Wachs, Haut und Kohlenstaub

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Drei Fragen an Ana Vujić

Von Dominique Grisard und Chris Zinsstag


Ana Vujić ist bekannt für ihre Zeichnungen von Menschen und Räumen. Sie zeichnet diese lebensgross, so dass Betrachter*innen ihren Bildern «auf Augenhöhe», wie sie in ihrem Artist Statement schreibt, begegnen können. Seit einer Weile experimentiert sie jedoch auch mit neuen Materialien: Wachs, Faden und Wortfragmenten. Die Themen, die sie beschäftigen, sind vielschichtig und komplex. Ihnen allen gemeinsam ist jedoch, dass Vujić sie dort aufgreift, wo sie ihr Leben berühren.

Am 25.9. zeigt sie im Rahmen der Solo-Ausstellung «Sources of Uncertainty» im Projektraum M54 einige ihrer neuen Arbeiten. Dazu hat sie weitere Künstler*innen und Projekte wie Art of Intervention eingeladen, etwas beizutragen. Im Vorfeld zur Ausstellung hat Vujić uns einige Fragen zu ihrer Arbeitsweise und den Themen, die sie bewegen, beantwortet.

Migration erscheint in deinen Arbeiten als Bewegung zwischen Zurücklassen, Mitnehmen, Finden und Neukonstruieren. Wie prägt diese Erfahrung deine Werke — und welche Unsicherheiten entstehen daraus?

Meine persönliche Migrationsgeschichte ist eine Erfahrung des Dazwischens. Ich habe als Kind das ehemalige Jugoslawien verlassen und bin in eine neue Umgebung gekommen – mit einer neuen Sprache, neuen sozialen Strukturen und ohne mein vertrautes Umfeld. Für mich ist Identität daher nichts Festes, sondern setzt sich immer wieder neu zusammen. In all unseren Entwicklungsprozessen und Lebensabschnitten werden wir Menschen von Unsicherheit begleitet. In Bezug auf Migration interessiert mich das Gefühl, gleichzeitig dazuzugehören und doch nicht ganz, Vertrautes zu verlieren und Neues aufzubauen. Genau dieser unsichere Zwischenraum – zwischen Verlust und Entdeckung, Erinnerung und Gegenwart, an Altem festhalten und Neues konstruieren wollen – ist die Ausgangslage für meine Werke. Dabei erlebe ich Unsicherheit selten als ein rein persönliches Gefühl. Oft hängt sie mit externen Faktoren zusammen. Dies fängt bei Existenziellem an, wie zum Beispiel Gesundheit oder finanzielle Sicherheit, aber auch gesellschaftliche Erwartungen, etwa an Frauen und Mütter, Idealvorstellungen von Familie oder Erfahrungen von Zugehörigkeit. All diese Faktoren prägen, wie sicher ich mich als Frau und Mensch im Allgemeinen fühle, wie ich mich selbst wahrnehme und wie ich auf mein Dasein blicke.

Genau dieser unsichere Zwischenraum – zwischen Verlust und Entdeckung, Erinnerung und Gegenwart, an Altem festhalten und Neues konstruieren wollen – ist die Ausgangslage für meine Werke.

Wir können im Leben nicht alles kontrollieren und sind ein Stück weit immer dem Zufall und Kräften, die wir nicht oder nur wenig beeinflussen können, ausgesetzt. Unsicherheit ist oft schwer auszuhalten. Wir neigen dazu, das Gefühl möglichst schnell überwinden zu wollen. Es erschreckt mich dabei, wie das Gefühl von Unsicherheit in der Gesellschaft gegenwärtig politisch instrumentalisiert wird. Insbesondere rechtspopulistische Parteien nutzen Thematiken wie Migration, um Ängste zu schüren und gesellschaftliche Spaltungen zu vertiefen. Dieser zunehmende Rechtsruck beschäftigt und lähmt mich manchmal so sehr, dass kaum künstlerische Arbeit entstehen kann. Es ist kein Zufall, dass ich in letzter Zeit oft liegende, schlafende oder gar erschöpfte Personen gezeichnet habe – ein persönlicher, intimer und gleichzeitig gesellschaftlicher Zustand von «Nicht noch weitere Krisen ertragen können und sich hilflos fühlen». Auch dies ist ein Weg, wie man mit Gefühlen von Unsicherheit umgehen kann: sich den Gefühlen stellen, innehalten, die Missstände stets im Auge behalten und über Veränderung in all ihrer Komplexität nachdenken. Das ist etwas anderes als die politische Hetze, die von rechts betrieben wird. Auch in diesen herausfordernden Zeiten möchte ich den Glauben nicht verlieren, dass Veränderung zu einer gerechteren Gesellschaft möglich ist. Und dass wir einen Umgang mit Unsicherheit finden können, der nicht spaltend, sondern verbindend wirkt.

Seit Kurzem arbeitest du mit Faden, Wachs und Wortfragmenten. Wie gehst du in dieser neuen Praxis vor — und was ermöglichen dir diese Materialien?

Ich arbeite in erster Linie mit weissem Wachs. Das Material erinnert mich sehr stark an den menschlichen Körper, daran, wie sich Haut anfühlt, oder auch an Muttermilch. Mich fasziniert Wachs, weil es fragil und formbar ist und auf äussere Umstände stark reagiert.

Für meine Serie Mother Milk Drawings habe ich verschiedene Künstlerinnen zu ihren Erfahrungen mit Mutterschaft interviewt. Ihre Aussagen habe ich selbst als künstlerisches Material verwendet und diese zu eigenen Statements umgeformt. Meine Kohlezeichnungen entstehen in den meisten Fällen spontan, schnell und leben von dieser direkten Energie zwischen Idee und Umsetzung. Beim Arbeiten mit Wachs musste ich lernen, geduldiger zu sein. Eine neue Technik im Do-it-yourself-Modus zu erlernen, bedeutet künstlerische Unsicherheit und viel Scheitern. Alle meine Wachsarbeiten sind nicht im Atelier, sondern in meiner privaten Küche entstanden – eingebettet in den Alltag mit meinem Kind. Während die Spaghetti kochen, stelle ich eben noch einen Topf mit Wachs zum Schmelzen auf. Diese Art von Arbeiten basiert nicht auf Romantik, sondern auf der gelebten Realität, einen Lohnjob, die künstlerische Arbeit und das Muttersein unter einen Hut bringen zu müssen.

Einer der für die Wachsserie Mother Milk Drawings mit Nähmaschine genähten Sätze hat mich tagelang verfolgt: «Mutter muss nicht alles schaukeln». Daraus ist zudem die neue performative Videoarbeit entstanden, in dem dieser Satz in unterschiedlichen Gefühlszutänden ständig wiederholt wird.

Meine künstlerische Arbeit entsteht in einem sehr persönlichen und intimen Rahmen – gestützt auf Erfahrungen, Erinnerungen und Beobachtungen im Alltag. Es ist mir sehr wichtig diese persönliche Ebene mit gesellschaftlichen Diskursen und wissenschaftlichen Theorien zu verbinden.

Du hast Art of Intervention in deine Ausstellung eingeladen, um der Reflexion über gesellschaftspolitische und queer-feministische Themen Raum zu geben. Welche Rolle spielt das gemeinsame Denken über Unsicherheit für dich?

Meine künstlerische Arbeit entsteht in einem sehr persönlichen und intimen Rahmen – gestützt auf Erfahrungen, Erinnerungen und Beobachtungen im Alltag. Es ist mir sehr wichtig diese persönliche Ebene mit gesellschaftlichen Diskursen und wissenschaftlichen Theorien zu verbinden. Kunst soll sich in der Gesellschaft bewegen und nicht im Ausstellungsraum verharren. Queer-feministische Theorien sind für mich zentral, weil sie normative Vorstellungen von Körper, Geschlecht und Identität hinterfragen und neue Perspektiven eröffnen.

Gemeinsam über gegenwärtige Unsicherheiten nachzudenken, bedeutet für mich, diese nicht nur als Bedrohung, sondern auch als Gelegenheit zu verstehen: Als Anlass, Räume zu öffnen, miteinander in Austausch zu treten, Solidarität zu praktizieren und sich gemeinsam auf Veränderung einzulassen.


Ana Vujić kam 1981 in Serbien (Pozarevac) zur Welt. Heute lebt und arbeitet sie in Basel. Sie hat Masterabschlüsse in Kunstgeschichte, Medienwissenschaften und Pädagogik von der Universität Basel. Derzeit absolviert sie den Master in Contemporary Arts Practice an der Hochschule der Künste Bern (HKB). Sie ist in mehreren Kollektiven aktiv, darunter SUMME (Basler Offspace Netzwerk) und nutzt ihr Atelier VOLTAGE regelmässig auch als Ausstellungsfläche für externe Kunstschaffende.

Beitragsbild: Portrait von Ana Vujić. Foto © Zlatko Micic.

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Ana Vujić: Sources of Uncertainty

25.09.–04.10., 14–20 Uhr | Projektraum M54 | Eintritt frei

Orte der (Un-)Sicherheit

29.09., 19 Uhr | Projektraum M54 | Eintritt frei

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