Vier Fragen an Beatrice Fleischlin
Von Andrea Zimmermann und Chris Zinsstag
Beatrice Fleischlin sucht in ihren Projekten stets nach einer Sprache für Existenzweisen, die sich, wie sie auf ihrer Website schreibt, «nicht ins Eindeutige bringen lassen». Oft geht es in ihren Projekten also um Feinheiten, Ambivalenzen, Prozesse. So auch in ihrem jüngsten Projekt, dass sie gemeinsam mit dem*r bolivianischen Künster*in Diego Aramburo entwickelt hat: LETTERS basiert auf einer Reihe von Briefen, welche die beiden an ihre Mütter und Kinder schreiben. Daraus entsteht ein persönliches, gesellschaftliches und poetisches Protokoll über familiäre, generationelle und kulturelle Transformationsprozesse.
Neben den Vorstellungen von LETTERS – am 9., 10. und 11. Oktober in der Kaserne Basel – haben die beiden gemeinsam mit Art of Intervention eine partizipative Veranstaltung organisiert, die sich dem Briefeschreiben widmet. Im Vorfeld dazu hat Beatrice Fleischlin uns einige Fragen zum Briefeschreiben und dessen Bedeutung für Beziehungen beantwortet.
Briefe sind die Grundlage Eurer Arbeit «LETTERS». An wen hast Du, Beatrice, Deinen letzten Brief geschrieben und warum?
Ich habe für das Projekt Briefe an meine Mama und an mein Kind geschrieben, von dem ich die nichtbiologische Mama bin. Es sind sehr viele Briefe entstanden, und nur ein Teil davon kommt im Stück vor. Ich schreibe weitere Briefe an mein Kind. Die meisten davon sind aber gar nicht für jetzt zum Lesen. Ich kann mir vorstellen, dass das später für ihn ein interessantes Dokument sein kann, ein Protokoll seines Erwachsenwerdens. Vielleicht findet er das dann aber auch voll uninteressant.
Der letzte Brief, den ich geschrieben habe, das war gestern, ist ein Referenzschreiben für eine Freundin, um ihr Migrations-Härtefallgesuch zu unterstützen. Ich hoffe so sehr, dass er zu einer positiven Weiterentwicklung ihres Falls beiträgt.
Das Denken verändert sich im Vorgang des Briefeschreibens.
Was macht Briefeschreiben so besonders für Euch in Eurer Zusammenarbeit?
Die Kommunikation über Briefe berührt eine andere Zeitlichkeit. Nicht nur weil Briefe tatsächlich physisch reisen. Das Denken verändert sich im Vorgang des Briefeschreibens. Es ermöglicht – oder ich würde sogar sagen – es verlangt eine profundere Auseinandersetzung mit dem, was kommuniziert sein will. Ähnlich wie beim Gehen. Wenn ich gehe, nehme ich die Landschaft anders wahr und verbinde mich intensiver mit ihr, als wenn ich mit einem Fahrzeug unterwegs bin. Und um Verbindung geht es bei dieser Arbeit ganz zentral. Verbindung zwischen den Generationen. Verbindung zwischen den Kontinenten. Verbindung als widerständige Praxis.
Was ist der Zusammenhang zwischen Briefen und Familie?
Ich kann hier nur für mich sprechen: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich in den Briefen an meine Mama Dinge ansprechen konnte, die ich in einem direkten Gespräch nicht gewagt hätte auszusprechen. Das hat sicher auch damit zu tun, dass ich aus einer Familie komme, in der nie geredet wurde. Und dieses Schweigen und Verschweigen hat uns voneinander isoliert, was wiederum ein wahnsinnig guter Nährboden für Scham, Tabus und tiefgreifende Einsamkeit ist.
Ich habe meiner Mama die Briefe aber nicht geschickt, sondern sie ihr vorgelesen. Ich wollte sie nicht allein lassen, vor allem nicht mit meinen Reflektionen über unsere Familienvergangenheit. Die Briefe haben Dinge aufgewühlt und Prozesse von Heilung angestossen.
Das Briefeschreiben schenkt so viel Zeit.
Sollten wir alle mehr Briefe schreiben?
Ja, es wäre so schön, wenn wir wieder mehr «Brieffreund*innenschaften» hätten. Das Briefeschreiben schenkt so viel Zeit: Die schreibende Person kann «die Worte weise wählen». Die lesende Person kann sich den Brief nochmals und nochmals durchlesen, bevor sie antwortet. Das ist einfach toll!
Ich finde Sprachnachrichten auch voll praktisch und alltagserleichternd. Aber schicke ich eine Sprachnachricht, in der ich einer Person von ganzem Herzen sage, dass ich sie sehr gerne mag, und welche Momente mir in der gemeinsam verbrachten Lebenszeit so richtig intensiv in Erinnerung sind? Eher nicht. Ich glaube aber, es ist so wichtig, uns wann immer möglich daran zu erinnern, wie kostbar gemeinsam gelebte Lebenszeit ist und was wir voneinander gelernt haben und wofür wir einstehen.
Beatrice Jimmy Fleischlin ist als Performer*in und Regisseur*in in der freien Szene tätig, entwickelt Theatertexte sowie Performanceprojekte. Aufgewachsen ist sie mit acht Geschwistern in einer katholischen Schaf- und Schweinezüchterfamilie in Sempach. Sie arbeitete u. a. als Bäuerin, Floristin, Altenpflegerin, Fotolabormitarbeiterin und studierte anschliessend an der Schauspielakademie Zürich (heute ZHdK).
In ihren Arbeiten erkundet Fleischlin Existenzen und Lebensrealitäten, die sich eindeutiger Zuschreibung entziehen. Sie forscht nach widerständigen Zwischenräumen, befasst sich mit queeren Identitätskonzepten und Überblendungen von biografischem Material und Fiktion. Jüngere Arbeiten entstanden in Kompliz*innenenschaft mit Diana Ammann, Savino Caruso, Ilona Kannewurf, Familie Keshava, Anton Kuzema, Meret Landolt, Nina Langensand, Isa Mauchle, Daniela Ruocco, Marcel Schwald, Kim E. Stadelmann, Nikolai Ulbricht, Living Smiley Vidya, u.a.
Eine kontinuierliche Kollaboration verbindet sie mit der Performerin Anja Meser, mit der sie auch ein Kind grosszieht. 2021 wurden die beiden vom Bundesamt für Kultur mit einem Schweizer Preis Darstellende Künste ausgezeichnet.
Beitragsbild: Diego Aramburo (l.) und Beatrice Fleischlin (r.), LETTERS, Buenos Aires, 2026. Foto © FIBA Buenos Aires.
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Schreibcafé Spezial: «LETTERS» aramburo / fleischlin
Mi, 07.10., 16–19 Uhr | Kaserne Basel, Rossstall 2 | Eintritt frei | DE & EN
«LETTERS» aramburo / fleischlin
Fr, 09. & Sa, 10.10., 20 Uhr; So, 11.10., 18 Uhr | Kaserne Basel, Reithalle
Tischgespräch zu «LETTERS» aramburo / fleischlin
10.10., 19.15 Uhr | Kaserne Basel, Reithalle: im Vorfeld zur Show



