, bedient sich der Gerichtsfall Heard gegen Depp bekannter Versatzstücke des patriarchalen Geschlechterdiskurses und wiederholt diese ad absurdum. Schon bald summen wir den eingängigen Refrain mit. Längst kennen wir den Liedtext über die gefährlich-listige «femme fatale» auswendig: Missgunst, Lügen, Geldgier und Geltungsdrang einer Sozialaufsteigerin, vor nichts scheut sie zurück, um sich an der Männerwelt pauschal zu rächen und dabei Profit zu schlagen. Die tanzbare Melodie und spielerische (Bild-)Sprache erinnern an Ohrwürmer der eigenen Jugend. Und transportieren unmerklich Geschlechternormen als einprägsame Slogans: «Soft men create hard times» oder «Du bist nicht Superwoman!» tragen dazu bei, den Wandel in den Geschlechterverhältnissen, sei dies die vermeintliche Verweichlichung der Männer in der Gesellschaft oder die zu grosse (Selbst-)Sicherheit von Frauen, für die zunehmende Gewalt gegen FLINTA-Personen verantwortlich zu machen. In den sozialen Medien werden diese Ideen als leicht bekömmliche, konsumierbare Provokationen verabreicht.
Der Fall Depp vs. Heard ist nur ein Beispiel, betonen die Performer*innen. Auch sei er bestimmt nicht das schlimmste Beispiel. Als weisser, wohlhabender Star geniesse Heard viele Privilegien. Gleichwohl erlaube gerade dieser Gerichtsfall besonders gut, sich mit der medialen Normalisierung von geschlechtsspezifischer Gewalt in Partnerschaft und sozialen Medien auseinanderzusetzen. Es geht den Performer*innen nicht so sehr darum, die sozialen Medien anzuprangern, sondern eine Reflektion über die Rolle der Lurker anzustossen.
90% der Internet-User*innen beteiligen sich höchst selten aktiv an online Diskussionen, dennoch ist ihr Verhalten relevant. Auch ich schaue lieber zu. Den Fall Depp vs. Heard habe ich allerdings nicht aufmerksam verfolgt. Im Netz begegnet mir Hassrede aber täglich. Aussagen, die eine bipolare Weltsicht mit klar entgegengesetzten, starren Fronten, produzieren, sind die Norm. Unternehmen tu ich nichts. Meist empöre ich mich schon gar nicht mehr, wenn ich mit diffamierenden, abwertenden oder hassversprühenden Geschlechterbildern konfrontiert werde – das wäre zu anstrengend, zu aufreibend. Das distanzierte Beobachten der Lurker ist sicher auch eine Art Selbstschutz, sich nicht in jede polarisiert geführte Auseinandersetzung hineinziehen zu lassen.
Die eigene Rolle und Verantwortung als Lurker zu reflektieren, dazu regt LIARS an.
Ähnlich wie die Fans von Popsongs, werden Lurker als passive Konsumierende abgetan. Doch sind sie das wirklich? Ihre Funktion ist systemrelevant, betont Bukkakis. Ohne Lurker keine Klicks, ohne Klicks keine Einnahmen, ohne Einnahmen keine Plattform für Hassrede. Die eigene Rolle und Verantwortung als Lurker zu reflektieren, dazu regt LIARS an.
Laut einer der Performer*innen habe eine Botometer-Analyse ergeben, dass Depps Medienkampagne gegen Heard aus 1/3 Bots, 1/3 Trolls, 1/3 Fans bestanden habe. «Wie können wir noch der eigenen Meinung vertrauen? », fragen sie, aber auch: Warum fühlen sich Unbeteiligte zu einem Urteil befähigt? Weshalb fällt es so schwer, Erfahrungen von Betroffenen ernst zu nehmen? Kann das Interesse von Fans und Lurker an einer vermeintlich transparenten Berichterstattung je die zusätzliche Belastung und potenzielle Retraumatisierung von Opfern sexualisierter und geschlechtsspezifischer Gewalt rechtfertigen?
Die Performance endet mit einem Funken Hoffnung und der Anerkennung derer, die sexualisierte und geschlechtsspezifische Gewalt erfahren und sich unermüdlich und unerschrocken gegen diese einsetzen. Genannt werden etwa Silvia Rivera, Nicole Lee, Gisèle Pelicot, Gina-Lisa Lohfink und Choi Mal-ja. Mal-ja wurde dieses Jahr in einem Wiederaufnahmeverfahren endlich freigesprochen.
Die Aufzählung am Ende des Stücks stimmt mich nachdenklich. Das, was Heard passiert ist, reiht sich in eine lange Geschichte geschlechtsspezifischer und sexualisierter Gewalt ein. Soziale Medien verstärken diese Gewalt. Wie selbstverständlich greifen sie auf ein Repertoire misogyner Darstellungsweisen zurück, die regelmässig Opfer als Täter*innen stilisieren. Und so treibt mich die Frage der Verantwortung der Fans und Lurker um.
Bemerkungen
LIARS ist eine Produktion von Henrike Iglesias in Koproduktion mit Sophiensæle in Berlin und ROXY Birsfelden.
Bild: LIARS. Foto © Mayra Wallraff.
Weiterführendes
Folgende Videos des Podcasts «A Bit Fruity» von Matt Bernstein bieten eine Aufarbeitung des Falls Depp vs. Heard und seiner Folgen:
«Amber Heard & The Myth of the Perfect Victim» mit Kat Tenbarge, 26.09.2023
«Blake Lively and the Amber Heard Effect» mit Kat Tenbarge, 10.01.2025




