Über INSIDE_OUT an der Gessnerallee Zürich
Von Sari Pamer
Was haben ein «Postmodern Piece of Art» und ich gemeinsam? Die Antwort darauf liegt überraschenderweise nicht in einer Kunstgalerie, sondern in einer Handvoll bunter Bohnen. Oder genauer: in INSIDE_OUT – einem partizipativen Theaterformat von Kian Amadeus H. und Sarah Calörtscher. Eine Mischung aus einem Bravo-Persönlichkeitstest und der Kindershow 1, 2 oder 3. Einen Abend lang sammle ich bunte Samen und erfahre erst ganz am Schluss, was meine Entscheidungen über meine Persönlichkeit aussagen.
Ein leeres Gefäss und viele Entscheidungen
Direkt beim Eintritt beginnt das Spiel. Ich bekomme von einer Person mit Fischkopf ein kleines Gefäss in die Hand gedrückt. Dieses soll im Verlauf des Spiels mit den sogenannten «Seeds», kleine farbige Bohnen, gefüllt werden. Für jede Entscheidung, die ich während des Spiels treffe, erhalte ich eine Bohne in einer bestimmten Farbe. Das Prinzip erinnert sofort an die Persönlichkeitstests aus der Jugendzeitschrift Bravo oder die unzähligen «Welche Disney-Prinzessin bist du?»-Quizze der frühen Internetjahre.
Kian Amadeus H. und Sarah Calörtscher verlegen dieses Format nun ins Theater. Und genau so fühlt sich INSIDE_OUT zunächst an: verspielt, leicht und angenehm nostalgisch. Ich werde in meine Jugend zurückversetzt, als ich in Zeitschriften Buchstaben zusammenzählte, um herauszufinden, welcher Flirt-Typ oder wie selbstbewusst ich bin. Die Fragen im Theater lauten jedoch nicht, welches Haustier am besten zu mir passt, sondern sind subtiler, offener und manchmal ziemlich irritierend. Beispielsweise wenn ich mich als Teilnehmerin zwischen Rauchen oder Koksen entscheiden muss.
Freundlich, manchmal ironisch und beinahe manipulativ fordert die Stimme uns auf, eine Entscheidung zu treffen und Position zu beziehen.
Ein Spiel über Identität(en)
Im Raum gibt es keine Schauspielenden, stattdessen führt eine körperlose Stimme durch den Abend. Freundlich, manchmal ironisch und beinahe manipulativ fordert die Stimme uns auf, eine Entscheidung zu treffen und Position zu beziehen. In drei schwarzen Kästen, die an alte kastenähnliche Fernseher erinnern, erscheinen unterschiedliche Bildwelten. Das Publikum wählt, zu welchem Video es sich hingezogen fühlt, oder beantwortet Fragen, wie «what gives you comfort?», indem es sich für eine der drei vorgegebenen Optionen entscheidet. Für jede Wahl erhält jede Person eine farbige Bohne. Die Mechanik des Spiels ist einfach und gerade deshalb so wirkungsvoll. Jede Entscheidung fühlt sich zunächst intuitiv an, doch im nächsten Moment beginnt das Grübeln. Warum wähle ich genau diese Antwort? Was sagt meine Wahl über mich aus? Habe ich wirklich spontan entschieden oder versuche ich unbewusst bereits, ein bestimmtes Bild von mir zu erzeugen oder sogar die Logik des Spiels zu entschlüsseln?
Genau hier entfaltet INSIDE_OUT seine Stärke. Das Spiel bleibt an der Oberfläche erstaunlich leicht, teilweise fast schon ironisch. Mir macht es Spass, mich durch den Raum zu bewegen, Bohnen zu sammeln und die Entscheidungen der anderen zu beobachten. Gleichzeitig öffnen sich dabei Fragen nach Zugehörigkeit, Identität und Kategorien, in welche wir uns selbst und andere Menschen permanent einordnen. Das Konzept verbindet Popkultur mit Überlegungen aus Queer Theory, Crip Theory und postkolonialen Ansätzen. Die scheinbar simplen Entscheidungen werden dadurch zu einem Nachdenken über Fremd- und Selbstzuschreibungen, über die Grenzen zwischen Innen und Aussen, über das Bedürfnis, alles kategorisieren zu wollen.
Das Konzept verbindet Popkultur mit Überlegungen aus Queer Theory, Crip Theory und postkolonialen Ansätzen. Die scheinbar simplen Entscheidungen werden dadurch zu einem Nachdenken über Fremd- und Selbstzuschreibungen, über die Grenzen zwischen Innen und Aussen, über das Bedürfnis, alles kategorisieren zu wollen.
Diese Reflexionsebene wird durch innere Brüche, sogenannte «Glitches», im Stück verstärkt: Während einer Frage flimmert einer der drei Bildschirme zwischen den zwei Bildern der anderen beiden Bildschirme hinterher: Sushi oder Sashimi? Bei diesem Bildschirm musst du nicht entscheiden. Nur eine Person bleibt vor diesem Bildschirm stehen, die anderen, irritiert von dieser Nicht-Antwort, ordnen sich den beiden anderen Bildschirmen zu. Doch dieser Glitch ist geplant und die mutige Einzelgängerin wird mit einer einzigartigen, goldenen Bohne belohnt – als hätte sie einen Hack in einem Spiel entdeckt, ein geheimes Easter Egg, das im Stück versteckt wurde. Was, scheint das Stück zu fragen, wenn wir nicht nur über unsere Entscheidungsprozesse nachdenken müssen, sondern auch darüber, woher die Auswahlmöglichkeiten an Entscheidungen – ja der Umstand an sich, dass entschieden werden muss – überhaupt herkommen?
Wachsende Mehrdeutigkeit
Nach etwa der Hälfte gibt es eine Pause. Alle Teilnehmenden bekommen ein Capri-Sun Eis und für einen Moment wirkt alles wie ein Sommerfest – Menschen vergleichen ihre farbigen Bohnen, lachen über einzelne Fragen und versuchen bereits zu erraten, welchem Persönlichkeitstyp sie am Ende zugeordnet werden. Es ist eine kluge Unterbrechung, denn sie schafft Verbindung unter den Teilnehmenden und gleichzeitig Distanz zum Spiel, bevor es in die nächste Runde geht.
Im zweiten Teil werden die Entscheidungen zunehmend abstrakter. Bilder, Songtexte und Zitate treten stärker in den Vordergrund, vieles bleibt mehrdeutig und es wird schwieriger, sich spontan zu entscheiden. Die Stimme aus dem Off liefert gelegentlich Deutungsangebote und zeigt damit wie trügerisch Persönlichkeitstest sein können, gerade weil sie oft auf willkürlichen Zuordnungen beruhen.
Zudem scheint die Stimme selbst eine Krise durchzumachen: Sie verheddert sich und Fehler tauchen auf, die nicht mehr geplant zu sein scheinen. Befangen beginnt die Stimme zu fragen, ob uns, dem Publikum, eine andere Stimme besser gefallen würde? An einer anderen Stelle fällt mir auf, dass die Übersetzung ins Deutsche dem Englischen nicht mehr ganz entspricht, die Stimme spricht und spricht und hört auf, einen Sinn zu ergeben. Dann scheint sie sich wieder zu fangen, ändert wieder ihre Stimme und fährt mit den Fragerunden fort.
Zwischen Horoskop und Gesellschaftskritik
Am Ende folgt die Auflösung. Die gesammelten Bohnen ergeben ein Muster, das einem von drei Persönlichkeitstypen entspricht. Dazu gibt es ein Mini-Horoskop und als Preis ein kleines Pflänzchen – als Symbol für persönliches Wachstum. Ich lese die Beschreibung meines Persönlichkeitstyps und muss lachen:
«You’ve made a game of hiding your wounds. Do you sometimes feel like scratching the surface of your skin to get to whatever lies underneath? Your humor and quick-wittedness often make you the star of the party but be aware you might come across as distant.»
Mein Persönlichkeitstyp heisst «Postmodern Piece of Art» und trifft erstaunlich viele Aspekte meines Charakters. Oder bilde ich mir das nur ein? Genau diese Unsicherheit scheint Teil des Konzepts zu sein. Denn natürlich funktioniert das System eines solchen Tests nicht wissenschaftlich und trotzdem möchte ich glauben, erkannt worden zu sein. Das scheint mir auch die grösste Stärke der Performance zu sein: Das Format ist gleichzeitig tiefgründig und oberflächlich. Es spielt bewusst mit genau jener Sehnsucht nach Selbstbeschreibung, die Persönlichkeitstests seit Jahrzehnten so beliebt macht. Es lockt mit Unterhaltung und führt unmerklich zu gesellschaftspolitischen Fragen, ohne moralischen Zeigefinger, dafür mit Humor und einer grossen Portion Selbstironie.
Das Format ist gleichzeitig tiefgründig und oberflächlich. Es spielt bewusst mit genau jener Sehnsucht nach Selbstbeschreibung, die Persönlichkeitstests seit Jahrzehnten so beliebt macht.
Als ich den Theaterraum verlasse, halte ich nicht nur eine kleine Sukkulente in der Hand, sondern auch eine Text über meinen vermeintlichen Persönlichkeitstyp. Ob die Beschreibung wirklich stimmt, bleibt offen. Interessanter ist ohnehin eine andere Erkenntnis: Wie bereitwillig wir Kategorien akzeptieren, wenn diese spielerisch daherkommen und versprechen, uns etwas über uns selbst zu verraten. Vielleicht haben moderne Kunstwerke und ich also tatsächlich mehr gemeinsam, als ich an diesem Abend erwartet hätte.
Referenzen
Beitragsbild: Foto © Klementine Medved.




