Von Freija Geniale
«Wenn du kunstschaffend und gleichzeitig alleinerziehend bist mit einem kleinen Kind, dann passt nichts. Die Kita schliesst um 13.30 Uhr, finanziell geht es hinten und vorne nicht auf, der Kunstsektor kennt keine Teilzeitarbeit, nichts geht auf.» Ausgehend von dieser Lebenssituation und persönlichen Betroffenheit hat Dr. Sascia Bailer zum Thema ihres Doktorats gefunden und das Konzept der «Caring Infrastructures» entwickelt.
Bailer ist Künstlerin, Autorin und Wissenschaftlerin und beschäftigt sich mit Themen an der Schnittstelle von Care, zeitgenössischer Kunst und strukturellem Wandel. Sie hat ihren PhD in Practice in Curating an der Zürcher Hochschule der Künste und der Universität Reading abgeschlossen. Aus diesem Forschungsprozess ist die Monografie «Caring Infrastructures. Transforming the Arts Through Feminist Curating» (2024, transcript Verlag, open access) entstanden. Darin setzt Bailer sich mit Care als soziale Praxis und als Methode des Kuratierens auseinander. Entstanden ist ein Werk, das einerseits aufzeigt, wie eng verflochten und politisch aufgeladen die Themen Kunst, Care und Kuratieren sind, und andererseits, wie eine solidarische, feministische und fürsorgliche Zukunft aussehen könnte.
Ende Januar war sie im feministischen Salon in Basel zu Gast, eine Kooperation mit Art of Intervention, und stellte in einem Referat ihre zentrale Kritik vor: Kulturinstitutionen setzen sich zwar inhaltlich und kuratorisch seit mehreren Jahren, insbesondere seit der Covid-19 Pandemie, intensiv mit Care als Thema auseinander, ziehen jedoch innerhalb ihrer eigenen Strukturen keine Konsequenzen, sodass der Kunstbetrieb eben beispielsweise für alleinerziehende Elternteile wie Bailer praktisch unzugänglich bleibt. Sie kritisiert also eine Form von Doppelmoral, die auch als «Care-Washing» bezeichnet wird.[1] Der Besuch der Veranstaltung hallte in mir noch lange nach und hat viele Gedanken zur Rolle von Care in Institutionen angeregt. In diesem Text habe ich versucht, meine Eindrücke zu fassen.
Wir alle sind verletzlich
Während ihres Referats beleuchtet Bailer ganz unterschiedliche Aspekte des Care-Begriffs: Inklusion von Menschen mit Behinderung, Barrierefreiheit, Equal Pay, eine Verringerung der Lohnschere zwischen Praktikant*innen, Reinigungspersonal und Museumsleitung, Kinderbetreuung in Institutionen, zugängliche Strukturen für Eltern, beispielsweise bei Artist Residencies, in denen Eltern mit Kindern willkommen sind, und vieles mehr. Hierbei zeigt sich bereits: Bailer denkt Care stets sowohl aus der Perspektive von Care-Givers (Menschen mit Fürsorgeverantwortung, z.B. Eltern, Pfleger*innen) als auch von Care-Receivers (Menschen, die auf Fürsorge angewiesen sind, z.B. Kinder, Patient*innen) aus. Schliesslich sind wir Menschen alle im Laufe unseres Lebens auf die Fürsorge von anderen angewiesen oder kümmern uns um andere. Die meisten von uns sind Care-Givers und -Receivers zugleich. Sei es zu Beginn unseres Lebens, zum Ende hin oder auch dazwischen: «Care ist die grundlegendste Basis der sozialen Reproduktion, zu der wir alle beitragen und der wir alle unsere Existenz verdanken» (Akbulut 2017, Übersetzung Sascia Bailer).
Care ist die grundlegendste Basis der sozialen Reproduktion, zu der wir alle beitragen und der wir alle unsere Existenz verdanken.
Akbulut 2017
Bailer erklärt, Care berge ein enormes transformatives Potenzial, wenn verstärkt versucht würde, Fürsorgeverpflichtungen und Bedürfnisse strukturell zu berücksichtigen. Dies wird als feministische Care Ethik bezeichnet. Um das Publikum selbst mitzunehmen in diesen Prozess, zu dem sie Kulturinstitutionen mit ihrer Publikation und ihrer Arbeit einlädt, beginnt sie ihr Referat mit einer kurzen Übung: Wir alle sollen die Augen schliessen und uns überlegen, wie ein Arbeitskontext für uns aussehen würde, in dem es uns gut geht und in dem unsere Bedürfnisse mitgedacht werden. Zum Ende der Veranstaltung kommt sie nochmals darauf zurück und wir sollen uns überlegen, ob es einen kleinen Schritt gibt, den wir umsetzen könnten, um unseren Arbeitsort ein wenig mehr in eine «Caring Infrastructure» zu transformieren, also einen Ort, an dem Care-Bedürfnisse aktiv mitgedacht und in die Gestaltung von Strukturen einbezogen werden.
Ich selbst kann bei dieser Übung die ganze Zeit nur daran denken, wie dankbar ich dafür bin, dass meine Arbeitskolleg*innen und Vorgesetzten sehr verständnisvoll sind für meine Situation mit meinem sehr jung an Alzheimer erkrankten Vater: sie fragen regelmässig nach und hören zu, wenn es zu einer schwierigen Situation kommt, sie sind unterstützend und tröstend und meine Fürsorgeaufgaben erhalten selbstverständlich ausreichend Raum. Wenn die Spitex mich zu Arbeitszeiten anruft, gehe ich aus dem Büro und bespreche, was dringend ist. Ich komme also in der Übung gar nicht dazu, daran zu denken, was ich mir wünschen würde, sondern denke daran, was sehr gut läuft und wie sehr ich das schätze. Und das ist ja vielleicht auch eine Erkenntnis.
Organisationsentwicklung als Mikropolitik
Bailers Kritik ist, dass gerade die Bedürfnisse von Menschen mit Fürsorgeverantwortung im Kunstbetrieb besonders wenig berücksichtigt würden. Im Gegenteil: bestehende Diskriminierungen würden im Kunstbetrieb eher verschärft. So sei dieser Bereich als Arbeitsfeld für Eltern nur sehr erschwert zugänglich und der Gender Pay Gap verstärkt sich im Kunstbetrieb deutlich. Im an das Referat anschliessenden Gespräch mit Anisha Imhasly, moderiert von Dominique Grisard von Art of Intervention, wird diskutiert, was die theoretischen Analysen in Bailers Forschung für die Praxis von Organisationen bedeuten könnten. Anisha Imhasly ist Ethnologin, Vorstandsmitglied von INES, Autorin und Organisationsentwicklerin und berät insbesondere Kulturinstitutionen. Bailer erklärt, dass sie durch ihre Auseinandersetzung mit den Doppelstandards der Kunstwelt sozusagen aus Versehen ein Handbuch für Organisationsentwicklung geschrieben habe.
Tatsächlich hat sie in ihrem Buch ein «Soft Manifesto for Caring Infrastructures» mit acht «Propositions» verfasst. In diesem gibt sie Institutionen Inputs, wie sie ihre Strukturen in «Caring Infrastructures» transformieren können. Warum es ein «Soft Manifesto» ist, lest ihr hier im Interview mit Bailer. Die acht Impulse sind leicht verständlich und umsetzbar und lassen sich sehr gut auf andere Institutionen als nur Kunstbetriebe übertragen, viele von ihnen sind allgemeingültig. So fanden Bailer und Imhasly vor einigen Monaten – ebenfalls an einer Veranstaltung von Art of Intervention – zueinander: Bailer mit ihrem Handbuch zur Transformation von Institutionen in eine «Caring Infrastructure», Imhasly als Organisationsentwicklerin, die Institutionen in ihren Transformationsprozessen unterstützt. Imhasly sagt, sie sei dankbar, dass Bailer ein Werk geschaffen habe, das Institutionen unterstützt, die sich auf den Weg hin zu einer feministischen Care‑Ethik machen möchten.
Durch die Auseinandersetzung mit Bailers Werk wird mir das Ausmass der Geringschätzung von Care-Arbeit in unserer Gesellschaft und unseren Strukturen nochmals mit grosser Wucht vor Augen geführt.
Darauf angesprochen, was sie konkret in ihrem Alltag als Organisationsentwicklerin erlebe, sagt Imhasly, sie setze grosse Hoffnung in die Gen Z. Sie erlebe junge Personen in traditionsreichen Kulturinstitutionen wie Stadttheatern als innovativ, visionär und auch fordernd. Sie beobachte einen Generationenwandel und einen ausgeprägten Druck von unten, alte Machtstrukturen und festgefahrene Hierarchien aufzubrechen. Organisationstransformation bedeute eine Auseinandersetzung mit Machtstrukturen, Hierarchien und Traditionen und sei ein Prozess, der nie abgeschlossen ist. Und sie sei eine Form von Mikropolitik. Das ist auch etwas, das Sascia Bailers Werk «Caring Infrastructures» so einmalig und besonders macht: elegant und scheinbar mühelos schlägt sie sowohl im Text als auch im Referat den Bogen von ganz grossen, weltpolitischen Fragen rund um Gleichstellung, Care, Diskriminierung, den Gender Pay Gap und Ausbeutung und bricht diese Themen dann zugänglich und verständlich herunter auf Strukturen in konkreten Organisationen und Institutionen.
Damit wird uns als Leser*innen oder als Publikum sehr deutlich vor Augen geführt, wie inhärent politisch die Ausgestaltung und Strukturierung unserer Institutionen und Arbeitsorte ist: Wer leistet Care-Arbeit, wird sie überhaupt mitgedacht und wie sehr wird sie wertgeschätzt? Wer hat welche Chancen und wie sind unsere Arbeitsbedingungen? Durch die Auseinandersetzung mit Bailers Werk wird mir das Ausmass der Geringschätzung von Care-Arbeit in unserer Gesellschaft und unseren Strukturen nochmals mit grosser Wucht vor Augen geführt.
Die Vereinbarkeitslüge
53% aller Mütter, aber nur 6% aller Väter in heterosexuellen Beziehungen mit Kindern arbeiten in Teilzeit oder gar nicht (Schweizer Bundesamt für Statistik), erläutert Bailer in ihrem Referat.[2] Diese Zahlen zeigen uns, dass das Male-Breadwinner-Model nicht etwa ausgedient hat, wie uns gerne weisgemacht wird, sondern lediglich etwas verändert wurde. Schon lange wird darauf hingewiesen, dass Teilzeitarbeit die Karrierechancen und die Altersvorsorge von Frauen und als weiblich kategorisierten Personen enorm schwächen! Wenn eine Frau nun eben im Kunstbetrieb arbeitet und nicht etwa 40% in einem Büro zu Zeiten, die mit den Schulzeiten der Kinder übereinstimmen, bleibt ihr kaum eine realistische berufliche Perspektive. So ist bekanntlich auch Bailers Forschungsthema entstanden.
Seit Jahrzehnten wird uns das Märchen erzählt, die Gleichstellung der Geschlechter sei längst erreicht. In Wirklichkeit aber ist diese vermeintliche Gleichstellung eine Illusion. Denn Frauen haben zwar inzwischen (mehr) Zugang zu Lohnarbeit, Männer übernehmen jedoch nicht den entsprechenden Anteil der (unbezahlten) Fürsorgearbeit. Diese vermeintliche Gleichstellung ist im Grunde eine Fehlkonzeption, die zu einer dauerhaften Überlastung aller Eltern, besonders jedoch von FINTA‑Personen führt. Oder aber die Gleichstellung von (weissen) Frauen wird auf dem Rücken von Frauen of Colour oder aus Osteuropa ermöglicht. Durch das Phänomen der sogenannten «Global Care Chains» wird ein Grossteil der Sorgearbeit, die im Globalen Norden anfällt, auf Frauen of Colour ausgelagert, sodass weisse wohlhabende Frauen und TINA-Personen trotz Kindern berufstätig sein können.
Während weisse wohlhabende Mütter also selbstverständlich alles haben können, berufstätig sein, ihre Kinder aufwachsen sehen und nicht in Armut leben, ist dies für viele Mütter of Colour aus dem Globalen Süden oder Osteuropa nicht möglich. Sie müssen ihre Familien verlassen, um in anderen Weltregionen Care Arbeit zu leisten, damit ihre eigenen Kinder nicht in Armut aufwachsen müssen. Damit wird Care als Ressource aus dem Globalen Süden abgezogen und in den Globalen Norden verlagert. Christa Wichterich (2024) bezeichnet dies als «Sorgeextraktivismus».
Doch gerade um die Hoffnung weiter zu kultivieren, motiviert sie uns alle, uns zu verbünden und zu organisieren.
Das ist ein düsteres Bild. Die Weltlage lässt nicht gerade Hoffnung schöpfen für feministische Utopien. Bailer erzählt, dass sie noch mehr Hoffnung in die Welt hatte, als sie ihr Buch im Herbst 2023 zu Ende geschrieben hat, als heute. Doch gerade um die Hoffnung weiter zu kultivieren, motiviert sie uns alle, uns zu verbünden und zu organisieren. Dies, so denke ich mir, ist bereits eine wichtige Form von politischem Widerstand. Bailer selbst hat dafür das Caring Culture Lab gegründet: Ein community-getragenes Kompetenzzentrum für Gleichstellung und Vereinbarkeit im Kultursektor. Mit dem Caring Culture Lab setzen sich Aktivist*innen für die Sichtbarkeit, Anerkennung und strukturelle Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen von Kulturschaffenden mit Sorgeverantwortung ein. Imhasly plädiert in diesem Zusammenhang dafür, implizite Vorstellungen, was als «gute» Kunst gilt, und die Kriterien, die bei der Vergabe von beispielsweise Förderbeitragen, Ausstellungen oder Residencies angewendet werden, möglichst explizit zu machen. Dies wäre ein zentraler Schritt für mehr Teilhabe im Kulturbetrieb, der relativ leicht umsetzbar wäre.
Zum Ende der Veranstaltung hin gibt es noch zahlreiche Fragen aus dem Publikum zu beantworten. Eine davon ist von Franziska Schutzbach, einer der Organisator*innen des feministischen Salons, und bezieht sich auf Bailers Statement, wir sollten Schwäche oder Weichheit nicht negativ bewerten. Darum sollten wir gegenseitige Fürsorge priorisieren und darum hat sie auch ein Soft Manifesto geschrieben. Es sind schliesslich vergeschlechtlichte Zuschreibungen, die Care mit Weiblichkeit und Schwäche assoziieren und abwerten. Beispielsweise die Frage, was es braucht, damit wir uns an unserem Arbeitsplatz gut fühlen und unsere Bedürfnisse Raum bekommen, ist insofern «weich», als dass sie offen ist für individuelle Bedürfnisse sowie inklusive und flexible Lösungsansätze.
Schutzbach fragt nun, ob wir nicht selbst alle davon geprägt seien, Stärke zu glorifizieren. Sie wisse selbst: «Softness und Care wären besser», aber dennoch hätten wir doch alle gelernt: «Ich bin nur etwas wert, wenn ich über meine Grenzen gehe.» Und ob wir nicht ehrlicher mit uns selbst sein müssten, dass wir «Härte eigentlich geil finden». Bailer gibt ihr recht und sagt, dies verlange ein stetiges Entlernen. Wenn wir lernen, dass Care etwas Lästiges ist, das in den Abläufen unseres Alltags nicht vorgesehen ist, wofür stets zu wenig Zeit und Ressourcen zur Verfügung stehen, geschieht es am Ende, dass wir hart werden zu uns selbst und unseren Mitmenschen. Ich möchte daher an dieser Stelle plädieren für «radical softness as a feminist form of resistance» – aber bitte mit ausreichend Ressourcen, Anerkennung und gerecht aufgeteilt unter verschiedenen Geschlechtern und zwischen rassifizierten und nicht-rassifizierten Menschen. Solange das nicht erreicht ist, sind Gleichstellung, Anti-Rassismus und auch Inklusion nichts als eine Illusion.
Bemerkungen
[1] Der Begriff wurde erstmals vom Londoner Care Collective verwendet.
[2] Wobei eine Anstellung ab 90% oder mehr als Vollzeit gezählt wird.
Bild: Dominique Grisard, Anisha Imhasly und Sascia Bailer (v.l.n.r.) während des feministischen salons basel im Januar 2026, Kaserne Basel. Foto © Christina Zinsstag / Art of Intervention.
Literatur
Akbulut, Bengi (2017): «Carework as Commons: Towards a Feminist Degrowth Agenda«. In: degrowth.info, Blog.
Bailer, Sascia (2024): Caring Infrastructures : Transforming the Arts through Feminist Curating. Bielefeld: transcript Verlag.
Wichterich, Christa (2024): «Krisen der (Re-)Produktion und Global Care Chains». In: Kastrup, Wiolfgang und Helmut Kellersohn (Hg.): Vielfachkrise Kapitalistische Krisendynamiken und geopolitische Umbrüche. Münster: UNRAST Verlag.




